John von Düffels Roman „Der brennende See“
Lebende Altlasten

„Ich glaube, dass sich das Thema in sehr kurzer Zeit massiv zuspitzen wird, und damit werden wir auch einen schärferen Generationenkonflikt erleben“, hatte der Schriftsteller John von Düffel kürzlich im Gespräch mit dem „Handelsblatt“ erklärt. Gemeint ist die aktuelle und äußerst kontroverse Diskussion um die „Fridays for future“-Bewegung, die auch im Mittelpunkt des neuen Romans des 54-jährigen Autors steht, der seit vielen Jahren als Dramaturg am Deutschen Theater in Berlin arbeitet.

Ganz aktuell wollte John von Düffel offensichtlich sein, er hat rasch auf das Freitags-Phänomen reagiert, allerlei autobiografische Details einfließen lassen und daraus einen Roman konstruiert, der auf so herzzerreißende Weise „gut“ gemeint ist, dass man sich am Ende fragt, ob man aus diesem Stoff und mit von Düffels Intention nicht besser zwei oder drei Ratgeberbändchen verfasst hätte.
Der Autor räumte ein, dass er mit seiner Tochter die Freitagsdemonstrationen besucht hat und dort auf viele Schüler, Studenten, aber auch etliche Rentner traf. Seine Generation fehlte allerdings weitestgehend. Damit sind wichtige Eckpunkte verankert und Charaktere vorbestimmt. Die mittlere Generation kommt ergo ziemlich schlecht weg.
Hannah verkörpert diese Gruppe, die im Roman ein privilegiertes, selbstzufriedenes und nahezu unpolitisches Leben führt . Sie ist dabei den Nachlass ihres verstorbenen Vaters (ein eigenwilliger, nicht mainstreamkonformer Schriftsteller) zu sichten. Dabei stellt sie fest, dass er sie enterbt und eine Stiftung begünstigt hat und dass er ein „seltsames“ Verhältnis zu einem jungen Mädchen unterhielt – zur Tochter ihrer einstigen Jugendfreundin Vivien.
Jene Julia (eine Art Greta Thunberg in Bonsai-Format) ist eine engagierte, auch vor radikalen Aktionen nicht zurückschreckende Umweltschützerin. Sie setzt sich in einem rekordverdächtig heißen April vehement für den natürlichen Erhalt eines nahegelegenen Baggersees ein, dessen Existenz gleich doppelt gefährdet ist. Er wird als wilde Müllkippe missbraucht, und die Ufergrundstücke sind bei Immobilienspekulanten zum Objekt der Begierde geworden. Attraktives Wohnen für die mittlere Generation soll dort entstehen.
Hannah bemüht sich nach Kräften, die intellektuelle Brücke zu rekonstruieren, die ihren verstorbenen Vater mit dem Teenager Julia verband. Mehr und mehr fühlt sie sich dabei aus dem Leben ihres Vaters ausgestoßen. Die mittlere Generation bekommt (von Düffel hat sich dabei selbst ins Büßerhemd gezwängt) kräftig ihr Fett weg, wird von Julia gar als „lebende Altlasten“ bezeichnet.
Unübersehbar ist des Autors Sympathie für die Rebellin Julia und sein übertrieben kritisches Verhältnis zu Hannah. Das alles wirkt holzschnittartig, thesenhaft und an allen landläufigen Vorurteilen entlang fabuliert. Von einem erfahrenen Theaterautor wie John von Düffel hätte man sich auch händeringend authentischere Dialoge gewünscht. Verständnislosigkeit, unterschiedliche Lebensentwürfe und familiäre „Debatten“ lassen sich anders, weniger phrasenhaft in Worte kleiden.
„Für mich war das Thema Wasser zu Beginn meiner Schriftstellerlaufbahn ein poetisches, ein sinnliches Element. Es ist jetzt ein Politikum geworden“, hatte der einstige Leistungsschwimmer John von Düffel kürzlich erklärt. Ein ähnlich disparates Gefühl stellt sich auch nach der Lektüre ein. „Der brennende See“ ist ein kräftiges politisches Statement, aber wenig sinnlich und schon gar nicht poetisch. Zu wenig für einen ausgewachsenen Roman.

John von Düffel: Der brennende See. Roman. Dumont Verlag, Köln 2020, 319 Seiten

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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