„Der Aufbruch in ein neues Zeitalter“ - Großer Reformationsgottesdienst in der Mercatorhalle begeisterte die Menschen

Im Vordergrund die handgeschriebene Bibel, aus der während des Gottesdienstes gelesen wurde. Im Hintergrund der voll besetzte Saal der Mercatorhalle.
Foto: Ev. Kirchenkreis
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  • Im Vordergrund die handgeschriebene Bibel, aus der während des Gottesdienstes gelesen wurde. Im Hintergrund der voll besetzte Saal der Mercatorhalle.
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„Ich bin überwältigt von der großen Resonanz. Das macht Mut und gibt Kraft, heute und für die Zukunft.“ Armin Schneider, Superintendent des Kirchenkreises Duisburg, hatte allen Grund zur Freude. Der große zentrale Gottesdienst in der Mercatorhalle zum 500. Reformationsjubiläum war einnehmend und mitnehmend, rückblickend und vorausschauend zugleich. 

Mehr als 2.000 Gläubige und Interessierte aus der gesamten Stadt waren gekommen. 1.800 Menschen fanden in der bis auf den letzten Stuhl gefüllten Halle Platz, über 200 lauschten dem ins Foyer übertragenden Gottesdienst an den Lautsprechern und mehr als 300 Mitwirkende trugen auf der Bühne zum Gelingen des fast zweistündigen Gottesdienstes bei. Es war wohl der größte „Indoor-Gottesdienst“, den die Stadt je erlebt hatte.

Eine Band, Blechbläser sowie 210 Erwachsene aus verschiedenen Chören mehrerer Kirchengemeinden sorgten für Musik. Die ganz hellen Stimmen, die viele Besucher rührten, kamen von den 60 Mädchen und Jungen. Für ihre Einsätze betraten und verließen sie mehrmals die zum Kirchraum umfunktioniere Bühne. Der Gemeinde bekannt waren die Menschen, die die sehr persönlich gehaltenen Fürbitten im Gottesdienst lasen: Lutz Peller, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, Sören Link, Oberbürgermeister der Stadt Duisburg, Pfarrer Bernhard Lücking, Stadtdechant der Katholischen Kirche, und Pfarrer Klaus Eberl, Oberkirchenrat der Ev. Kirche im Rheinland.

„Mit diesem Reformationsgottesdienst“, so der Superintendent, „geht es darum, uns der Wurzeln zu vergewissern, die uns tragen.“ Gefeiert wurden der Beginn der Reformation vor 500 Jahren und damit der Aufbruch in ein neues Zeitalter. Der Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers an der Schlosskirche zu Wittenberg am 31. Oktober 1517 war im Grunde genommen die Grunde genommen die Geburtsstunde der Evangelischen Kirche.

Statt Predigt „Gedanken zur Freiheit"

Begonnen wurde der lebendige Gottesdienst mit genau diesem Thesenanschlag, der letztendlich viele Menschen in der ganzen Welt auf- und wachrüttelte, vor allem aber ermutigte. Und ermutigend ging es auch weiter. Anstelle einer Predigt trugen Superintendent Schneider, Pfarrer Stephan Blank, Assessor des Kirchenkreises, und Pfarrerin Ute Sawatzki, Skriba des Kirchenkreises, „Gedanken zur Freiheit“ vor.

Dabei verwiesen sie darauf, wie Luther zum Beispiel den Römerbrief verstanden hat: Als ein Ende der Angst vor Gott, als die Möglichkeit, Gott zu lieben und ihm tief zu vertrauen. Die Erkenntnis aus dem Römerbrief machte Luther innerlich frei. Das ermöglichte es ihm, die Schrift als für den Glauben alleingültige Autorität ohne Rücksicht auf kirchliche Autoritäten auszulegen und dies vor Kaiser und päpstlichen Legaten zu verteidigen.

In den „Gedanken zur Freiheit“ führten die drei zudem an Beispielen aus, wie aktuell die Frage nach der Rechtfertigung ohne eigene Leistung heute ist. Schließlich ging es um die Verantwortung der Kirche: Rückblickend sei die Geschichte der Kirche eine Geschichte vieler Fehler. Andersgläubige wurden ausgegrenzt und gebrandmarkt, Ketzer verbrannt oder im Namen des vermeintlich richtigen Glaubens Kriege geführt.

Nächstenliebe ist mehr als bloße Wohltätigkeit

Armin Schneider blickte auch in die Zukunft: „Weil wir darauf vertrauen, dass für unser Leben und für unser Heil gesorgt ist, können wir uns denen zuwenden, für die nicht gesorgt wird, etwa den Hungernden und Fliehenden, den Ausgegrenzten und an den Rand Gedrängten. Wir mischen uns ein in die Belange der Zivilgesellschaft und machen deutlich, dass Nächstenliebe mehr ist als bloße Wohltätigkeit, sondern dass sie gerade auch den schwächsten Mitgliedern des Gemeinwesens zu ihrem Recht verhelfen und Teilhabe ermöglichen will. Wer uns deshalb eine politische Kirche nennen will, mag es tun, wir aber lassen uns leiten von den Worten des Evangeliums.“

Eine besondere Rolle spielte im Gottesdienst die handgeschriebene Bibel, denn aus ihr wurden die Texte gelesen. Mehrere Tausend Menschen schrieben in diesem Jahr einzelne Bibelstellen per Hand ab. Neben vielen Einzelpersonen machten 93 Schulklassen aus 50 Schulen mit und es beteiligten sich Menschen aus evangelischen und katholischen Gemeinden sowie Schreibfreudige, die ihre Passagen in der Stadtbibliothek oder im evangelischen Bildungswerk per Hand kopierten. Die in 18 Bände zusammengefassten 4920 Seiten konnten Besucher nach dem Gottesdienst in der Mercatorhalle begutachten. Die Bücher erhalten nun in der Salvatorkirche einen festen Platz und können dort von Interessierten eingesehen werden.

Engagement für die Stadt und ihre Menschen

Mit dem Reformationsgottesdienst zog Superintendent Schneider auch ein vorläufiges Fazit zum Duisburger Jubiläum: „Wir wollten das Reformationsjubiläum in ökumenischer Offenheit und in Verbundenheit mit unserer Stadtgesellschaft feiern. Und das ist gelungen. Wir sind wahrgenommen worden als eine lebendige Kirche, die stolz auf ihr reformatorisches Erbe ist; die sich aber gleichzeitig in Verantwortung vor diesem Erbe als ein Teil unserer bunten und vielfältigen Stadtgesellschaft versteht und sich für diese Stadt und ihre Menschen engagiert.“
Die Kollekte des Gottesdienstes in Höhe von 6039,81 Euro erhält übrigens das Gustav-Adolf-Werk, das sich in vielfältiger Weise und an den unterschiedlichsten Orten für die syrische Bevölkerung einsetzt.

INFOS

Zwei Höhepunkte stehen auch nach dem Reformationsgottesdienst noch an: Das Festkonzert am 14. November in der Salvatorkirche und die Vortragsreihe zur Freiheit der Religionen, bei der u.a. am 8. Februar 2018 um 19 Uhr Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der EKD, in der Salvatorkirche „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ spricht.

Anlässlich des Reformationsjubiläums unter der Schirmherrschaft von OB Sören Link lud der Evangelische Kirchenkreis Duisburg über 40 Veranstaltungen ein (dazu gehört auch der Bibelmarathon in der Salvatorkirche). Bei Vorbereitung und Durchführung der Veranstaltungen arbeiteten Vertreterinnen und Vertreter der Stadt, der katholischen Kirche, der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen sowie der theologischen Fakultät der Universität Duisburg Essen mit.

Zitat

„Es ist das erste Reformationsjubiläum, das wir nicht in Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche feiern, sondern wir feiern es gemeinsam mit unseren katholischen Schwestern und Brüdern als Christusfest.“
Armin Schneider, Superintendent

Weitere Informationen hier

Autor:

Reiner Terhorst aus Duisburg

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