Großes Miteinander - 40 Jahre Comenius-Schule - Rektorin Bea Küpperfahrenberg und Schulpflegschaftsvorsitzende Angelika Rotterdam im Interview

Bea Küpperfahrenberg, Rektorin der Comenius-Schule   Foto: ms
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„40 Jahre miteinander leben und lernen“ - unter diesem Motto begeht die Burgaltendorfer Comenius-Schule, Essens erste städtische Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung, in diesem Jahr ihren runden Geburtstag. Der RUHR KURIER sprach mit Schulleiterin Bea Küpperfahrenberg und der Schulpflegschaftsvorsitzenden Angelika Rotterdam.

RUHR KURIER: Wieviele Schüler gibt es derzeit an der Comenius-Schule und welche Handicaps haben die Kinder und Jugendlichen?

Bea Küpperfahrenberg: „Zurzeit besuchen 130 Schüler im Alter von sechs bis 25 Jahren die Comenius-Schule. Allen Schülern gemein ist die sog. geistige Behinderung. Eine Reihe von Schülern weist eine weitere Behinderung auf - z.B. eine Sprachentwicklungsstörung, motorische Beeinträchtigungen - durchaus mit geringem Ausmaß - oder Störungen im sozial-emotionalen Bereich. Weiterhin haben wir eine Reihe von Schülern mit Autismus wie auch Kinder mit schweren Mehrfachbehinderungen.

Was unterscheidet die Comenius-Schule von einer Regelschule?

Bea Küpperfahrenberg: Was hier völlig entfällt, ist der Leistungsanspruch und -druck. Unser Bildungsauftrag beschreibt, ganz individuell zu gucken, welche Entwicklungsmöglichkeiten das einzelne Kind hat. Natürlich gibt es bestimmte Lernbereiche, die sich im Stundenplan wiederfinden.

Und was ist vergleichbar?

Bea Küpperfahrenberg: Der Unterricht wird hier, wie in jeder anderen Schule auch, in verschiedene Fächer unterteilt. Dazu gehören z.B. Sprache, Lesen, Schreiben und Kommunikation, der Umgang mit Mengen, Zahlen und Größen, Sachunterricht, Sport, Schwimmen, bildnerisches Gestalten, Musik, Religion, Hauswirtschaft und Werken. Darüber hinaus gibt es viele AG-Angebote und spezielle Förderangebote wie Körperarbeit, spezielle Autismusförderung, Kommunikationsförderung und Schwerstbehindertenförderung. Diese Maßnahmen finden zum Teil in speziellen Förderräumen statt.
Angelika Rotterdam: Bezogen auf die Schüler lässt sich sagen: Auch diese Kinder kommen in die Pubertät, verlieben sich.
Bea Küpperfahrenberg: Ja, und die Schüler machen natürlich auch Unfug. Unsere Jungs z.B. müssen jetzt das Klo selbst putzen, weil sie es in letzter Zeit so dreckig hinterlassen haben. Oder andere erzieherische Geschichten - etwa, wenn ein Lehrer ruft und der Schüler dann wegläuft oder Arbeitsverweigerung - das zieht sich durch alle Behinderungen.
Angelika Rotterdam: Klassenfahrten gibt es bei uns natürlich auch, wobei diese schwieriger zu organisieren sind.
Bea Küpperfahrenberg: Beispielsweise auch der Umgang mit dem Computer - wir haben Medien-Ecken und einen PC-Raum analog zur Ausstattung an einer Regelschule. Bei uns gilt der Slogan „soviel Normalität wie möglich und soviel Besonderheit wie nötig“.

Welchen Weg beschreiten die Schüler an der Comenius-Schule?

Bea Küpperfahrenberg: Unsere Schüler durchlaufen während der elfjährigen Schulpflichtzeit die vier Stufen Vorstufe, Unterstufe, Mittelstufe und Oberstufe und verbleiben in jeder Stufe im Durchschnitt zwei bis drei Jahre. Ihre Berufsschulpflicht erfüllen die Schüler in der anschließenden zwei- bis dreijährigen Berufspraxisstufe, die mindestens ein Berufspraktikum einschließt. Die meisten Schüler verlassen unsere Schule mit dem 20. bis 23. Lebensjahr und nehmen dann in der Regel eine Arbeit in einer Werkstatt für Behinderte an, einzelnen Schülern kann ein Arbeitsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt vermittelt werden. Alle Schüler kommen in diesen Berufsprozess hinein, auch die mit schwerer Behinderung. Ziel ist, den Schülern zu größtmöglicher Selbständigkeit zu verhelfen, damit sie in der Lage sind, ihr Leben weitestgehend nach ihren Bedürfnissen gestalten zu können.

Die Schüler sind individuell sehr verschiedenen in ihrem Lern- und Leistungsvermögen, in ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten. Für jeden Schüler wird ein individueller Förderplan aufgestellt, der mindestens zweimal im Jahr überarbeitet wird. Eine sehr anspruchsvolle Aufgabe...

Bea Küpperfahrenberg: Wir beginnen diesen Prozess ja mit der Einschulung und entwickeln ihn dann organisch weiter. Dabei ist auch die Zusammenarbeit mit den Eltern immens wichtig und wird in die Entwicklung, Umsetzung und Überprüfung der Förderpläne miteinbezogen. Die Eltern sind die Experten für ihr Kind. Wir als Lehrer und Betreuer befinden uns wie die Schüler fortlaufend in einem Lernprozess. Wir kämen nicht weiter, wenn wir sagen würden, wir wüssten schon alles. Wichtig ist zu lernen, wie man jeden dieser Schüler verstehen kann.
Angelika Rotterdam: Mein 16-jähriger Sohn Mark z.B. braucht Zeit, um sich mit Menschen anzufreunden und redet dann nicht besonders viel. Sicherlich nichts Ungewöhnliches bei Jugendlichen im Allgemeinen. Da er aber körperlich behindert ist und im Rollstuhl sitzt, mag er von außen betrachtet passiv auf andere Leute wirken. Man traut ihm dann auch intellektuell nicht soviel zu.

Bea Küpperfahrenberg: Zur individuellen Förderung gehört auch die Verwendung bestimmter Kommunikationshilfen, z.B. Piktogramme, Bilder, Symbole und Gebärden bis hin zu elektronischen Kommunikationshilfen - eine Art Sprachcomputer - für nicht oder sehr eingeschränkt sprechende Schüler. In dieses Gerät lassen sich einzelne Wörter bis hin zu ganzen Sätzen einspeisen. Das nichtsprechende Kind kann so beispielsweise am Montag in der Schule von seinem Wochenende „erzählen“. Oft zeigt sich im Umgang mit diesem Gerät, dass das aufgrund seiner Behinderung eher passiv wirkende Kind viel größere intellektuelle Fähigkeiten hat, als man vom Augenschein her dachte.

In anderen europäischen Ländern wie den skandinavischen oder Spanien und Italien besucht der Großteil der Schüler mit besonderem Förderbedarf Regelschulen. Stichwort Inklusion statt Separation. Was halten Sie Kritikern entgegen, die den „Sonderweg“ Deutschlands mit seinem sehr differenzierten Förderschulsystem für falsch halten?

Angelika Rotterdam: Ehrlich gesagt, das Regelschulsystem klappt ja auch nicht besonders gut, was Personal, Klassenstärke und Infrastruktur angeht. Wenn ich mir dann vorstelle, da sind noch fünf förderungsbedürftige Kinder drunter. Da würden die Kinder untergehen. Wenn das Konzept stimmen würde, fände ich die Inklusion gut.

Bea Küpperfahrenberg: Die Inklusion, also das gemeinsame Lernen von Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderungen, in den Schulen auszubauen ist politischer Wille und Weg in NRW. Der Elternwille soll künftig gehört werden bei der Frage, ob das Kind eine Förder- oder eine Regelschule besuchen soll. Das ist allerdings nicht umsetzbar, ohne das System ein Stück weit neu zu denken. Die Frage ist, wie das praktisch funktionieren soll - allein die räumliche Ausstattung ist an einer Regelschule gar nicht gebeben. Ich nehme auch wahr, dass sich Regelschullehrer momentan ganz schön unter Druck gesetzt fühlen. Da kommt eine Riesen-Aufgabe auf sie zu, allein, was sonderpädagogische Fortbildungen betrifft. Ein schöner Leitsatz ist „Ich bewege mich im System Schule auf die Schüler zu - nicht die Schüler auf das System Schule“. Bestimmte Schulformen wie die Schulen für Geistigbehinderte und Körperbehindertenschulen stehen allerdings noch nicht im Fokus dieser Reform des Bildungssystems.

Integration mit nichtbehinderten Schülern findet auch an der Comenius-Schule statt. An welcher Stelle?

Bea Küpperfahrenberg: Kooperation und Integration findet zum einen in verbindlichen Projekten statt, wie z.B. beim alle zwei Jahre erscheinenden Comenius-Art-Kalender zusammen mit der Grundschule Burgaltendorf.
Zum anderen gibt es punktuell Kooperationen über die Teilnahme an Unterrichtsstunden an der Grundschule, der Realschule und dem GEÜ für Schüler mit Teilleistungsstärken, die im Bereich der Normalbegabung liegen. Außerdem haben wir eine Reihe von Praktikanten aus Regelschulen, die hier Einblicke gewinnen. Und die Zahl der Anfragen steigt.

40 Jahre Comenius-Schule. Das soll gefeiert werden, und zwar gleich mehrmals. Worauf können sich die Menschen freuen?

Bea Küpperfahrenberg: Am 12. Mai steigt das Schulfest, zu dem alle Interessierten, Freunde und Förderer eingeladen sind. Das gilt auch für die Präsentation des neuen Comenius-Art-Kalenders am 14. Juni in der Zentralbibliothek und die integrative Aufführung eines Musicals zusammen mit Kindern von der Grundschule Burgaltendorf. Hier gibt es vom 20. bis 23. Juni gleich mehrere Aufführungen. Auch der große Comenius-Weihnachtsmarkt in der Mehrzweckhalle findet dieses Jahr wieder statt. Wir, das Team der Comenius-Schule, wollen im Festjahr ganz gezielt Gelegenheiten des Miteinanders schaffen und das Jahr auch nutzen, um auf unsere Schule aufmerksam zu machen.

Bea Küpperfahrenberg, Rektorin der Comenius-Schule   Foto: ms
Angelika Rotterdam, Schulpflegschaftsvorsitzende an der Comenius-Schule   Foto: ms
Autor:

Melanie Stan aus Essen-Ruhr

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