Der Welt hätte viel erspart werden können

Der Menschenfreund und Jude Schlomo Herzl blickt mit Graus darauf wie sich der junge Hitler entwickelt. Gretchen und der Koch Lobkowitz stehen an seiner Seite, obwohl der Koch und ebenfalls Jude Schlomo vor zu viel Mitgefühl gewarnt hatte. Foto: Ralf Nattermann
  • Der Menschenfreund und Jude Schlomo Herzl blickt mit Graus darauf wie sich der junge Hitler entwickelt. Gretchen und der Koch Lobkowitz stehen an seiner Seite, obwohl der Koch und ebenfalls Jude Schlomo vor zu viel Mitgefühl gewarnt hatte. Foto: Ralf Nattermann
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Wenn es nach George Taboris „Mein Kampf“ gegangen wäre. Denn in Taboris Groteske hat ausgerechnet der Jude Schlomo Herzl den jungen Adolf Hitler in seiner Wiener Zeit vor dem Tod bewahrt.

Das Trias Theater Ruhr setzt die Groteske derzeit im Rahmen der Gelsenkirchener Reihe „Hitler in unseren Köpfen“ auf der Bühne um und das mit sehr viel Bravour.
Mit mehr als einem Augenzwinkern schildert George Tabori die Ankunft des jungen Hitler in einem Wiener Männerübernachtungsheim. Der junge Mann aus Braunau in Tirol will sich an der Wiener Kunstakademie bewerben und fühlt sich als rhetorisches wie künstlerisches Genie. Gleich bei seiner Ankunft in dem Übernachtungsheim glänzt er durch völlige Abwesenheit von gutem Benehmen und redet sich sogleich in Rage, womit er auf seine späteren demagogischen Reden hinarbeitet.
Doch er trifft in dem Männerheim auf zwei Juden, von denen der Bibelverkäufer Schlomo Herzl sich seiner annimmt und ihm zunächst einmal Benehmen beibringt. Aber er nimmt sich des jungen und unbedarften Mannes auch an, wie ein Vater. So leiht er ihm seinen Mantel, näht ihm Knöpfe an, putzt ihm die Schuhe und verpasst ihm den typischen Hitler-Bart.
Zum Dank dafür wird er von Adolf Hitler als Dienstbote behandelt, regelrecht malträtiert und schließlich sogar körperlich angegangen. Doch Schlomo Herzl bleibt ein Menschenfreund und hofft, dass Hitlers „Flegeljahre“ bald enden mögen.
Als dann Gevatter Tod in dem Männerheim auftaucht, rettet Herzl den jungen Mann und erfährt in einem Gespräch mit dem Tod, dass dieser eine andere Idee hat, wie mit Hitler umzugehen sei: „Hitler ist eine mittelmäßige Leiche, aber als Täter ein wahres Naturtalent.“
Das Trias Theater spielt unter der Regie von Tatjana Sarazhynska und zur Musik von Danny Bombosch. Es spielen Harald Goldau als Schlomo Herzl, Merlin Dembowski als Adolf Hitler, Ulrich Penquitt als Koch Lobkowitz, Jens Dornheim/Jesse Krauß als Tod, Inga Stück als Gretchen, Alexander Welp als Heinrich und Christian Becker als Mitläufer. Die Kostüme stammen von Angela Heidschilling. Das Publikum quittierte das Spiel mit großem Applaus, Standing Ovations und viel Spaß, aber auch bedrückenden Gefühlen.
Die sehr gute Besetzung mit Harald Goldau als belesenem, weltoffenen, philosophierenden, liebenswürdigen und wortgewandtem Juden passt einfach vortrefflich. Durch nichts aus der Ruhe zu bringen, widmet er sich dem jungen Hitler, der nie gelernt hat zu weinen und doch eine traurige Gestalt darstellt.
Und das zeigt Merlin Dembowski aufs Allertrefflichste. Wenn er die Augen aufreißt, mit den Händen agiert und sich mit Worten in wahre Ekstase redet, erkennt man den späteren Demagogen, der die Massen hinter sich zu bringen wusste. Aber er zeigt auch die unbedarfte Seite des jungen Mannes vom Land, der weder Erfahrungen im Umgang mit Frauen hat noch mit Männern, der es nicht gelernt hat, sich unterzuordnen, nicht empfänglich ist für Kritik und sich bei aller Unsicherheit doch für etwas Besonderes hält.
Ausgerechnet vom Juden Schlomo Herzl nimmt er den Rat an, sich als Politiker zu profilieren. Und am Ende schreibt er das Buch, das Schlomo Herzl nur im Kopf entwickelt hat, dessen Titel aber Adolf Hitler direkt gut gefallen hat: Mein Kampf. Der Rest ist Geschichte und gibt Taboris Tod wahrlich recht.

Spieltermine von "Mein Kampf"

„Mein Kampf“ wird am Freitag, 24. November, um 20 Uhr im Bonni, Eppmannsweg 32, gespielt. Karten gibt es unter Telefon 66047.
 Am Donnerstag, 30. November, spielt das Trias Theater Ruhr zum letzten Mal in diesem Jahr „Mein Kampf“ um 19.30 Uhr im Kurt-Neuwald-Saal der Synagoge an der Georgstraße 2.
Ein Wiedersehen mit Schlomo Herzl und Adolf Hitler gibt es im Mai 2018 in der „flora“, Florastraße 26. Termine

Autor:

silke sobotta aus Gelsenkirchen

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