Postindustrielle Flora und Fauna auf Zollverein
Von Kreuzkröten, Heupferden und wilden Orchideen

Breitblättrige Stendelwurz (Orchidee)
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  • Breitblättrige Stendelwurz (Orchidee)
  • hochgeladen von Bernd Dröse

Nach langer Corona-Pause bot der NABU am 23. Juli wieder eine Exkursion über das Gelände der Zeche Zollverein an. Eigentlich lautete der Veranstaltungstitel " Postindustrielle Flora auf Zollverein".  Doch auch der tierische "Beifang" auf dem 3-stündigen botanischen Rundgang über das ehemalge Zechengelände konnte sich sehen lassen.

So fing Bernhard Demel, einer der beiden Exkursionsleiter, gleich zu Beginn ein Heupferd.Mit Legeröhre misst so ein Weibchen immerhin 4,2 cm und besitzt beachtliche Beißwerkzeuge, mit denen es sich vorwiegend von anderen Insekten und teilweise auch von Kräutern ernährt
In der Nähe von U. Rückriems Castell stießen wir an einem Tümpel auf hunderte ganz junger Kreuzkröten, die charakteristisch  für dynamische Pionierlebensräume sind. Ein Krötenweibchen kann bis zu 10 000 Eier legen. Trotzdem sind die Bestände dieser Krötenart in den letzten Jahrzehnten wegen der Zerstörung von Auenlandschaften,der Intensivierung der Landwirtschaft und der "Umwidmung" von Brachland stark zurückgegangen.
Auch die zahlreichen Schmetterlingsarten, wie z.B. das Ochsenauge oder die Bläulinge hätten eine eingehendere Betrachtung verdient.

Im Mittelpunkt stand diesmal jedoch die postindustrielle Flora.
Thomas Kalveram und Bernhard Demel vom NABU stellten uns in dem 3-stündigen Rundgang annähernd  80 Arten vor.  Alle Pflanzen des Geländes konnten sie mit deutschem und wissenschaftlichen Namen bestimmen, erläuterten deren botanische Besonderheiten und erklärten uns mit "Eselsbrücken" und Anekdoten, wie man sich die Fülle der Namen merken kann.

Wem ist schon der Zweiknotige Krähenfuß, der Hopfen-Schneckenklee oder der Gewöhnliche Grausenf  ein Begriff ?
Wo trifft man schon einmal 5 Kleearten oder 4 verschiedene Königskerzenarten  auf nur wenigen Quadratmetern?

Insgesamt hat man auf Zollverein in den letzten 25 Jahren 546  Arten von Gefäßpflanzen kartiert, davon fast 50% Einwanderer ( 27% Industriophyten= Jüngsteinwanderer).
Zollverein zählt damit zu den artenreichsten Industriebrachen des Ruhrgebiets.

Extrem nährstoffarme Haldenböden  mit hohen  Temperaturen (bis 60 Grad Celsius) und außergewöhnliche chemische Eigenschaften (pH-Wert, Salzgehalt, Schwermetalle) sowie starke Verdichtung mit entsprechenden Wasserverhältnissen führen hier, zusammen mit der Strukturvielfalt des Geländes, zu einer eigenen Pflanzenwelt. Insbesondere Pflanzen, die ansonsten konkurrenzschwach sind, finden hier einen Rückzugsort.

Überraschend fand ich, dass am Rande einer alten Wasseraufbereitungsanlage, in der sich eine Vielzahl von Amphibien tummelte,eine Orchideenart blühte.
Die Breitblättrige Stendelwurz ist zwar nach dem Bundesnaturschutzgesetz " besonders geschützt", soll aber - wie die Verbreitungskarte dokumentiert - besonders im Ruhrgebiet gar nicht so selten sein und sogar auf Parkplätzen gedeihen.  An ihr wäre ich ohne die beiden NABU-Experten vorbei gelaufen.
Genau wie an dem Tausendgüldenkraut, einer alten Heilpflanze, das am frühen Abend die Blüten bereits geschlossen hatte. Es gehört zu den Enziangewächsen und steht ebenfalls unter Arten- und Naturschutz, so dass es nicht gepflückt werden darf.

Bei den vielen Pflanzeneindrücken waren 3 Stunden für die Exkursion, die mehr als 4 Teilnehmer/innen verdient hätte, viel zu kurz. Auf der anderen Seite verdankten wir es der geringen Teilnehmerzahl, dass wir bei den beiden Exkursionsleitern  alle unsere Fragen los wurden  und nebenbei noch viel über die unschätzbare Arbeit, die der NABU-Ruhr für den Erhalt wichtiger Lebensräume leistet, erfuhren.

Literatur:

Peter Keil, Esther Guderley (Hsgb.) : Artenvielfalt der Industrienatur (Flora, Fauna und Pilze auf Zollverein in Essen
ISBN 378-3-940727-51-3

Autor:

Bernd Dröse aus Essen-West

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