Buchtipp der Woche: Das Ende am Galgen

Lukas Hartmann: Räuberleben. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2012, 346 Seiten, 22,90 Euro

„Da hingen sie nun zu viert an ihren Stricken: Duli, Wenzel, Nottele und ihr Hauptmann Hannikel, mit heraushängenden Zungen, die verfärbten Gesichter verzerrt, dunkel gefleckt die Hosen.“ Wir befinden uns im Jahr 1787, und mehr als 10000 Menschen verfolgen im Neckarstädtchen Sulz die Hinrichtung eines zuvor über viele Jahre gejagten Räuberquartetts.

Der 67-jährige Schweizer Schriftsteller Lukas Hartmann (Foto) rekonstruiert in Rückblicken die aufregende Lebensgeschichte des Sinti-Clanchefs Hannikel, der unter dem bürgerlichen Namen Jakob Reinhardt geboren wurde und der sich im Romanverlauf als höchst ambivalenter Charakter entpuppt. Diese historische Figur, die ein wenig an den „Schinderhannes“ aus Carl Zuckmayers Theaterstück und Gerd Fuchs‘ gleichnamigen Roman erinnert, geht auf den Beutezügen äußerst brutal vor, präsentiert sich aber andererseits im Umgang mit der eigenen Familie als absolut fürsorglich.
Hannikels großer Gegenspieler ist der Sulzer Beamte Jacob Schäffer, der die Verfolgung des Sinti-Anführers zu seiner Lebensaufgabe gemacht hat. An seiner Seite hat Autor Lukas Hartmann die innerlich zwiegespaltene Figur des Wilhelm Grau positioniert. Grau ist zwar Stadtschreiber von Sulz und fungiert in dieser Rolle als Schäffers gehorsamer Adlatus, doch gleichzeitig entwickelt er nicht zu übersehende Sympathien für Hannikels Sohn Dieterle.
Autor Lukas Hartmann, der sich schon in den zurückliegenden Jahren mit „Die letzte Nacht der alten Zeit“ (2007) und „Bis ans Ende der Meere“ (2009) als Virtuose des historischen Romans ausgewiesen hatte, erzählt aus alternierenden Perspektiven: aus der Sicht des ums nackte Überleben kämpfenden Hannikel, aus der beinahe neutralen Position des total vereinsamten Stadtschreibers Grau, der das Gros seiner Familie durch eine Epidemie verloren hatte, und aus dem Blickwinkel des mitleiden Sohnes Dieterle.
Handlungsauslöser für den tobenden „Zweikampf“ zwischen Schäffer und Hannikel war ein sogenannter „Ehrenmord“, dem ein abtrünniger Sinti zum Opfer gefallen war, nachdem er zuvor Soldat geworden war und Hannikels Bruder die Frau ausgespannt hatte. Danach beginnt die unerbittliche Verfolgung. Hannikel flieht mit seinen Männern nach Graubünden, sein Widerpart Schäffer verfolgt ihn bis nach Chur.
In Lukas Hartmanns äußerst spannend inszenierter Handlung wächst Hannikel - fernab jeglicher idyllisierender Lagerfeuerromantik - über die Rolle des Schurken hinaus und nimmt den (zwar aussichtslosen) Kampf mit dem Württemberger Landesherrn, Herzog Karl Eugen auf.
Der in Spiegel bei Bern lebende und mit der Bundesrätin Simonetta Sommaruga verheiratete Autor Lukas Hartmann hat sich ganz behutsam mit dem Hannikel-Stoff auseinander gesetzt - immer zwischen Fakten und Fiktion, zwischen Erzähler und Chronist pendelnd.

Historisch und aktuell

„Ihr Leben ist geprägt von Not und krimineller Überlebensenergie. Mich interessierte, wie Räuber zu Reizfiguren werden, die man je nach Sichtweise idealisiert oder dämonisiert“, erläuterte Hartmann seine künstlerischen Beweggründe.
Und wer mag, der findet in diesem bunten historischen Zeitgemälde auch reichlich Querverweise in die Gegenwart: vom heiklen Thema „Ehrenmord“, über Fremdenfeindlichkeit bis zu den Schikanen gegen Nicht-Sesshafte.
Insofern ist „Räuberleben“ ein höchst aktueller Roman in historischem Gewand - aus der Feder eines (leider) immer noch unterschätzten Autors.

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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