BUCHTIPP: Wenn sich der Körper langsam auflöst

Der ehemalige Lehrer Markus Orths versucht in seinen Romanen stets den schwierigen Spagat zwischen künstlerischem Anspruch und massenkompatibler Unterhaltung. Zuletzt war ihm dies in seinem Roman „Das Zimmermädchen“ (2008) ganz hervorragend gelungen.
Darin erzählte der heute 44-jährige Autor von einer psychisch angeschlagenen Frau, die sich in ihrem Job als Zimmermädchen in eine bedrohliche Lage gebracht hatte und nur noch unter das Bett eines Gastes fliehen konnte. „Es ist, als gehöre sie unsichtbar dazu, ein Inventar, das sich ab und zu kaum wahrnehmbar bewegt“, hieß es über diese Figur.
Nun spinnt der in Karlsruhe lebende Orths diesen thematischen Faden weiter und verpasst seinem Protagonisten Simon Bloch gar eine Tarnkappe: „Wer bin ich, wenn mich niemand sieht?“ Der passionierte Zeitungsleser Bloch fand die mysteriöse Kappe in einem Koffer, den ihm ein Jugendfreund zur Aufbewahrung anvertraut hatte und wandelt fortan auf den Spuren des Zimmermädchens. Die blutbefleckte Kopfbedeckung riecht nicht nur äußerst seltsam, sie scheint ihren Träger auch handfest zu beeinflussen: „Simon schien, als löse sich sein Körper auf, langsam Stück für Stück.“
Unter der zerlumpten Kappe wird der zurückgezogen lebende Bloch ein völlig anderer Mensch, eine dunkle, bisher verborgene Seite in ihm tut sich auf, die Kraft des Bösen sucht sich ihren Weg, eine nicht zu unterdrückende kriminelle Energie erwacht im Schutz des Ungesehenseins. Ausgerechnet in diesem disparaten Zustand fühlt sich der Protagonist, dessen Frau in jungen Jahren gestorben ist, endlich wieder einmal glücklich: „Was für eine Entlastung, dachte Simon, sich selbst für ein paar Stunden nicht sehen zu müssen, nicht zu sehen, wie man sich abstrampelt.“
Markus Orths spielt hier ganz gezielt mit Anleihen aus romantischen Märchen und lässt die Grenzen zwischen Gut und Böse bewusst verschwimmen. „Die Tarnkappe“ liest sich mal wie ein Krimi, mal wie eine Komödie, und wieder steht eine Figur im Mittelpunkt, die sich auf dem ganz schmalen Grat zwischen Normalität und Wahn bewegt. Man darf schon jetzt gespannt sein, denn Orths ließ verlauten, dass er eine „Trilogie der Unsichtbarkeit“ plane. Freuen wir uns auf seinen dritten Streich.

Markus Orths: Die Tarnkappe. Roman. Schöffling Verlag, Frankfurt 2011, 223
Seiten, 19,95 Euro

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