Über die Maßen ungewöhnlich: Florian Schröders Ausnahmezustand im Bühnenhaus
Spannend: Effektive Übertreibungen jenseits der Geschmacks-Grenze vor Weseler Lernverweigerern

Kritisch.
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Bis gestern mochte ich Florian Schröder nicht. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich fand ihn gut (weil er gut ist), aber ich konnte ihn nicht besonders gut leiden, den Menschen Schröder. Wahrscheinlich war's seine Art von Vortrag - er lag mir nicht. Wie gesagt - bis gestern.

Dann dieser Auftritt im ausverkauften Bühnenhaus. Die Skepsis konnte meine  Vorfreude auf eine hochwertige Satire-Show nicht schmälern und ich wurde nicht enttäuscht. Aber es war nicht diese herrlich grenzwertige Darbietung von politischen Unkorrektheiten, die mich den Mann jetzt doch irgendwie mögen lässt. Es war vor allem der Beginn der zweiten Hälfte, als er sich live auf Twitter schaltete. Doch dazu später mehr ...

Schröder basht die Rechten und lobt Greta Thunberg übern grünen Klee. Er zieht die Grünen durch den Kakao, weil sie Pro-Klima-Denke predigen zugleich aber deutsche Parteienmeister im Fliegen sind. Schröder stellt Staatsoberhäupter bloß und beleidigt Schwaben, Engländer, Amis, Sachsen und Spanier. Oft (auch in seiner Ausdrucksweise) über die Grenze des Akzeptablen hinaus, aber stets im Dienste der Satire. Immer mit dem politisch motivierten Ziel, dem Publikum den Spiegel nicht nur vorzuhalten, sondern ihn auf dessen Schädeln zu zerdeppern.

Der Wahlberliner schwadroniert dabei derart rücksichtsfrei drauflos, dass es manchen Zuhörern zu bunt wird. So führt Schröders Aufforderung, in der Pause Zettel mit Fragen an ihn einzureichen, zur direkten Konfrontation mit Zuschauer Pit. Der steht plötzlich vorne an der Bühne und verlangt, dass seine Anregung laut vorgelesen wird. Er wirft Schröder vor, eben genau so zu agieren wie die Menschen, die er beleidigt.

Rainer in Reihe 7 versteigt sich lauthals zu der These, der Satiriker hätte "das Publikum von 1933" mit seinem Vortrag erfreut. Das Auditorium antwortet mit genervtem Murren. Als Schröder ihm sagt, er habe das Programm nicht verstanden, geht der Beschwerdeführer. So tragen sich Pit und Rainer in die ewige Betonkopf-Liste der Lernverweigerer ein, die im Kabarett eher nix verloren haben.

Chapeau, Florian Schröder, vor soviel Chuzpe, ohne ausfallend zu werden. Eine der Botschaften des Künstlers lautet so: "Konfrontation ist Erziehung zur Mündigkeit, nicht übertriebene Schutzmaßnahmen!" Dass es auch in Wesel solche gibt, die lieber geschützt als konfrontiert werden, beweist Schröders Gespür für satirische Effektivität.

Am Ende applaudieren die Weseler lange.
Vielleicht ein bisschen länger als sonst.
Wer nachträglich mithören will, der klicke auf diesen Link zum Twitter-Stream.
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Schröder-Zitate:

- "Da fährst du nach Berlin - da passiert nix - aber in Wesel, da diskutieren die Leute!"
- "Wenn man immer nur den sehen will, der das sagt, was man sowieso schon weiß, dann muss man nicht in einer Satire-Veranstaltung gehen - dann kann man in den Karneval gehen!"
- "Das ist ja das Ziel meiner Arbeit, dass Leute sich daran reiben (...) damit ich sagen kann, genau deshalb hab ich's gemacht, damit Sie sich drüber aufregen können. Ist doch wunderbar!"

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