Er liebte die extremen Töne - Zum Tod des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki

Er hat immer polarisiert, gern quer geschossen und sich dem Mainstream beharrlich widersetzt. So auch bei seinem letzten großen Fernsehauftritt, als ihm am 11. Oktober 2008 der Deutsche Fernsehpreis verliehen werden sollte. Marcel Reich-Ranicki lehnte die Aus­zeichnung ab und erklärte sicht­lich echauffiert: „Wütend gemacht hat mich, dass fast alle preisge­krönten Darbietungen auf einem erbärmlichen Niveau waren.“

13 Jahre lang hatte er in 77 Sendungen des „Literarischen Quartett“ im ZDF mit wechselnden Ge­sprächspartnern Neuerscheinun­gen auf dem Büchermarkt vorgestellt, ehe die Reihe, die ihn weit über die Kulturszene hinaus bekannt ge­macht hat, im Dezember 2001 eingestellt wurde. Niemand verriss Bücher so gnadenlos und lobte so enthusiastisch, kein anderer Kritiker im deutschen Sprachraum war so erfolgreich und gleichzeitig umstritten, kein zweiter hat die Entwick­lung der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur so nachhaltig beein­flusst und die Literaturkritik gar als öffentliches (wenn auch fragwürdi­ges) TV-Bühnenspektakel etabliert.
Marcel Reich-Ranicki wurde am 2. Juni 1920 in Wloclawek an der Weichsel als Sohn polnisch-jüdisch-deutscher Eltern geboren, wuchs ab 1929 in Berlin auf, ehe er 1938 von den Nazis nach Polen depor­tiert wurde, wo er später im Warschauer Getto lebte. In größter exi­stenzieller Not suchte er Zuflucht (ausgerechnet) in der deutschen Li­teratur.
Wie konnte (fragt man sich als Leser seiner überaus erfolgreichen Autobiografie „Mein Leben“) ein Mensch, dessen Biografie bis zum 38. Lebensjahr nur aus „Katastrophen“ bestand, dies alles überste­hen? Wohl tatsächlich nur durch die beiden Fixpunkte in seinem Le­ben, durch die doppelte Liebe: Seine vor zwei Jahren verstorbene Frau Teofila und die deutsche Literatur gaben ihm auch in schlimmsten Zeiten die notwendige, stär­kende Rückendeckung.
Schon bevor er 1958 als geläutertes und mehrfach inhaftiertes, ehe­maliges KP-Mitglied in die Bundesrepublik übersiedelte, hatte er sich in Polen als Kritiker, Übersetzer und Essayist einen Namen gemacht. Danach schrieb er Kritiken für die „Zeit“, für diverse Rundfunkanstal­ten und leitete fünfzehn Jahre lang (von 1973 bis 1988) den Litera­turteil der FAZ.
Er förderte mit überschwänglichem Lob so unterschiedliche literari­sche Charaktere wie Sarah Kirsch und Peter Maiwald, Ulla Hahn und Thorsten Becker, Wolfgang Koeppen und Thomas Bernhard, Patrick Süskind, Hermann Burger und Andrzej Szczypiorski, den er für den deutschen Buchmarkt „entdeckte“.
Unter Reich-Ranickis Ägide sind bei der FAZ die Serie „Romane von gestern - heute gelesen“ und die noch heute jeden Samstag erschei­nende „Frankfurter Lyrik-Anthologie“ (beides liegt in Buchform vor) entstanden. Zahlreiche lesenswerte Essaybände stammen aus seiner Feder, vor allem Brillantes über seinen bevorzugten Autor Thomas Mann. „Es deckte sich hier ganz und gar: das Hobby und der Job, die Passion und die Profession“, schrieb Reich-Ranicki in seiner Autobio­grafie über seine Tätigkeit bei der FAZ.
Er hat kraft seiner erworbenen Autorität nie einen Hehl dar­aus gemacht, dass er stark subjektive Urteile fällt, was ihm von Auto­renseite oftmals den Vorwurf der arroganten Willkür eintrug. „Der Kri­tiker, der tut, als würde er ganz und gar objektiv ein Buch beurteilen, betrügt den Leser“, beharrt Reich-Ranicki auf seiner Position als Lite­raturvermittler, die den Leser in den Vordergrund stellt und ein klar ablesbares Urteil impliziert. Er liebt die extremen Töne, polarisiert be­wusst und fordert zum Widerspruch heraus. Wer kennt sie nicht, seine apodiktischen Statements vom Kaliber „dieses Buch langweilt mich, oder „es gibt heute in Deutschland keinen Autor mehr, der einen gu­ten Roman von mehr als 300 Seiten schreiben kann“.
Das war der „neue“ Marcel Reich-Ranicki, der über mehr als ein Jahr­zehnt auch das literarisch unversierte TV-Publikum an das „Quartett“ zu fesseln verstand - mit seinem oberlehrerhaften Auftreten, mit sei­nem spontanen Witz und auch mit seiner scharfzüngigen Bosheit.
Reich-Ranicki konnte sehr wohl auch verletzend sein. Dies musste seine langjährige „Quartett“-Mitstreiterin Sigrid Löffler im Sommer 2000 erfahren. Über einen Roman des Japaners Haruki Murakami und über Erotik in (und auch außerhalb) der Literatur kam es vor lau­fenden Kameras zu einer Eskalation, die mit dem sofortigen Rückzug Löfflers endete. Öffentlich ausgetragene persönliche Scharmützel gab es auch mit Günter Grass (beide haben sich vor 2005 Jahren „ver­söhnt“) und Martin Walser - zugespitzt nach dessen Roman „Tod ei­nes Kritikers“ (2002), in dem sich Reich-Ranicki nicht nur wiederer­kannt haben wollte, sondern dem er auch eine antisemitische Grund­haltung attestierte. „Warum hatte er nicht die Größe einzugestehen, dass das Buch ein Fehler war?“, fragte Reich-Ranicki in einem „Focus“-Interview.

Am Mittwoch ist Marcel Reich-Ranicki, der bedeutendste, aber auch streitbarste, deutschsprachige Literaturkritiker der Nachkriegszeit in Frankfurt nach langer schwerer Krankheit im Alter von 93 Jahren gestorben.

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