Stücke 2019
"Rhythmus alleine reicht nicht" - Höll fiel in der Zuschauerreaktion durch

Im Eingangsbereich zur Disko wird es eng - Stammgäste und Eindringlinge tummeln sich. Wird es gut gehen?
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  • Im Eingangsbereich zur Disko wird es eng - Stammgäste und Eindringlinge tummeln sich. Wird es gut gehen?
  • Foto: Handout Schauspiel Leipzig/Rolf Arnold
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Wolfram Höll ist ein alter Bekannter bei den Zuschauern des Mülheimer Dramatikerpreises. "Disko" ist bereits das vierte Stück, mit dem er nominiert wurde. 2014 und 2016 konnte Höll den mit 15.000 Euro dotierten Preis  gewinnen. Entsprechend groß waren die Erwartungen der Zuschauer am Mittwoch und Donnerstag bei den ausverkauften Aufführungen. Und sehr viele waren enttäuscht.

Von Andrea Rosenthal

 Wolfram Höll greift in "Disko" ein aktuelles Thema auf: Flüchtlingsströme und Abschottungsversuche. Der Türsteher der Disko entscheidet, wer hineindarf und wer in der Warteschlange verbleibt. Die Flüchtlinge erzählen von ihrer Reise um die Welt. Nach und nach werden sie hereingelassen. Man versucht, sich kennenzulernen - scheitert, beginnt neu.

Das Spannende an Hölls Stück war der Versuch, Sprache in Musik zu übersetzen. Schon der Leser von Disko muss sich durch eine siebenspaltige Exeltabelle kämpfen. Jeder der Protagonisten hat eine Spalte. Teilweise reden die Schauspieler gleichzeitig. Lautmalerei wie "Bums", "Tschick", "Bam", und an das Tempo moderner Tanzmusik angepasster Sprechrhythmus durchziehen ähnlich einer Partitur das Stück. Was die Auswahljury überzeugte, kam beim Mülheimer Publikum überwiegend nicht an.

Einige Zuschauer gingen vorzeitig. "Rhythmus alleine reicht einfach nicht", brachte eine Zuschauerin die Mehrheitsmeinung auf den Punkt. Dem Text fehlte, für Höll sehr ungewöhnlich, der inhaltliche Tiefgang. So blieb seine Sicht auf das aktuelle Flüchtlingsthema zu oberflächlich. Die Figuren des "besorgten Bürgers" und des "Gutmenschen" waren zu sehr  Klischee, um zu überzeugen. Die Funktion des "flirtenden Singles" ging im Tempo des Stücks verloren.

Allein - an den Darstellern lag es nicht. Julia Berke, Thomas Braungardt, Anne Cathrin Buhtz, Andreas Herrmann, Roman Kanonik, Daniela Keckeis und Anna Keil setzten das schwierige Stück leidenschaftlich um. 75 Minuten lang ackerten sie auf Fahrrädern und Laufbändern, drängten durch die Tür und warfen dabei noch perfekt dirigiert und punktgenau ihre Textfetzen ins Publikum.

Das brachte dem Ensemble des Schauspiels Leipzig am Ende auch mehr als einen Höflichkeitsapplaus ein. Beim Hinausgehen war im Treppenhaus zu hören: "Hoffentlich wird es am Freitag besser." Antwort: "Von der Jelinek ist jedenfalls mehr Text und Tiefgang zu erwarten."

Für die Aufführung von Elfriede Jelineks Werk "Schnee Weiss - Die Erfindung einer alten Leier" am Freitag, 17. Mai, um 19.30 Uhr, in der Stadthalle Mülheim sind noch wenige Restkarten zu haben.

Zum Stücke-Blog geht es hier.

Im Eingangsbereich zur Disko wird es eng - Stammgäste und Eindringlinge tummeln sich. Wird es gut gehen?
Andreas Herrmann wacht als Türsteher über die Grenze zur Disko "Deutschland".

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