Wir reden, wir chatten - niedrigschwellig und kooperativ
"Wir contra Dr. Sommer und Co"

Unser Jugendarbeiter Benjamin (Benni) Donndorf
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  • Unser Jugendarbeiter Benjamin (Benni) Donndorf
  • Foto: Benjamin Donndorf

Viele fragen sich sicher, warum wir dieses Angebot unserer AIDS-Hilfe so sehr in den Vordergrund rücken. Und diese Frage ist verständlich. Jugendliche gehören, was HIV betrifft, insgesamt nicht zu den besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen.

Da sie am Anfang ihrer sexuellen Aktivität stehen, sind sie jedoch eine wichtige Zielgruppe für die Sexualpädagogik und die Aufklärung zu HIV und anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

Welche Angebote aus der AIDS-Hilfe  in Kooperation mit dem öffentlichen Gesundheitsdienst
2017 in Anspruch genommen wurden, stellen wir Ihnen hier vor:

Die größte Nachfrage  nach Prävention für Jugendliche und junge Erwachsene: knapp 2500 Jugendliche kommen immer noch aus Schulen  aller Schulformen .

Dieses Angebot ist seit 1987 - also seit Beginn unseres Bestehens -  Kernbestandteil unserer Arbeit und auch der, den wohl die meisten Menschen kennen. "da kommt der Kondomfreak zu uns in die Schule".
Fast kein Weg durch die Stadt oder "mal eben zum Kiosk", bei dem mich nicht mindestens eine Person anspricht und freundlich grüßt. "Sie kommen mir so bekannt vor, haben Sie mir nicht (und dabei geht ein verstohlener Blick zur Seite, ob auch niemand zuhört) beigebracht, wie man Kondome benutzt?

"Da kommt der Kondomfreak"

Ich bin immer wieder erstaunt, wie oft es gerade Erwachsene, so um die 30-40 sind, die mich so begrüßen. Ich stelle fest, dass ich nun doch schon deutlich länger in Hagen arbeite, als ich es ursprünglich mal geplant habe und dass ich wohl über die Arbeit ganz schön in die Jahre gekommen bin.
Sogar meine Fitnesstrainer sind ehemalige meiner Unterrichtsbesuche.

Die lustigste Begegnung war vor einem halben Jahr nachts bei einer Verkehrskontrolle am Landgericht, als die Polizistin mich erkannte und augenzwinkernd meinte: "Tja Herr Rau, da bekommt der Begriff "Blasen" eine ganz andere Bedeutung, als in Ihrem Unterricht." Wir  haben beide furchtbar dreckig lachen müssen. Die andere Streifenkollegin grinste nur verdutzt und ergänzte: "wir kennen uns vom Fichte. "
Aber ich bin auch immer wieder erfreut, an wie viele Gesichter ich mich tatsächlich erinnere. Das aber nur am Rande.
Im Jahr 2019 haben meine Kolleg*innen (Kathrin, Benjamin und Reza) rund 2500 sog. personalkommunikative (damit ist immer der direkte Gesprächskontakt gemeint)
Jugendliche und junge Erwachsene (13 bis 24 Jahre) im Rahmen von Projekten und
Veranstaltungen realisiert. Das entspricht in etwa genau der Hälfte aller durch Projekte und
Veranstaltungen hergestellten Aufklärungskontakte.
Davon waren die meisten zwischen 13 und 17 Jahre alt, einige von 18 bis 24 Jahre.
 In etwa jeweils die Hälfte  sind Mädchen oder Jungen. Nur ein kleiner Teil davon erkennbar "intersexuell oder divers".  Warum diese Aussage wichtiger ist, als es prozentual den Anschein hat, erkläre ich weiter unten.

Von A wie Anbaggern bis Z wie Zärtlichkeit

Die Themenpalette der Jugendlichen reicht zum größten Teil (95 %) sowohl HIV als auch andere sexuell übertragbare Infektionen (STI = sexuell transmitted infections). Selten geht es nur um HIV oder andere Infektionen. Die Erfahrung zeigt, dass sich hinter den meisten Fragen der Teenager viele andere Fragen verbergen, die sie in aller Regel mit ihren Eltern oder Freunden nicht so intensiv besprechen wollen und auf die auch das Internet und Bravo nicht immer geeignete Antworten geben. Oder sie verlieren  in einem Wust an Überinformationen im Netz auch den Überblick. Oder, was wirklich problematisch ist, sie geraten an die "falschen Leute". Sexuelle Anmache (zum Teil durch Erwachsene) oder Cybermobbing stellen eine nicht zu unterschätzende Gefahr für sie dar. In unseren eigenen multimedialen Angeboten (Online Rallye oder auch soziale Medien) ist uns daher ein geschützter Raum wichtig. 

Mitarbeiter legen ein polizeiliches Führungszeugnis vor

Überhaupt ist zu sagen, dass wir bei der Auswahl unserer Mitarbeiter immer darauf achten, dass sie integer, diskret und verantwortlich handeln. Alle, die in der Jugendarbeit tätig sind, müssen sogar ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Egal, ob bezahlter oder ehrenamtlicher Mitarbeiter. Schutzkonzepte, die das Recht der Jugendlichen achten, beständige Weiterbildung wie auch die stetige Sensibilisierung für das richtige Maß an Nähe und Distanz werden immer wieder überprüft und weiter entwickelt. Sie bilden unseren moralischen/ethischen Kompass für die Arbeit mit den Jugendlichen und den anderen Kunden unserer Arbeit.
Die meisten Veranstaltungen sind also  sexualpädagogisch ausgerichtet und thematisieren alle Fragen von A wie Anmache bis Z wie Zärtlichkeit, sexuelle Orientierung; und eben auch die Frage nach der Identität (Gender) sind  ebenso von Bedeutung.  In den Projekten und
Veranstaltungen werden also Wissen, Fähigkeiten und Werte vermittelt, die Jugendliche dabei unterstützen, eine selbstbestimmte Sexualität zu entwickeln. Dies sei vor allem auch jenen Kritikern gesagt, die sich bei uns beschweren, weil wir ihre Kinder angeblich "sexualisieren" und verführen. Der Maßstab unseres Handelns ist und bleibt die sexuelle Selbstbestimmung.

Über vier Fünftel unserer Projekte finden in Kooperation mit anderen Trägern statt. Das sind neben den Schulen und Jugendeinrichtungen vor allem die Beratungsstellen der AWO, das Gesundheitsamt und die Drogenberatung, aber auch Krankenkassen, Kulturzentren (Pelmke oder Kultopia). Vor allem der Jugendring Hagen sei hier noch genannt. Wir sind anerkannter Träger der Jugendhilfe und fühlen uns hier besonders unterstützt. Große Kampagnen, wie z. B. "Demokratie leben" haben uns schon oft geholfen, vor allem mit den Jugendlichen gemeinsam ihre Veranstaltungen zu entwickeln und klar antirassistisch und - in unserem Fall noch wesentlicher - antisexistisch und ohne jede Diskriminierung zu gestalten.

Wir und die anderen - Wir sind Hagen

Der Zugang zu Projekten ist niedrigschwellig:  75 % der Kontakte wurden von
uns innerhalb der eigenen Einrichtung realisiert. Aber auch der Weg aus der Einrichtung hinaus zu den anderen Jugendeinrichtungen oder Beratungsstellen und in die Schulen ist für uns kein Problem. Wir können sagen, dass wir weit über die Körnerstraße hinaus wirken und bekannt sind.
So wurden 25 % der Projekte außerhalb unseres eigenen Mikrokosmos angeboten. Unter anderem Beratungsstellenrallys, Aktionstische und Jugendfilmtage und eben auch in den sozialen Medien.
Was wir etwas schade finden: viele Schulen leiden unter Umstrukturierungen, Schulformänderungen, Lehrermangel - aber auch daran, dass viele Fachkräfte gar nicht aus Hagen kommen und die Angebote hier vor Ort nicht kennen. Hier besteht ein großer Bedarf an Unterstützung für die Schulen. Sei es, den Bekanntheitsgrad in den Schulen zu erhöhen, aber auch in der Weiterbildung der Kollegen, damit sie eigenständiger und in mehr eigener Verantwortung zuverlässige Partner und Mentoren zu diesen (für Jugendliche elementaren) Themen werden können.
Eben so großen Wert legen wir übrigens auf die Kooperation mit den Eltern, die ja oft die ersten und wohl wichtigsten Bezugspersonen für "Sexualaufklärung" sind und die sich - wie oben schon erwähnt - oft große Sorgen um ihre Kinder machen. Leider steht dabei aber oft mehr die Sorge um "Sitte, Anstand und Moral" oder die Angst vor Homosexualität der Kinder im Vordergrund, als die wirklichen und bedeutsameren Gefahren sexualisierter Gewalt, Problemen in der Partnerschaft, die für Jugendliche echt dramatisch sind, oder Gefahren für die mentale wie körperliche Gesundheit.

Eltern haben ein Recht auf Informationen und Mitsprache.

Dabei wollen wir doch alle eigentlich nur, dass die Teenager glücklich und unbeschwert aufwachsen.
Aus diesem Grund ist zukünftig die Teilnahme an "Elterninfos" für Eltern und Lehrer der Schulen, die mit uns arbeiten, verpflichtende Bedingung. Einrichtungen, die dies nicht einmal jährlich in Anspruch nehmen, können wir für unsere Angebote nicht mehr berücksichtigen. Elternarbeit ist nicht nur ein Recht, sondern auch letztlich gesetzliche Pflicht der Schulen. Allerdings eine Pflicht, bei der wir die Einrichtungen gerne unterstützen und mit Rat und Tat zur Seite stehen. Hierzu werden wir unsere Kontakte zum Kinderschutzbund deutlich intensivieren. Vielleicht schaffen wir gemeinsam, besorgte Eltern zu erreichen.

Zuletzt weisen wir auch noch auf unsere Gruppenangebote für sog. LSBTI (lesbische, schwule, trans- und intergeschlechtliche Teenager) Queerschlag und Queerfugees hin. Benjamin, Kim, Andi, Reza und Nemat sind bei unseren Teenagern in diesen Gruppen echt beliebt und beleben das Haus hier. Die Mittwoch- und Donnerstagnachmittage sind turbulent und laut. Immer wird etwas gekocht oder gebastelt, getobt und gespielt,  manchmal auch getanzt und gesungen. Und für viele der Teilnehmer ist es eine Befreiung aus der Norm, die ihnen der Alltag als augenscheinlich "richtiger Junge/richtiges Mädchen"  aufgibt, auszubrechen und in diesen geschützten Räumen einfach mal sie selbst zu sein.  (siehe dazu mal den Abschnitt zur Geschlechterverteilung weiter oben).

Wir finden: besser machen kann man immer - aber wir sind mit allen unseren Angeboten schon verdammt gut aufgestellt.
Den Hagenern (und den Hohenlimburgern, Haspern, Dahlern, Emstern.....) hier an dieser Stelle mal ein fettes Kompliment. Ohne Euch wäre es nur halb so schön und auch die Kids können ziemlich stolz sein. Denn hier kommen nicht nur unsere Kunden, sondern auch unsere freiwilligen und bezahlten Helfer her.

Autor:

Andreas Rau aus Hagen

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