Geschichte der Klever Schuhindustrie

9Bilder

Kleve, die Stadt der Schüsterkes

von Herbert Cloosters und Rainer Ise
Schuhindustrie in und um Kleve

Schuster/Schuhmacher am Niederrhein

Mundartlich wird der Schuhmacher am Niederrhein Schuster oder Schuster-Baas genannt, was keineswegs abfällig gemeint ist. Früher zogen Hus-Schuster mit ihrem Pöngel, d.h. einem Säckchen oder Einschlagtuch, in dem sich das Werkzeug befand, zu ihrer Kundschaft. Bei den damaligen großen Haushaltungen waren von Zeit zu Zeit eine Menge Schuhe zu reparieren.
In vielen niederrheinischen Orten bestanden schon früh Schuhmacher-Gilden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts mehrten sich die Aufträge für die niederrheinischen Schuhmacher derart, dass viele Meister eine Anzahl Gesellen einstellen mussten, um alle Aufträge erledigen zu können. Diese manufakturmäßige Schuhherstellung verbreitete sich von Kevelaer ausgehend nach Weeze, Kervenheim, Goch, Uedem, Sonsbeck und Kleve.
In Kleve entwickelte sich eine florierende Kinderschuh-Produktion, in anderen Orten, z.B. in Wetten, dem Schuster-Därp des Gelderlandes, wurden vor allem feste Arbeitsschuhe angefertigt. (Quelle: Das Niederrheinische Museum und seine Handwerkergasse, Goch 2006)
Der älteste Zweig der niederrheinischen Schuhindustrie war die Herstellung von Arbeitsschuhwerk; selbiger ist zuerst im Wallfahrtsort Kevelaer über das rein handwerksmäßige Herstellen hinausgegangen. Hier reichen die Anfänge zurück bis in die Zeit der französischen Revolution. Nicht viel später ist derselbe Gewerbezweig stark in Uedem vertreten.

Die „Schluffenschuster“ in Kleve

Am Anfang stand der sogenannte Schluffenschuster – am Ende die hochtechnisierte Schuhfabrikation als größter Arbeitgeber in Kleve. Die Herstellung von Leichtschuhen (Schluffen) in Heimarbeit und deren Vertrieb durch Hausierer waren der Beginn einer sich steigernden Entwicklung bis hin zur Industrialisierung.
Armut, Alkohol und harte Arbeit – all das prägte den Alltag der Klever Schuster. Unabhängig davon, ob der „Schluffenschuster“ mit seiner Familie und seinen Gesellen das Handwerk in seiner Wohnung betrieb oder später als Fabrikarbeiter. Billiger Alkohol (besonders Bier und Korn) war in den Jahren vor 1900 ein ständiger Begleiter.
Das alltägliche Leben war nach Berichten der damaligen Zeit so ärmlich, dass die Schuster keine Steuern zahlen mussten, weil sie kein entsprechendes Einkommen vorweisen konnten. Damit waren sie auch von bestimmten bürgerlichen Rechten ausgeschlossen. Um 1848 wird beschrieben, dass dies ein Problem besonders der Handwerker war, da es in Kleve keine Industriearbeiter gab, sondern nur ein Proletariat von Arbeitslosen, die nicht wählen durften.
Die „Schüsterkes“ in Kleve haben den Montag häufig genutzt, um sich zu betrinken und den Rausch besonders im Tiergarten auszuleben – und das zum Entsetzen der dort spazierenden sogenannten Bürgerschaft und der Badegäste, die hierfür wenig Verständnis zeigten.

Die Klever Schuhindustrie

Kleve - die Stadt der „Schüsterkes“. Diese Aussage galt für einen Zeitraum von gut einem Jahrhundert. Die Anfänge gehen zurück auf das zu Ende gehende 19. Jahrhundert. Vorreiter für die aus handwerklichen Ansätzen schließlich einsetzende Schuhindustrie waren die sogenannten „Schluffenschuster“, deren Entwicklung und Bedeutung schon an anderer Stelle dieses Beitrages angesprochen wurden. Nur kurz zur Wiederholung: Die „Schluffenschuster“ stellten in Heimarbeit bequeme Hausschuhe her – meist in bescheidenen Unterkünften, die zugleich Wohnung und Werkstatt waren.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfolgte nicht zuletzt auf Grund neuer technischer Entwicklungen (Stichwort: Pariser Weltausstellung von 1889) ein Schub in Richtung maschineller Fertigung von Waren. Wobei diese Entwicklung mitverantwortlich war für die Entwicklung der Klever Schuhindustrie. Aus relativ bescheidenen Anfängen sollte sich Kleve (damals noch Cleve geschrieben) zum Zentrum der Herstellung von Kinderschuhen auf dem europäischen Kontinent entwickeln.Im ausgehenden 19. Jahrhundert war Kleve noch Kurstadt. Die Mineralquelle verlor erst im Jahre 1914 ihre Bedeutung. Und so hatten es Industriebetriebe schwer, sich in Kleve anzusiedeln. Diese Erfahrung musste auch Simon van den Bergh, der Begründer der Klever Margarine-Werke, im Jahre 1888 machen. Die Stadt Kleve lehnte seinen Antrag auf die Ansiedlung seines Unternehmens ab, wegen der Befürchtung negativer Auswirkungen auf das Image Kleves als Kurstadt. Woraufhin van den Bergh seine Fabrik in der damals selbständigen Gemeinde Kleve-Kellen ansiedelte und die Stadt Kleve etwa 80 Jahre lang neidvoll nach Kellen blickte (wegen der Gewerbesteuern). Erst durch die kommunale Neugliederung des Jahres 1969 sollte sich dies ändern.
Diese ihre Einstellung muss die Verwaltung der Stadt Kleve dann doch wohl geändert haben. Denn bezogen auf die Schuhindustrie gab es in Kleve im Jahre 1902 schon neun Betriebe mit 650 Beschäftigten. Im Jahre 1913 bereits 15 Betriebe mit 1.500 Arbeitskräften. Kleve sollte sich zur führenden Stadt i.S. Herstellung von Kinderschuhen in Europa entwickeln. Der Herstellung von Kinderschuhen war in der Vergangenheit keine Beachtung geschenkt worden. Es gab keine Unterscheidung zwischen linkem und rechtem Fuß. Was oftmals zu Verkrüppelungen bei Kinderfüßen führte. Diese Erkenntnis (und es zu ändern) ist das Verdienst von Gustav Hoffmann und seines Schwagers Fritz Pannier. Über beide ließen sich jeweils eigene Biographien schreiben. Doch dies ist nicht das Ziel dieses Beitrages.
Die Idee von Gustav Hoffmann und seines Schwagers Fritz Pannier bestand darin, das Gewerbe zu revolutionieren. Was ihnen auch gelang. „Erst noch bessere Qualität unter Verwendung noch fußgerechterer Formen und dann erst Vergrößerung des Betriebs“, so lautete das Motto von Fritz Pannier. Eine Fabrik, die ausschließlich Kinderschuhe herstellte, war in der damaligen Zeit Neuland. Bis dahin waren Kinderschuhe nicht mehr als ein Nebenprodukt der Schuhherstellung für Erwachsene.
Hoffmann und Pannier, die zunächst eine gemeinsame Firma betrieben, trennten sich im Jahre 1908 (wohl einvernehmlich) mit der Maßgabe, sich „nicht ins Gehege zu kommen“. Hoffmann war fortan für die Fertigung von Kinderschuhen bis zur Größe 26, Pannier für die Schuhgrößen darüber hinaus verantwortlich. Insbesondere die Firma Gustav Hoffmann entwickelte sich stetig weiter, bis hin zur größten Kinderschuhfabrik des Kontinents. Allerdings nicht ohne Rückschläge. Je nach den Zeitverhältnissen, bedingt durch die Konjunkturschwankungen infolge der beiden Weltkriege und den Nachkriegsschwankungen, traten in den Entwicklungen der Klever Schuhindustrie (auch bei Hoffmann) Stockungen und Rückschläge ein. Der 2. Weltkrieg setzte eine entscheidende Marke. Durch die weitestgehende Zerstörung Kleves war (natürlich auch) die Klever Schuhindustrie betroffen. Deren Produktionsstätten wurden durch die Alliierten im Oktober 1944 fast ganz in Schutt und Asche gelegt.
Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen: Die Schuhindustrie in Kleve und seiner näheren Umgebung bestand nicht nur aus den Fabriken Hoffmann und Pannier. Sie waren allerdings die bedeutendsten und verhalfen Kleve zur überragenden Bedeutung, was die Fertigung von Kinderschuhen betraf. Daneben aber gab es viele andere Schuhfabriken, geschätzt etwa 40 bis 45 im Laufe vieler Jahrzehnte. Nachfolgende Zahlen sind Ausdruck dafür, welche enorme Bedeutung die Schuhindustrie für Kleve hatte.
Wenn man bedenkt, dass Kleve im Jahre 1910 etwa 18.000, im Jahre 1939 ungefähr 22.000 und im Jahre 1968 ca. 23.000 Einwohner hatte. Erst im Jahre 1969 erhöhte sich Kleves Einwohnerzahl – bedingt durch die kommunale Neugliederung – auf etwa 45.000 Einwohner. Die Relationen zwischen den Einwohnerzahlen Kleves und den Beschäftigtenzahlen in der Schuhindustrie machen deutlich, wie viele Menschen resp. Familien von der Beschäftigung in der Schuhindustrie abhingen.
1902 gab es 9 Betriebe mit 650 Arbeitskräften
1913 waren es 15 Betriebe mit 1.500 Arbeitskräften
1926 waren es 20 Betriebe mit 3.000 Arbeitskräften
1938 waren es 30 Betriebe mit 3.000Arbeitskräften
1954 waren es 28 Betriebe mit 4.600 Arbeitskräften.
Die vorstehenden Zahlen sind zum Teil geschätzt. Die Größe der Betriebe reichte von kleinen Betrieben mit 10-20 Arbeitskräften bis hin zu einem Großbetrieb mit fast 3.000 Beschäftigten.
Einige Firmen bestanden nur relativ kurze Zeit, andere waren über viele Jahrzehnte am Markt tätig.
Ohne Anspruch auf Vollständigkeit seien hier Klever Schuhfabriken alphabetisch genannt:
van Ackeren / van Ackeren & Derks / Anton Artz
Heinrich Bause / Heinrich Beckmann / Wilhelm Böhmer / Gebr. van Briel / August Büchi
Herrmann van Deel
Johannes Franken
Gebr. Grüntjens
Gebr. Hinterberg / Heiermann & Co. / Haas & Co. / Gebr. Hinterberg / Gustav Hoffmann / Hoffmann & Schiffer / Hermann Hunk
Ilbertz
Wwe. Joh. Jakobs / Heinrich Jansen / H. Janzen
Albert Kersting / Killemann & Co. / Hedwig Kirsche / Josef Kleinmanns “Jugendglück” / Jakob Kleinmanns & Söhne / Johann Kleinmanns “Spitz” / Gebr. Kleinmanns / Fritz Kogelboom / Wilhelm Kühn / Alois Kratzer
Hermann Lagarde / Hermann-Theodor van Leyen / Constantin Ludwig / van de Louw / Wilhelm Lümmen
Heinrich Meulemann / Wilhelm Mittmann
Anton van Offeren / Theodor Heinrich Oomen / Ott & Sohn / Otten & Leenders
Fritz Pannier / Pannier & Hoffmann
Bernhard Rave / Wilhelm Rogmann
Schlimper & Co. / Paul Schneitler Co. / Th. Schraven / Heinrich Seeger
Terbuyken
Johann Uhing / Johann Ulino
Th. Verheyen / Heinrich Viell
H. Westermann
Die Firma Bause hatte ihren Firmensitz im damals eigenständigen Kellen, heute Ortsteil von Kleve. Die Firma Terbuyken produzierte in den Räumlichkeiten des heutigen Museums Kurhaus Kleve. Die Firma Kleinmanns hatte ihren Sitz in Keeken, einem heutigen Ortsteil von Kleve. Sie produzierte dort in ihrer Blütezeit mit etwa 80 Mitarbeitern. Alle Firmen und deren Geschichte auch nur ansatzweise an dieser Stelle aufzuführen, würden zum einen Rahmen und Zielsetzung unseres Beitrages über die Klever Schuhindustrie sprengen. Zum anderen gibt es über sie auch nicht so viele Quellen wie über die großen Klever Schuhfabriken.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges galt es, die zerstörten Produktionsstätten wieder aufzubauen. Mit dem ungeheuren Willen und der Tatkraft der Menschen, die gerade erst einen der schrecklichsten Kriege überlebt hatten, gelang dies in erstaunlich kurzer Zeit. Anfang der 1950-er Jahre waren bereits wieder ungefähr 3.000 Menschen in den verschiedenen Klever Schuhfabriken, 1954 gar etwa 4.600 Menschen dort beschäftigt. Die Klever Schuhindustrie boomte. Jedes dritte Kind in Deutschland lief damals mit Schuhen aus niederrheinischer Fertigung. Die Firmen Pannier und Hoffmann hatten je ein Markenzeichen für ihre Schuhe. Die Firma Pannier einen Storch, der heute noch als (goldener) Storch auf dem noch vorhandenen Schornstein der früheren Fabrikhallen thront und die Erinnerung an die ruhmreichen Zeiten der Firma Pannier aufrecht erhält. Markenzeichen der Firma Gustav Hoffmann und Synonym für Kinderschuhe aus Kleve war der Elefant.
Den glänzenden Jahren sollten schon bald schlechtere folgen. Der sogenannte „Pillenknick“ der 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts, später als „demographischer Wandel“ bezeichnet, bereitete der Klever Schuhindustrie mehr und mehr Probleme. Innerhalb weniger Jahre änderte sich das Umfeld für die Kinderschuhe aus Kleve dramatisch. Als Folge des Pillenknicks brach die Hälfte des Marktes weg. Viele Schuhfirmen mussten schließen, so auch die einstmals so bedeutende Firma Pannier. Hoffmann blieb, wenn auch mit Problemen.
Doch konnte auch die Firma Hoffmann die heraufziehenden Wolken nicht ignorieren. Der Produktionsstandort Niederrhein war im globalen Wettbewerb zu teuer geworden. Ende 2001 fügte sich das Traditionsunternehmen Hoffmann den Zwängen des Marktes. Die Entscheidung, die Herstellung in Kleve aufzugeben, bedeutete das Ende der industriellen Kinderschuhherstellung in Kleve. Am 30. Juli 2004 erfolgte die Schließung des Unternehmens durch den neuen Eigentümer, die britische Unternehmensgruppe C & J Clark Ltd.
Mit diesem Datum endet die erfolgreiche und glorreiche Zeit Kleves als Stadt der „Schüsterkes“. Was bleibt? Die Erinnerung an Kleves große Zeit als europäisches Zentrum der Herstellung von Kinderschuhen. Heute gibt es in Kleve noch einen einzigen Schuhhersteller, Norbert Leenders. Der eine Marktnische entdeckt und sich auf die Fertigung von Karnevalsschuhen/-stiefeln fokussiert hat. Norbert Leenders hat seine Ausbildung übrigens noch bei Hoffmann absolviert …

Vier „Zeugen“ erinnern heute noch an Kleves große Zeit der Schuhindustrie:

1. Das Schüsterken („Spuckmänneken“) am Spoykanal
2. Die Skulptur am EOC-Gelände (ehemalige Hoffmann-Produktionsstätten)
3. Der 60 Meter hohe Schornstein am EOC-Gelände
4. Der Schornstein (mitsamt Storch) auf dem Gelände der ehemaligen Produktionsstätten der Firma Pannier.

der Artikel als PDF
Autoren: Herbert Cloosters, Rainer Ise 2013

Autor:

Rainer Ise aus Weeze

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

7 folgen diesem Profil

2 Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.