Fische schwimmen in der Unterwelt

Döbel gehören zu den Bewohnern der "Unterwelt", aber auch Aale, Barsche und ein Goldfisch.
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  • Döbel gehören zu den Bewohnern der "Unterwelt", aber auch Aale, Barsche und ein Goldfisch.
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Die Seseke und der Datteln-Hamm-Kanal haben in Horstmar eine ganz besondere Kreuzung: einen Düker, der das Sesekewasser in einem Rohrsystem unter dem Kanal entlangführt. Ein wenig erinnert das Bauwerk an einen Siphon am Waschbecken, allerdings ist die „Krümmung“ gerade und 170 Meter lang – und hier ging es nun auf Fischfang.

Von Stephanie Tatenhorst

Zuständig für den Düker ist das Wasser- und Schifffahrtsamt Rheine mit dem Außenbezirk Hamm. „Beim Düker handelt es sich um ein Bauwerk unter einem Bauwerk“, erklärt Peter Holthaus, Leiter des Außenbezirks Hamm. „Das ist schon etwas Besonderes, denn aufgrund seiner Größe ist er auch einmalig. Am Datteln-Hamm-Kanal gibt es sonst nur noch den Ahse-Düker.“  Der Düker gilt als Ingenieursbauwerk, und die unterliegen einem regelmäßigen Prüfrhythmus. Alle sechs Jahre wird der Düker deshalb trockengelegt, gereinigt und überprüft. „Wenn dann kleinere Schäden auffallen, werden sie sofort beseitigt“, erklärt Holthaus. Der Düker der Seseke sei jedoch in einem sehr guten Zustand.  Rund sechs bis acht Wochen werden die Arbeiten dauern, das Hauptrohr des Dükers ist außer Betrieb genommen und mit Dammtafeln abgesperrt. Aufgestaut wird die Seseke dadurch aber nicht in besonderem Maße. Der Düker besteht aus mehreren Rohren, die alle nur bei Hochwasser der Seseke in Anspruch genommen werden. Nun können diese als Umlauf genutzt werden. In der Hauptröhre sind die Arbeiter daher sicher.

Fang-Aktion schützt die Fische

Bevor die Arbeiten darin allerdings beginnen konnten, musste der Düker leergepumpt und der ganze Schlamm beseitigt werden. „Seit dem Umbau ist die Dreckmenge aber deutlich weniger geworden“, weiß Holthaus. Die Seseke sei wieder ein Fluss und kein Abwasserkanal, in dem früher von Autoreifen bis zum Kühlschrank viel Unrat gefunden wurde. „Die Zeiten sind zum Glück vorbei. Und wir haben weniger Schlamm entfernt als wir kalkuliert haben“, sagt Holthaus.  Dafür bringt der nahezu natürlich verlaufende Fluss ein anderes Problem mit sich: Fische. Die können natürlich mit dem Seseke-Wasser in den Düker gelangen – und theoretisch auf der anderen Seite wieder herausschwimmen. „Aber sie finden dort alles, was sie zum Leben brauchen“, weiß Kreisfischereiberater Michael Prill. „Die brauchen sich eigentlich nur in die Strömung zu stellen und das Maul aufzumachen.“ Würde das Wasser des Dükers einfach so abgepumpt, würden die Fische elendig verenden. Um das zu verhindern, gab es in der vergangenen Woche eine Fangaktion, bei der die Tiere gleich gezählt und in ihrer Art bestimmt wurden. Weil die Fischereirechte entlang der Seseke beim Angelsportverein Kamen liegen, waren es zwei Mitglieder, die oben die Fische vermaßen, bestimmten und Zahl und Größe dokumentierten, während Michael Prill unten im Düker die Wannen immer wieder aufs Neue befüllte.

Arbeit im fauligen Schlamm

Morgens um 9 Uhr beginnen die Männer, um 15.15 Uhr steigt Michael Prill wieder nach oben. Die Zeit dazwischen ist arbeitsintensiv. „Barbe, Döbel, Rotauge“, sagt Hans-Jörg Klaer am laufenden Band, während Gerd Knepper auf seinen Listen einen Strich nach dem anderen macht. Kaum ist ein Bottich leer, wird über die Hebe- und Sauganlage des Spezialfahrzeugs ein weiteres Fass aus der Tiefe nach oben geholt und die Arbeit beginnt von neuem. In der Regel reicht ein Blick auf den Fisch, um seine Art zu bestimmen. Manches Mal muss Klaer aber genauer gucken, vor allem bei den kleinen Fischen. Dann werden die Flossen gespreizt, die Heckflosse unter die Lupe genommen und der Kopf des Tieres genau begutachtet. Am Ende wurden 1.957 Tiere gesichtet und vermessen, dabei 16 verschiedene Arten festgestellt und auch Krebse. Michael Prill hatte es nicht einfacher. Er stand bis zu den Hüften im Schlamm des Dükerwassers, umgeben von Fäulnisgasen und undurchdringlicher Dunkelheit. „Ich hatte nur meine Kopflampe“, beschreibt Prill. „Gruselig“ sei es für ihn gewesen, als er die Bisamratten bemerkte. Prill hatte den Düker mit Hilfe des Elektrofischens abgekeschert. Ein kleiner Stromschlag im Wasser sorgt dafür, dass die Fische kurzzeitig betäubt werden und an die Oberfläche kommen. Bei einer Düker-Länge von 170 Metern musste Prill das jedoch oft tun – und die volle Wanne mit Fisch jedes Mals aufs Neue durch die rund drei Meter breite Röhre bis zum Ausgang schieben, jedes Mal durch den hüfthohen Schlamm. Muskelkater in den Oberschenkeln war da programmiert.

Aale, Barben und sogar ein Goldfisch

Der Einsatz hat sich jedoch gelohnt. Der Kreisfischereiberater ist vom Ergebnis begeistert. „Wir haben 60 große Barben gefangen“, erklärt er. Dieser Grundfisch ist der Leitfisch der Lippe – und dass er in die Seseke geht, sei ein gutes Zeichen. „Den haben wir erst vor kurzem erstmalig nachweisen können.“ Die großen, armdicken Aale wurden in der Lippe wieder ausgesetzt, die übrigen Fische oberhalb des Dükers. „Die haben erst mal in der Strömung gestanden und ihre Kiemen gereinigt. Man sah richtig, wie sich da kleine Bröckchen lösten“, beschreibt Prill. Nach einer Weile erkundeten die Fische dann ihre neue Umgebung. Erfasst wurden bei der Aktion 4 Aale, 64 Barben, 1 Blaubandbärbling (Aquariumfisch), 6 Brassen, 1.521 Döbel, 7 Flussbarsche, 1 Goldfisch, 1 Groppe, 51 Grundlinge, 53 Hasel, 1 Koi, 3 Nasen, 1 Quappe, 96 Rotaugen, 8 Rotfedern, 137 Ukelei sowie 2 Kamberkrebse, eine amerikanische Flusskrebsart.

Thema "Fische" im Lokalkompass:
Tierfreund Justus rettet Fischen das Leben

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