Die Hohoffstraße soll aus gegebenem Anlass umbenannt werden
Nazi-Vergangenheit holt Rotthausen ein

Der Stein des Anstoßes: Das Straßenschild nebst Infoschild über die Person Heinrich Hohoffs.Foto: Gerd Kaemper
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In den Jahren 1906 bis 1923 war Rotthausen eigenständige Bürgermeisterei innerhalb des Landkreises Essen, darauf sind die Rotthauser auch heute noch stolz. Nun bekommt diese historische Tatsache aber einen Dämpfer, denn der einzige Bürgermeister, den Rotthausen je hatte, wurde vom Institut für Stadtgeschichte Gelsenkirchen als nicht nur frühes, sondern auch freiwilliges Mitglied der NSDAP entlarvt.

Gemäß eines Ratsbeschlusses vom 7. Oktober 2010 gibt es in Gelsenkirchen zentrale Prinzipien für Benennungen im öffentlichen Raum. Das Institut für Stadtgeschichte (ISG) wurde damit beauftragt, möglicherweise problematische Namensgeber von Straßen oder Einrichtungen in Gelsenkirchen mittels entsprechender Gutachten zu ermitteln.

Zur Person desBürgermeisters Hohoff

Dabei stieß man auf Carl Heinrich Wilhelm Hohoff, geboren 1873 - verstorben 1939, der ab dem 1. Oktober 1906 kommissarischer und später Bürgermeister von Rotthausen auf Lebenszeit wurde.
Bei den Recherchen ermittelte Prof. Dr. Stefan Goch, der damalige Leiter des ISG und Vorgänger von Dr. Daniel Schmidt, dass besagter Bürgermeister Hohoff bereits 1932 in die NSDAP eintrat und später als „alter Kämpfer der Partei“ galt. Damit erteilte Hohoff der noch jungen deutschen Republik eine bewusste Absage, obwohl er ihr als Beamter auf Lebenszeit und öffentliche Persönlichkeit eine besondere Verantwortung schuldete.
Bei Wahlen im Frühjahr 1919 wäre Hohoff demokratisch abgewählt worden, aufgrund seiner Rechtsstellung als Beamter auf Lebenszeit, gab es aber keine Handhabe, ihn durch einen frei gewählten demokratisch legitimierten Bürgermeister zu ersetzen.
Zum 1. Januar 1924 wurde Rotthausen nach Gelsenkirchen eingemeindet. Nun wurde Heinrich Hohoff durch Verwaltungsbeschluss als Beigeordneter der Stadt Gelsenkirchen mit einer Amtszeit von zwölf Jahren übernommen. Bei erneuten Wahlen, die nach dem Zuammenschluss der Städte Gelsenkirchen und Buer sowie des Amtes Horst 1928 fällg wurde, fiel Hohoff durch und betrachtete sich als von der „schwarz-roten Mehrheit ausgebootet“. Heinrich Hohoffs Amtperiode endete zum Jahresende 1935, er blieb aber bei vollen Bezügen Beamter ohne Amt bis zu seinem Lebensende.
Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten hoffte Hohoff Anfang 1933 auf eine Reaktivierung als städtischer Beigeordneter und kontaktierte diesbezüglich mehrfach den zuständigen Gauleiter. In einem der Briefe heißt es: „Ich bin zwar seit 1927 treuer Anhänger der Bewegung, wenn auch nach Lage der Verhältnisse mehr in der Stille als in der Öffentlichkeit und ich bin seit eineinhalb Jahren Mitglied der Ortsgruppe Essen, weil es mir als Beamter – noch dazu von den Roten und Schwarzen wenig beliebt – leider in Gelsenkirchen versagt sein musste; ich habe mich in Gelsenkirchen beschränken müssen auf die Förderung der S.A. in Rotthausen. Ich will aus meiner Parteizugehörigkeit keinen Vorteil für mich ziehen, denn ich bin nicht s. Zt. Nationalsozialist geworden aus kleinem Krämergeist, sondern aus einem tiefen Idealismus.“

Die weiteren Planungen zur Umbennung

Soweit der geschichtliche Abriss zur Person Heinrich Hohoffs. Nun soll die Hohoffstraße in Rotthausen umbenannt werden in Bürgermeistereistraße. „Diese Namensgebung ist ein Entgegenkommen der Verwaltung an die Rotthauser Historie. Zumal man bedenken muss, dass Hohoff wohl eher in Vergessenheit geraten ist. Zum neuen Straßennamen gibt es dann am Straßenschild auch einen Erinnerungshinweis an die Jahre 1906 bis 1924 und an exponierter Stelle, etwa auf dem Rotthauser Marktplatz oder vor dem ehemaligen Amtshaus, eine Erinnerungsortetafel. Damit wird auf die Zeit der Eigenständigkeit Rotthausens mit einer Bürgermeisterei hingewiesen“, erläutert Dr. Daniel Schmidt die Planungen der Stadt.
Über die Umbenennung entscheidet am Dienstag, 19. Februar, ab 16 Uhr im Wissenschaftspark an der Munscheidstraße die Bezirksvertretung Süd in einer öffentlichen Sitzung. „Bei dieser Gelegenheit könnte auch noch ein anderer Namensvorschlag eingebracht werden. Das liegt nun bei der Bezirksvertretung. Die Verwaltung hält die Namensänderung für geboten, die letzte Entscheidung liegt nun bei der Politik vor Ort“, weiß Schmidt, dem auch bewusst ist, dass sich in Rotthausen Widerstand regt gegen die „Tilgung Hohoffs aus dem Geschichtsbewusstsein“. Das wurde bei Vorgesprächen mit interessierten Bewohnern, dem Bürgerverein, Rotthauser Netzwerk und anderen Institutionen deutlich.
Die etwa 100 betroffenen Anlieger der Sackgasse mit Namen Hohoffstraße, die 14 Hausnummern zählt, wurden von der Verwaltung über das Vorhaben informiert. Und zwar über den Grund der Umbenennung wie auch die Hilfestellungen der Stadt bei den sich daraus ergebenden Unannehmlichkeiten.

Der Stein des Anstoßes: Das Straßenschild nebst Infoschild über die Person Heinrich Hohoffs.Foto: Gerd Kaemper
Sozialdezernent Luidger Wolterhoff (links) ist der für den Gelsenkirchener Süden zuständige Dezernent und hofft, wie auch Dr. Schmidt, auf die von der Verwaltung angestrebte Umbenennung der Straße. Foto: Gerd Kaemper
Autor:

silke sobotta aus Gelsenkirchen

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