Matthias Jüglers Roman „Maifliegenzeit“
Der verlorene Sohn und der Fluss

"Ich glaube, wenn mir so etwas passieren würde wie dem Hans – er hat ja auch irgendwann das Gefühl, da stimmt irgendetwas nicht – scheint mir das gar nicht abwegig zu sein, seinen Trost am Fluss zu suchen“, hat Autor Matthias Jügler über den „Leidensweg“ seiner Hauptfigur befunden.

Der Ich-Erzähler Hans ist pensionierter Lehrer und leidenschaftlicher Angler. Er war mit Katrin verheiratet, und das Paar hatte sich 1978 auf ihr Kind gefreut, das kurz nach der Geburt (so die offizielle Version der DDR-Behörden) gestorben sein soll. Sie durften das Kind nicht einmal sehen. Katrin hatte sofort Zweifel angemeldet, Hans hat sich hingegen irgendwann dem Schicksal ergeben und alle Dokumente unterschrieben. Ein „normales“ Leben war für das Paar danach nicht mehr möglich.
Katrin zerbricht innerlich, die Ehe geht in die Brüche, die Frau stirbt kurz nach der Wende. Bei ihrer letzten Begegnung verspricht Hans ihr, sich doch noch auf die Suche ihres Sohnes zu begeben.
Autor Matthias Jügler, 1984 in Halle/Saale geboren, studierte Skandinavistik in Greifswald und Oslo sowie später kreatives Schreiben am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Er avanciert immer mehr zu einer Art Meister der Rekonstruktion ostdeutscher Biografien. In seinem Vorgängerroman „Die Verlorenen“ (2021) begab sich der Protagonist auf die schmerzvolle Suche nach seinen eigenen Wurzeln und puzzelte dabei die Biografien seiner Eltern zusammen.
Hans erfährt bei seinen Recherchen in der einstigen Klinik, dass es eine „nicht-öffentliche“ Akte gibt. Eine Rechtsmedizinerin, die sich zunächst des „Falls“ annehmen wollte, macht plötzlichen einen „Rückzieher“. Der Protagonist ist der Resignation nahe, zieht sich noch mehr zurück und geht seiner großen Leidenschaft nach – dem Angeln. Der Fluss Unstrut (umgeben von Weinbergen) wird mit seiner Ruhe für Hans zu einer Art Ersatzheimat, ein Gegenpol zu seinem aufregenden, bisweilen schmerzhaftem Leben, ein Ort des Abschaltens und Insichgehens. Als passionierter Angler sieht er jedes Jahr in den Tagen um Pfingsten, dass die Larven der Eintagsfliegen schlüpfen. Ähnlich wie bei den Maifliegen war auch vielen Kindern in der DDR in der offiziellen Lesart nur ein kurzes irdisches Dasein beschieden.
Auror Matthias Jügler erfuhr von diesem Geschehen durch die "Interessengemeinschaft gestohlene Kinder in der DDR", einem Verein betroffener Eltern in Leipzig, denen die Kinder entzogen und an verdienstvolle, kinderlose Parteifunktionäre weitergegeben wurden.
Vierzig Jahre hat Hans mit dem angeblichen Tod des Kindes gelebt, dann erhält er einen Anruf, weil der Sohn vor seiner geplanten Hochzeit auf Unstimmigkeiten im Familienbuch gestoßen ist.
Die beiden treffen sich im Süden Leipzigs nach vierzig Jahren. Daniel trägt nicht nur einen anderen Namen, Martin, er ist auch mit einer völlig anderen Biografie aufgewachsen. Vater und Sohn begegnen sich wie Fremde. Autor Matthias Jügler evoziert mit klarer, völlig unpathetischer Sprache eine Atmosphäre der völligen emotionalen Eisigkeit.
In „Maifliegenzeit“ werden mehrere Biografien mit staatlicher Brachialgewalt zerstört. Zurück bleiben entwurzelte Individuen, deren Lebenswege von der teils unbarmherzigen Politik entzweit wurden. „Für mich war die Natur was ganz Tröstliches beim Schreiben“, hatte Matthias Jügler nach Fertigstellung seines nur auf der Waage leichten Romans erklärt. Ein Roman, der lehrreicher ist als viele Geschichtsbücher.

Matthias Jügler: Maifliegenzeit. Roman. Penguin Verlag, München 2024, 156 Seiten, 22 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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