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Alte Dreherei - bürgerschaftliches Engagement rettet Industriedenkmal
Ziel ist der Gleisanschluss

Das Gebäude der „Alten Dreherei“ ist ein einzigartiger Hallenbau mit stolzen 90 Meter Länge, der im Rahmen des Lotto-Prinzips durch die NRW-Stiftung und Deutsche Stiftung Denkmalschutz finanziell unterstützt wurde. Die Renovierung erfolgt mit viel Engagement durch den Trägerverein „Haus der Vereine in der Alten Dreherei e.V.“. | Foto: © Bernd Hegert
  • Das Gebäude der „Alten Dreherei“ ist ein einzigartiger Hallenbau mit stolzen 90 Meter Länge, der im Rahmen des Lotto-Prinzips durch die NRW-Stiftung und Deutsche Stiftung Denkmalschutz finanziell unterstützt wurde. Die Renovierung erfolgt mit viel Engagement durch den Trägerverein „Haus der Vereine in der Alten Dreherei e.V.“.
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Trübes Herbstwetter herrscht heute in Mülheim. Rund um das Gebäude herrscht müde Stille, auch wenn Autos über Autos den Parkplatz füllen. Wo sind deren Fahrer?

Die schwere, eiserne Eingangstür der alten Halle lässt sich nur mit erheblicher Kraftanstrengung öffnen. Kaum ein Fuß in diesen riesigen Raum gesetzt, gibt es die Erklärung. Baustellen- und Arbeitslärm schallt einem entgegen. „Dienstags und donnerstags ist hier immer viel los“, begrüßt Martin Menke seine Gäste. Er wirkt ein bisschen stolz, während er sich in dem sichtbar renovierten Gebäude umschaut. – Und das darf er auch sein, schließlich ist er der Vorsitzende des Trägervereins „Haus der Vereine in der Alten Dreherei e.V.“.

Ehrenamtliche Helfer
Das Baudenkmal wird überwiegend von ehrenamtlichen Helfern saniert, die sich je nach Qualifizierungs-, Ausbildungs- und Fitnesstand einbringen. Menke und der zweite Vorsitzende des Vereins, Heinz-Wilhelm Brückner, koordinieren die Arbeiten. „Wir haben einen Monatsplan mit den anstehenden Aufgaben. Die Leute kommen und gehen, so wie sie Zeit haben. Jeder sucht sich eine Aufgabe, die dann abgearbeitet wird.“ Horst Wolfframm arbeitet gerade an der Werkbank. Er ist weit über 70 Jahre alt und verfügt als Metallfachmann über sehr wertvolle Kenntnisse. „Es wird ja immer schwerer jemanden zu finden, der das Dreherhandwerk noch beherrscht und alte Maschinen wie hier bedienen kann“, sagt Wolfframm mit Blick auf die eindrucksvolle historische Werkstatt.

Ursprung 1874
Das Gebäude der Dreherei ist ein einzigartiger Hallenbau mit stolzen 90 Meter Länge. Der Bau ist dreischiffig, von besonderer Bedeutung ist die hölzerne Stütz- und Dachkonstruktion der Halle, die auf gusseisernen Säulen ruht.

Im Jahr 1874 wurde diese für die damalige Rheinische Bahn und an den Bahnhof Mülheim-Speldorf angeschlossene Werkstätte für Lokomotiven- und Wagenreparatur errichtet. Sie bestand aus einer Richthalle mit Schiebebühne, die aktuell nicht mehr steht, und einer mechanischen Werkstatt, der Dreherei.

Gleisanschluss
Außerhalb der Halle liegen Bahngleise, und eine alte Lokomotive steht auch dort. Der Gedanke an Spielzeug-Eisenbahnen sowie Kindheitserinnerungen kommen hoch. Martin Menke lächelt, während er über den Bauzaun an der Grundstücksgrenze schaut: „Unser Nachbar hier ist die Ruhrbahn und wir planen gerade den Gleisanschluss!“ Wie bitte? Doch, richtig gehört. „Ziel ist es, unsere Gäste der Alten Dreherei zukünftig mit einer historischen Bahn bis in die Halle zu fahren“, klärt Menke auf. Nur noch wenige Meter fehlten, dann sei der Gleisanschluss gelungen. In der Halle selbst, erläutert Menke, sind die Schienen schon restauriert und fahrbereit.

Lockrichthalle soll folgen
Darüber hinaus gibt es noch weitere ambitionierte Pläne. An der westlichen Seite der alten Dreherei soll die Lockrichthalle wiederaufgebaut werden, und zwar aus Originalsteinen, die nie verloren gingen. Die Halle diente lange Zeit als Getreidelager der Bundesregierung. Im Kriegsfall hätte die Bevölkerung im Ruhrgebiet unter anderem von hier aus versorgt werden können. Vor 15 Jahren allerdings wurde sie, obwohl unter Denkmalschutz stehend, abgerissen.

Am Aufbau der Lockrichthalle sind auch viele junge Menschen beteiligt. Keine Normalität, wenn von Denkmalschutz die Rede ist. Martin Menke schwärmt von der Kooperation mit der Hochschule Ruhr-West, die nur einen Steinwurf entfernt ist. Angehende Bauingenieure sammeln hier erste Erfahrungen.

Ursprung des Trägervereins
Um 1950 arbeiteten auf dem großen Gelände rund 2000 Menschen an jährlich über 1000 Dampfloks. Mit dem Ende der Dampflokära wurde das Ausbesserungswerk Speldorf von der Deutschen Bundesbahn am 31. März 1959 geschlossen. Die Gebäude wurden unter Denkmalschutz gestellt und in Teilen von der Stadt genutzt. Im Jahr 2003 wurde die Lokrichthalle abgerissen, für eine geplante Bebauung des Geländes wurde schließlich auch 2007 der Abriss der „Alten Dreherei“ geplant.

Um den Abriss zu verhindern, schlossen sich Bahnliebhaber, Oldtimer-Fans, Geflügel- und Vogelfreunde sowie Modellbauer zusammen, um ein Projekt zur Renovierung der Halle ins Leben zu rufen und den Trägerverein „Haus der Vereine in der Alten Dreherei“ zu gründen. Nicht nur den Gründern sollen die Gebäude in Zukunft ein Zuhause bieten, sondern auch weiteren Vereinen.

In der obersten Etage der Alten Dreherei haben sich beispielsweise bereits Modellbauer eingerichtet. Hier wird von Hobbytüftlern auf geschätzten 600 Quadratmetern am Nachbau der unteren Ruhrtalbahn gearbeitet, die von Essen-Kettwig nach Mülheim-Styrum führte.

Menke schaut auf einen Wandkalender: „Fast genau vor zehn Jahren hatten wir hier unseren ersten Arbeitstag mit den Ehrenamtlichen. Es sind bestimmt weit mehr als 100.000 Arbeitsstunden freiwillig geleistet worden. Nur das Nötigste wurde bisher an Fachfirmen vergeben, und auch Sachspenden haben geholfen.

Fehlende Heizung

Die Halle wurde mittlerweile sogar für öffentliche Veranstaltungen freigegeben und es wurden Sozialräume geschaffen. Auch einen Fahrstuhl gibt es. In der Alten Dreherei finden Oldtimer-Events statt, es wird mit der historischen Straßenbahn gefahren, Halle und Verein beteiligen sich an der jährlichen Veranstaltung „Extraschicht“, bei der alte Industriegebäude in Szene gesetzt werden. Auch für eine Bonsaimesse, eine Kleintierschau, ein Boxturnier oder Model-Shootings war man schon Gastgeber. „Wir wollen keine großen Gagen oder Hallenmiete, aber Mitglied in unserem Verein sollte schon jeder sein, der bei uns ein Event durchführ“, erklärt Menke.

Doch im Herbst und im Winter ist es oft zu kalt. „Eine vernünftige Heizung können wir uns zurzeit noch nicht leisten. Allein das Verlegen eines Gasanschlusses in die Halle wird 68 000 Euro kosten. Das müssen wir aus Spenden finanzieren“, erklärt Martin Menke. „Aber wir hoffen auch auf weitere Unterstützung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz.“

Mindestens fünf weitere Jahre werden wohl noch vergehen, bis die Gebäude in dem Zustand sind, wie sie sein sollen. So beharrlich und emsig wie Menke und seine Mitstreiter sind, werden die sicher wie im Fluge vergehen und aus der Alten Dreherei ein noch schmuckeres Industriedenkmal machen, als es jetzt schon ist.

Förderung aus dem Lotto-Prinzip
In Summe belaufen sich die Renovierungskosten auf zwei Millionen Euro. Ein stattlicher Betrag. Die NRW-Stiftung beteiligte sich bislang mit 345.000 Euro. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz förderte in den letzten Jahren bereits mehrmals mit einer Gesamtsumme von inzwischen 190.000 Euro. In Erinnerung an die vorbildliche Restaurierung prangt seit dem Jahr 2015 bereits die Plakette der Deutschen Stiftung Denkmalschutz am Gebäude, mit der Aufschrift: „Gefördert durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz mithilfe der GlücksSpirale“.

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