Fußball und Corona:
„Einige Vereine wären auch so überschuldet“

Trotz der Corona-Krise wird im Fußball mit aller Macht versucht, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. Der Grund dafür ist klar: Es geht um viel Geld. Zahlreiche Vereine fürchten um ihre Existenz, ihnen droht wegen der fehlenden Einnahmen die Insolvenz.

Die wird für viele Clubs umso wahrscheinlicher, als Fußball vor Publikum weiterhin ausgeschlossen ist. „Einige Vereine wären aber auch so zahlungsunfähig“, sagt Sportökonom Dr. Daniel Weimar von der Universität Duisburg-Essen (UDE).

In seiner Studie hat er das Procedere der Insolvenzverfahren im Fußball genauer betrachtet. Denn das „unterliegt zahlreichen ökonomischen Besonderheiten, steht zum Teil im Widerspruch zur Insolvenzordnung und kann zu Wettbewerbsverzerrung und Bevorteilung einzelner Vereine führen“.
So sind im deutschen Fußballsystem zusätzlich gesonderte Verbandsstatuten zu beachten, die sportliche Sanktionen wie die des 9-Punkte-Abzugs oder des Zwangsabstiegs insolventer Clubs vorsehen. „Diese Klauseln sind rechtlich und aus Fairness-Gründen diskussionswürdig “, so der Sportökonom. Zudem gelten aktuell noch keine einheitlichen Insolvenzsanktionen in den Verbänden, und eine abschreckende Wirkung scheinen sie überdies nicht zu haben. Denn die finanziellen Probleme halten unvermindert an.

Vereine kurz vor der Pleite haben sportrechtlich momentan keine Konsequenzen zu fürchten. Weil der DFB Punktabzug und Zwangsabstieg ausgesetzt hat, denken strukturell überschuldete Clubs über eine Planinsolvenz nach, um ihre Altlasten loszuwerden. Erleichternd kommt hinzu, dass die Vereine bis Ende September Zeit haben, eine Insolvenz anzumelden. Nach geltendem Recht müsste das eigentlich spätestens nach drei Wochen passieren.

Überschuldet, aber Entwicklung
vielversprechend

„Tatsächlich sind gerade nicht wenige Fußballclubs der dritten bis fünften deutschen Liga überschuldet, wonach ein Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens gestellt werden müsste“, hat Weimar herausgefunden. Ihnen hilft dann nur eine sogenannte „positive Fortführungsprognose“. Bedeutet, dass Vereine mit einer vielversprechenden sportlichen Entwicklung wie einem Aufstieg, Spielerverkäufen oder neuen Sponsoren dank der dadurch generierten Mehreinnahmen pokern. „Das sind stets hypothetische Faktoren, die Liquiditätslücken nur theoretisch schließen. Die Überschuldung bleibt, Vereine können die Fortführungsprognose mühelos wieder negativ rechnen und so einen Antrag auf die Eröffnung eines Insolvenzverfahren einreichen, wenn es gerade am besten passt.“

„Fehlanreize, die Verantwortliche durchaus animieren, hohe Risiken einzugehen“, nennt der Sportökonom diesen Umstand. Dazu trägt auch bei, dass dieses Instrument zur Sanierung beliebig oft genutzt werden kann. „Insbesondere einige Vereine mit langer Tradition, mit einem Imagegewinn für die Stadt“ und treuen Fans haben sich so entschuldet “, erklärt Weimar. So sei es auch nicht verwunderlich, dass in den letzten 25 Jahren gerade Kult-Clubs wie z.B. KFC Uerdingen, Fortuna Köln, SSV Ulm, Hessen Kasel, Kickers Offenbach, Alemannia Aachen und der FC Rot-Weiß Erfurt bereits mehrfach Insolvenzverfahren eingeleitet haben.

Ungleichbehandlung

Dass ein Verein gänzlich aus dem Fußballgeschehen verschwindet, ist laut Weimar eher unwahrscheinlich – auch weil Ligastartrechte wie Spielerrechte auf einen Nachfolgeverein übertragen werden dürfen. Spieler können dann neu angemeldet werden, während es für viele Stadien kaum weitere Nutzungsmöglichkeiten gibt. „Da die einzige Anforderung an einen Auffangclub ein etwas anderer Name ist, kann ein Verein mit kleinen Veränderung fortbestehen.“

Um einer Ungleichbehandlung entgegenzuwirken, sollte laut Daniel Weimar zum einen die Übertragung von Startrechten aus Nachfolgevereine ausgeschlossen werden, „zum anderen sollten die Verbände die bisherigen Insolvenzparagraphen überdenken und auf allen Ebenen der deutschen Fußballpyramide vereinheitlichen.“

Autor:

Charmaine Fischer aus Essen

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