Kaldenhausen atmet auf
Horrorhäuser adé!

Die Wohnanlage Birkenstraße 73/75 in Kaldenhausen hat die Nachbarn lange genug geärgert. Der eine oder andere hatte sich schon an die „Schrottimmobilie“ gewöhnt. Doch jetzt soll alles anders werden!
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  • Die Wohnanlage Birkenstraße 73/75 in Kaldenhausen hat die Nachbarn lange genug geärgert. Der eine oder andere hatte sich schon an die „Schrottimmobilie“ gewöhnt. Doch jetzt soll alles anders werden!
  • Foto: Ferdi Seidelt
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Draußen liegt eine „Bong“. Mit der wird Cannabis gekickt, viel Rauch in einem Zug. Drinnen ist erkennbar Heroin-Besteck im Einsatz gewesen. Der Rauschgiftsüchtige hatte es sich im Keller von „Frl. Weber“, das war die Allgemeinärztin an der Ulmenstraße 13 in Kaldenhausen, häuslich eingerichtet. Gänsehaut.

Weiter geht es durch die dunklen Keller der wracken Wohnanlage. Überraschung unter dem ehemaligen Götzen-Laden. Hier sammelt ein Pumpensumpfbecken über Jahrzehnte Regenwasser, Wasser, was reichlich von durstigen Wurzeln der umliegenden Bäume abgegriffen wird. Ein nicht alltägliches florales Erlebnis – Wurzeln kämpfen sich unter dem Betonkeller bis zur „Quelle“ vor, sie müssen das Nass „gerochen“ haben.
Wir befinden uns auf einer Reise durch die Vergangenheit, unsere exklusive Recherche-Visite in den Kaldenhausener Horrorhäusern ist nicht ohne, wird jedoch die letzte sein. In wenigen Tagen wird der Schrottimmobilie der Garaus gemacht.

Geschäftiges Treiben vor langer Zeit

Blicken wir 60 Jahre zurück! Die Gebäude wurden 1959 als ergänzender Teil der so genannten „Polensiedlung“ hochgezogen. In den beiden Häusern wohnten knapp 40 Familien. In den ersten Jahren fühlten sich die Mieter dort sehr wohl. Insbesondere das bunte Treiben in der vorgelagerten Ladenzeile mit dem „dicken Rohde“, der umtriebige Gastronom der „Ulmenwirtin“, dem Lebensmittelladen (zuerst „VIVO“, zuletzt „Götzen“), dem kleinen Elektrogeschäft und der Arztpraxis von „Frl. Weber“ (sie bestand auf „Fräulein“) sorgte für ein kurzweiliges und fröhliches Miteinander, wie Maria Bellmer geb. Nuck als eine der ersten Bewohnerinnen mir berichtet. Doch schon in den 80er Jahren wollte hier kaum jemand mehr wohnen. Die Wohnungen, 1983 aus der Konkursmasse an eine Wuppertaler Firma verkauft, verfielen zunehmend, das Verhältnis Vermieter/Mieter geriet komplett aus den Fugen. Zuletzt lebten dort nur noch wenige Sozialhilfeempfänger. Vor ziemlich genau 30 Jahren zogen die letzten Mieter aus, Zwangsräumung.
Wie kann es sein, dass eine schmucke und aufwändige Wohn-Geschäfte-Anlage innerhalb von 30 Jahren reif für die Tonne ist? Und dann 30 Jahre nichts passiert? Auf beide Fragen gibt es viele Antworten. Dank gebührt auf jeden Fall der Sprecherin der Wuppertaler Erbengemeinschaft, die im vergangenen Sommer den Weg frei machte – heute blickt Arne Thomsen mit seiner „Steinbau“ als Erwerber des Grundstücks auf einen ambitionierten Zeitplan. Das Gelände ist gerodet, die Räume entrümpelt, Ende März sollen die Gebäude vom Erdboden verschwunden sein, ab Mai wird gebaut.
Zurück zu unserem nicht alltäglichen Ausflug! Nach einem Gang durch die Arzt-Praxis (noch vorhanden die Schilder „Sprechzeiten“, „Wartezimmer“, „Bestrahlungsraum“) und den Götzen-Laden (erkennbar an der grün-gelben Fenster-Folie) ist die Kneipe „Ulmenwirtin“ dran. Abgehängte Decken sind mit der Zeit aus ihren Ankern gerissen, die Treppe zur Kegelbahn ist geborsten, mehrere Brände haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Chaos pur, doch nach wie vor erkennbar der kleine Imbiss links, die Theke rechts, das Gestühl. Hier haben ungezählte Gäste ihr Thier-Bier getrunken und die Kaldenhausener Jungs den Rumelnern eins auf die Mappe gehauen, wenn sie „ihre“ Mädchen anbaggerten!

Die Natur kämpfte sich zurück

Ohne größere Blessuren geht es in den großen Vierstöcker. Überall Spuren von ungewollten Gästen, trotz tonnenschwerer Metallplatten in allen Gebäude-Öffnungen. Gefühlt 10.000 Euro müssen die Stadtstreicher in Spraydosen investiert haben, die Graffitis, zum Teil recht gelungen, schmücken jede Wand. Ebenfalls auffällig: Die meisten Besucher müssen MSV-Fans gewesen sein, den Zebras wird immer wieder per Wandnotiz gehuldigt. Keine einzige gilt Bayern München, zumindest das.
Abenteuerlich der „Aufstieg“ auf das Flachdach. Oben ein weiteres florales Wunder: Aus der Schweißbahn, ein Bitumen-Produkt, ist über die Jahrzehnte eine vier Meter große Birke gewachsen. Stichwort Natur. Da unten, wo einst die Wiesen zum Spielen einluden, hatte sich über drei Jahrzehnte vorhandenes Grün und weitere Spontan-Vegetation ausgebreitet. Im Sommer wurden so die Ruinen kaum wahrgenommen. Jetzt wirken sie nackt, hilflos – sie warten auf ihr Ende.

Ausblick: Nach dem Abriss gibt es um Ostern eine zünftige Baustellen-Fete. Auf dem Gelände und dem benachbarten Grundstück der ehemaligen Friedrich-Fröbel-Sonderschule werden Zug um Zug zeitgemäße und barrierefreie Baukörper hochgezogen. Zur Verfügung stehen rund 17.000 Quadratmeter, auf beiden Arealen sind 100 Quartiere möglich. Wohnungen, die garantiert länger als 30 Jahre halten werden...

Text und Fotos: Ferdi Seidelt

Autor:

Lokalkompass Duisburg aus Duisburg

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