1200 Kilometer in 61 Stunden und 44 Minuten: Altenessener bezwingt PBP

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Einmal von Paris nach Brest und zurück. Und das auf dem Fahrrad. 1200 Kilometer am Stück. Ohne Pause. Was die meisten Menschen als pure Folter empfänden, war für Udo Huiskes die Erfüllung eines Lebens-
traumes. Der gebürtige Altenessener hat in diesem Sommer den renommiertesten Fahrradmarathon der Welt absolviert.

6000 Fahrer aus 35 Nationen gingen Ende August im Pariser Vorort Guyancourt an den Start. Das heißt allerdings nicht, dass Hinz und Kunz
mitradeln durften, die hohe Teilnehmerzahl täuscht über die strenge Qualifikation hinweg: Die Wartelisten sind lang, gute Chancen haben nur Bewerber, die im selben Jahr bereits Langstrecken, so genannte Brevets (französisch für Prüfung) absolviert haben, und das idealerweise über die Distanzen 200, 300, 400 und 600 Kilometer.

Brevets werden auf jedem Teil des Erdballs veranstaltet. Der Brevet Paris-Brest-Paris (PBP) findet allerdings nur alle vier Jahre statt.
Als der Marathon von 2007 über die Bühne ging , da schwang sich Udo Huiskes zum ersten Mal regelmäßig aufs Fahrrad. „Ich bin ein Späteinsteiger“, bekennt der 41-Jährige. Er schloss sich dem Radclub Blitz Kray an. Da kam es ihm beim Radfahren nicht unbedingt auf die Schnelligkeit an - ihn reizten vielmehr lange Distanzen. Über Clubfreunde kam Huiskes zu seinem ersten Brevet.

Vier Jahre später wartet auf Udo Huiskes die Urmutter aller Brevets: Der erste PBP-Marathon fand 1931 statt, seine Wurzeln reichen jedoch ins 19. Jahrhundert zurück: Bei der Premiere 1891 war PBP noch ein klassisches Radrennen, das Profis und Amateuren zugänglich war.

Akribisch bereitet sich der radelnde Gärtnermeister auf den PBP vor, 8.000 Trainingskilometer bewältigt er im Laufe des Jahres. Dreimal geht es von Altenessen aus zum Kahlen Asten und zurück - dreimal 450 Kilometer, die Huiskes in 18 Stunden abreißt. „200 bis 300 Kilometer sind für einen fitten Menschen gut machbar, erst ab 400 Kilometer wird es richtig interessant“, meint der 41-Jährige. Soll heißen: Ab dieser Distanz wird das Unternehmen zu einer unberechenbaren Grenzerfahrung. „Dann entscheiden Kleinigkeiten über Ankunft oder Abbruch“, so Huiskes weiter. Der Snack, der schwer im Magen liegt, der kleinste Wetterumschwung oder einfach nur falsche Gedanken könnten den Fahrer aus der Balance bringen. Nicht zu vergessen: Wer stundenlang auf dem Sattel unterwegs ist, muss entsprechende Vorkehrungen treffen - der Allerwerteste wird es zu schätzen wissen. Wer da nachlässig zu Werke geht, der bringt sich womöglich um den Lohn eines ganzen Trainingsjahres...

10.000 Höhenmeter, verteilt auf 1200 Kilometer, sind jedoch noch eine andere Hausnummer. „Schon 600 Kilometer sind die Hölle“, lacht Huiskes. Da es beim Brevet PBP vorrangig ums Ankommen geht, sind den Fahrern zwar Pausen gegönnt, viel Zeit zum Ausruhen bleibt aber nicht. Insgesamt 90 Stunden bleiben für die Bewältigung der Strecke, Abschnitte müssen jedoch innerhalb eines Zeitrahmens absolviert werden. Udo Huiskes beibt seinem Drahtesel Tag und Nacht treu. „Man schaut auf die Uhr, es ist 22 Uhr und fragt sich, was man in den letzten vier Stunden gemacht hat. Man weiß es nicht“, beschreibt Huiskes den Kampf gegen die Einsamkeit. Warum er diese Tortur auf sich nimmt? „Irgendwann kommt der Punkt, an dem es pervers wird. Man muss schon ein wenig verrückt sein, um das durchzuziehen“, meint der Radmarathoni.

Als er nach 61 Stunden und 44 Minuten im Ziel ankommt, kann er „sich nicht wirklich freuen“. Huiskes ist körperlich und mental ausgelaugt, hatte mit dem Gedanken gespielt, einfach vom Rad zu steigen. Da er mittels GPS von Freunden beobachtet wurde, biss er auf die Zähne.

Und dennoch: Wenn Udo Huiskes die Erlebnisse Revue passieren lässt, ist seine Begeisterung für den PBP beinahe ansteckend. „Es geht ums Abenteuer, man weiß nie, wo man am Abend sein wird. Hat man eine wichtige Etappe geschafft, bringt das einen unglaublichen Adrenalinschub.“ Und obwohl (oder gerade weil?) jeder Fahrer mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hat, entwickelt sich unter den „Leidensgenossen“ eine tiefe Verbundenheit. „Wie in einer Familie“, betont er.

Deshalb steht außer Frage, dass Udo Huiskes wieder aufsattelt. Neue Herausforderungen gibt es sicherlich. „Der Brevet London - Edinburgh - London ist nochmal 200 Kilometer länger. Ich kenne auch Fahrer, die die USA von der Ost- zur Westküste durchquert haben. Aber die Teilnahme an Paris-Brest-Paris, das war schon ein Lebenstraum. Die Franzosen sind radsportbegeistert und unterstützen die Fahrer, wo es nur geht.“ Gut möglich, dass der Altenessener 2015 einen neuen Anlauf wagt. Doch vorerst lässt es Udo Huiskes langsam angehen. Aber das war ja vor vier Jahren nicht anders.

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