Einbruch bei Omma

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Ihr erinnert / Sie erinnern sich sicherlich noch an Jana und ihre Oma beim Mensch-ärgere-dich-nicht, oder? Nun, mit ihrer Oma wird es Jana so schnell nicht langweilig. Daher gibt es heute die nächste Geschichte mit den beiden, soviel sei verraten, diesmal wird es... spannend!




Jana wundert sich. Oma hat heute Abend noch gar nicht angerufen. Nicht, dass sie sich jeden Tag melden würde, aber sie war mindestens ebenso gespannt darauf wie Jana zu erfahren, wie deren Abi-Prüfung in Bio am Morgen gelaufen ist. Gut, bevor sie ihr Handy noch hypnotisiert, wählt sie jetzt rasch Omas Nummer, denn anschließend möchte sie mit ihrem Freund Tobi noch ein paar Leute im Strandcafé treffen.

Es tutet, scheinbar ewig lang. „Ach Omma, haste wieder Deine Ohren nicht eingesetzt“, überlegt Jana laut. Mit „Ohren“ bezeichnen sie und ihre Ahnin liebevoll die Hörgeräte, die vor einiger Zeit nun doch notwendig wurden. Sie probiert es weiter - ohne Erfolg. Auch auf dem Weg zum Café am See lässt sie es noch mehrmals läuten.

Tobi merkt, dass Jana unruhig ist. Sie kann sich kaum auf die Unterhaltung mit der Gruppe fröhlicher Abiturienten und Studenten von der nahegelegenen Hochschule konzentrieren. Die milde Frühlingsluft trägt ebenfalls nicht zu ihrer Entspannung bei und auch der bunte Cocktail in ihrer Hand wirkt seltsam deplaziert.

Tobi stößt sie unvermittelt an: „Komm, wir fahren hin. Schauen schnell nach, ob alles in Ordnung ist. Berichten von der Prüfung und sind in einer Stunde wieder hier. Was meinst Du?“ Jana schaut ihn liebevoll an. Sooft weiß er genau, was sie gerade denkt. „Ist gut“, murmelt sie, schnappt sich den Autoschlüssel und wirft ein rasches „Ciao“ in die Runde.

Sie fahren durch dunkle Straßen, das Blaulicht eines passierenden Rettungswagens mutet wie ein schlechtes Omen an. „Hey, mach Dir keine Sorgen, Du wirst sehen, alles ist gut“, beruhigt Tobi seine angespannte Freundin. Endlich biegen sie in die kleine Seitenstraße ab. Sie halten vor dem Haus mit der Nummer 18, der Blauregen über der Haustür wird von der Straßenlaterne und dem Mond in ein geheimnisvolles Licht getaucht.

Sie klingeln, einmal, zweimal, dann Sturm. Nichts. Entsetzt schauen sie sich Jana und Tobi an - dass Oma um diese Tageszeit noch unterwegs ist, ausgeschlossen. Sie beschließen, bei der Nachbarin zu läuten. „Nein, die Frau Baumgarten hab ich heute den ganzen Tag noch nicht gesehen. Und gestern? Ich kann es wirklich nicht genau sagen, seltsam, sonst laufen wir uns mindestens zweimal am Tag über den Weg...“ Sie bekommt mit einem Mal ganz große Augen und murmelt etwas davon, von ihrem Garten aus nachschauen zu wollen, ob im Nachbarhaus denn wohl das Licht brennt.

Jana wird übel und sie beginnt zu zittern. Sie weiß, dass irgendwann der Tag des Abschieds naht, aber nein, nicht heute, bitte nicht heute. Tobi legt beruhigend den Arm um sie. Die Nachbarin kehrt zurück von ihrer Exkursion. „Im Wohnzimmer, da ist die kleine Fernsehlampe an“, sagt sie leise. Und dann fällt es ihr ein: Seit dem letzten Urlaub hat sie doch den Ersatzschlüssel zu Omas Wohnung! Alle drei hasten hinüber zur Nummer 18.

Tobi schließt die Tür auf, doch weit kommt er nicht: „Die Kette liegt davor!“ Doch nun kommt Janas große Stunde, schließlich wäre ihre Oma nicht ihre Oma, hätte diese nicht schon öfter ihren Schlüssel verlegt und Jana um Hilfe angefunkt. Sie holt ihr Taschenmesser aus dem Rucksack und beginnt geschickt, den Nippel vom Kettenschloss hochzuschieben. Fast hätte sie es geschafft, als plötzlich die Küchentür aufgeht und Oma, in ihren weiten Hausmantel gehüllt, geistergleich erscheint. Fassungslos schaut sie auf die 3 Einbrecher und verlangt nach einer Schrecksekunde vehement um Auskunft, was denn hier wohl los sei.

„Oma!!!“ hallt es ihr mehrstimmig entgegen. Alle reden durcheinander, Jana hat Tränen in den Augen, Tobi schließt die alte Frau in die Arme. „Wir haben uns solche Sorgen gemacht! Wir dachten schon, du wärest tot!“ bringt er die Aufregungen der letzten halben Stunde auf den Punkt. „Ist dein Telefon kaputt? Oder deine Klingel?“, fängt Jana nun an nachzubohren. Denn Oma sieht zum Glück... bemerkenswert munter aus.

Als würde ihr jetzt erst klar, was sie für ein Chaos ausgelöst hat, gelingt es Oma, ein kleines bisschen... schuldbewusst drein zu blicken. Doch sie und Mist gebaut haben? Die Grande Dame des Seeviertels? Nein, niemals! Sie strafft sich, nimmt Haltung an, holt tief Luft und wettert los: „Der Paul, wenn ihr wüsstet, was der sich geleistet hat! Kein Wort spreche ich mehr mit dem Hallodri, macht der doch beim Sommerfest der Hilde schöne Augen. Ha, der wird sich noch umgucken!“ Und schon etwas kleinlauter kommt es hinterher: „Da kann ich doch nicht ans Telefon gehen oder die Tür aufmachen...“

Jana wähnt sich im falschen Film. Eine Achterbahnfahrt der Gefühle ist nichts gegen die letzte Stunde ihres Lebens. Und dann alles wegen einer Lappalie mit Omas neuestem... Verehrer? Gerade will sie ihrerseits loslegen und einen leidenschaftlichen Vortrag über Verantwortungsbewusstsein, gesunden Menschenverstand im Allgemeinen und spätpubertäres Verhalten älterer Leute im Besonderen halten. Doch etwas ist da noch stärker als ihr Zorn - ihre Erleichterung und... ein riesengroßer Lachkick, der sich seinen Weg nach draußen bahnt. Sie prustet, gestikuliert wie wild und krümmt sich vor Lachen. Nach und nach stimmen alle ein.

Was mögen sich nur der Mann mit seinem kleinen Dackel und die beiden Fahradfahrer auf ihrem Nachhauseweg gedacht haben, als sie an den vier glücklichen Menschen vorbeikamen, die sich in den Armen lagen und hemmungslos lachten?

© Christiane Bienemann, 25.05.2016

Diese Geschichte ist frei erfunden und basiert höchstens in Ansätzen ;-) auf einer wahren Begebenheit.
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