Sascha Kohnert (43) und Nadine Lottes (40) pilgerten auf dem Camino del Norte
Hattinger zurück vom Jakobsweg

Sascha Kohnert und Nadine Lottes am Ziel aller Pilger auf dem Jakobsweg: die Kathedrale mit dem Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela.   alle Fotos: privat
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  • Sascha Kohnert und Nadine Lottes am Ziel aller Pilger auf dem Jakobsweg: die Kathedrale mit dem Grab des Heiligen Jakobus in Santiago de Compostela. alle Fotos: privat
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Hape Kerkeling ist wohl der berühmteste deutsche Pilger, der auf dem nicht minder berühmten Jakobsweg im Norden Spaniens unterwegs war. Frisch von ebendort zurück sind auch die Hattinger Sascha Kohnert und Nadine Lottes. Und wie ihr bekannter Vorgänger waren auch sie auf Sinnsuche.

"Was wollen wir machen? Was kommt noch? Was hat uns das Leben noch Neues zu bieten?" So schildert der 43jährige seine Beweggründe für die Pilgerreise.
Und er ergänzt: "Ich beispielsweise war über 20 Jahre im Marketingbereich einer Kinokette tätig. Irgendwann fand ich, jetzt sei die Zeit für Veränderungen. Da habe ich auf mein Bauchgefühl gehört und gekündigt."
Durch Gespräche und auch spirituelle Gedanken seien er und seine Freundin, die ebenfalls aus dem Beruf ausstieg, auf die Idee der Pilgerreise auf dem Jakobsweg gekommen - zur Entschleunigung. Das sei übrigens der Grund für viele der Pilger, welche die beiden unterwegs getroffen haben, meint Sascha Kohnert und fügt an, dass sie beide weder religiös noch spirituell seien.

Knapp 1.000 Kilometer langer Fußweg

Einen Monat bereitete sich das Paar auf die Tour vor, schaffte es tatsächlich, mit nicht mehr als zehn Kilo auf dem Rücken unterwegs zu sein. Mit dem Zug ging es über Paris nach Irun. Hier begann der knapp 1.000 Kilometer lange Fußweg der beiden Hattinger auf dem weniger bekannten Camino del Norte. Nur sechs Prozent aller Pilger des Jakobsweges nehmen diese Route, die immer wieder direkt am Meer entlang führt und als landschaftlich sehr reizvoll gilt, allerdings auch wegen der vielen Höhenmeter als anspruchsvoll.
Sieben Wochen haben Sascha Kohnert und Nadine Lottes gebraucht, sind sogar noch weiter als bis zum eigentlichen Endpunkt Santiago de Compostela gelaufen, bis Fisterra nämlich, das lange als das Ende der Welt galt.
"25 bis 30 Kilometer haben wir am Tag gemacht und in öffentlichen Herbergen übernachtet", erzählt Sascha Kohnert. "Das sind oft Gemeindesäle oder Schulen, die für Pilger hergerichtet werden. Gegen eine Spende gibt es dort in großen Schlafsälen Stockbetten - Schnarchen der Mitschläfer inklusive", schmunzelt er. "Ab und zu haben wir uns aber auch eine Pension gegönnt."
Um acht Uhr morgens ging es jeweils los, durch Wälder genauso wie durch Industriegebiete oder an Stränden entlang: "Das war zwar sehr abwechslungsreich, wirkte sich aber auch auf unsere Stimmung aus, ob wir hauptsächlich durch Natur oder ein Gewerbegebiet gelaufen waren. Abends hört man einfach auf seinen Körper, wie weit man noch gehen möchte. Dann sucht man sich eine Herberge, klopft an die Tür und fragt nach einem Bett und fühlt sich dabei ein wenig wie Maria und Josef. Wenn wirklich einmal kein Bett mehr frei war, dann bekamen wir vom Herbergsvater auch schon einmal ein Zelt. Das war eigentlich für drei Personen, aber wir mussten darin die Nacht zu viert verbringen. So ist es uns gleich am zweiten Tag ergangen. Im Nachhinein haben wir die Erkenntnis gewonnen, dass wir uns neu sozialisiert haben. Man ist einfach dankbarer und stellt fest, wie hilfsbereit die Menschen sind, mit denen wir uns nur mit Hilfe von Händen und Füßen verständigen konnten. Fast keiner sprach Englisch und selbst Spanisch nur in Grundzügen. Alles das beispielsweise steht im krassen Gegensatz zu meinem bis dahin eher extrovertierten Leben in der Medienbranche."

Nichts so düster wie gedacht, alles komplett anders

Er spricht auch offen die Ängste an, die sie beide vor der Pilgerreise hatten, etwa ob sie das mental und auch körperlich durchhalten, ob ihre Partnerschaft stark genug für so ein extremes Unterfangen ist, denn sie wollten bewusst nur als Paar laufen. Sascha Kohnerts Erkenntnis: "Alles war komplett anders. Nichts war so düster, wie wir uns das vorgestellt hatten. Allerdings lernt man Werte wert zu schätzen, beispielsweise Hilfsbereitschaft und Gemeinschaft. Und Nadine und ich, wir sind immer noch zusammen, unsere Beziehung hat die Belastungsprobe überstanden", lächelt er.
Natürlich, berichtet er weiter, habe es auch Tiefpunkte gegeben: "Tagesmärsche spiegeln sich auf der Landkarte kaum wider. Dazu sind die Etappen viel zu klein. Außerdem unterliegt man einer falschen Selbsteinschätzung. Da glaubt man, weiß Gott wieviel geschafft zu haben, weil man gefühlt Stunden unterwegs war, aber letztlich waren's doch nur zwei Kilometer. Vor allem gegen Ende der Wanderung war das häufiger der Fall. Nach rund vier Wochen waren wir schlicht reise- und wandermüde. Aus so einem Tief heraus zu kommen, dabei hat uns vor allem die echte Erkenntnis geholfen: Der Weg ist das Ziel."
Dieses und mehr haben Sachscha Kohnert und Nadine Lottes auf ihrem Smartphone in einem elektronischen Tagebuch dokumentiert. Dabei gesteht der Hattinger: "Mehr als einmal bin ich beim Aufsprechen der Erlebnisse des Tages einfach vor Erschöpfung eingeschlafen."
Auf ihrem Weg trafen sie immer mal wieder auf Leute, die sie schon getroffen hatten - aus allen Altersschichten und aus der ganzen Welt. Sie kamen durch Dörfer, die zu großen Teilen von der Bevölkerung verlassen waren, trafen immer wieder auf Hilfsbereitschaft und oft erstaunt über glückliche "Zufälle", die immer dann eintrafen, wenn sie mal vor Problemen standen.

In Santiago de Compostela das ein oder andere Tränchen verdrückt

Und endlich am Ziel: Santiago de Compostela. "Hier anzukommen, war schon ein seltsames Gefühl", schildert Sascha Kohnert. "Da auf den Stufen der Kathedrale zu sitzen bei tollem Sommerwetter, das hat was. Manche Pilger dort weinten einfach nur, andere schrien vor Freude, es geschafft zu haben. Auch wir waren überwältigt und mussten das ein oder andere Tränchen verdrücken. Wir hatten es geschafft, wir Büromenschen, die dem Sport nicht so zugeneigt waren. Drei Tage blieben wir, feierten mit anderen Pilgern, die wir teilweise unterwegs schon getroffen hatten. Natürlich holten wir uns unsere Compostela-Urkunde ab, die den Abschluss der Jakobs-Pilgerreise offiziell dokumentiert, und wir haben selbstverständlich wie jeder Pilger die Büste des heiligen Jakob berührt. Dass wir als wenig religiöse Menschen die Pilgermesse nicht besucht haben, das tut uns im Nachhinein sogar etwas leid."
Dann haben sich die Hattinger aufgemacht nach Fisterra, dem Ende der Welt. Vier weitere Tage dauerte der Marsch, bis sie mit Hippies, Aussteigern und anderen Pilgern an der Steilküste gerührt dem Sonnenuntergang zusahen.
Anschließend sind sie nach Porto gefahren, haben sich vor dem Rückflug ein paar Tage erholt: "Als wir wieder nach Hattingen kamen, war das wie eine andere Welt. Aber das Gefühl, das uns dabei überkam, während wir durch die Altstadt liefen, das fühlte sich sehr stark nach Heimat an."
Neben den bereits geschilderten Erkenntnissen aus der Pilgerreise ("Man schafft mehr, als man denkt!") hofft Sascha Kohnert, der auf der Wanderung zehn Kilo abgenommen hat, jetzt auf eine neue berufliche Chance - am liebsten, um etwas für Hattingen zu tun: "Ich bin ja im Bereich Marketing zu Hause. Eine solche Erfahrung wie der Jakobsweg macht sich sicher in meinem Lebenslauf sehr gut. Das war ja nicht nur für mich persönlich eine Bereicherung, sondern auch beruflich. Es erweitert den Horizont enorm und man traut sich noch mehr zu." Am "Ende der Welt": die beiden Hattinger an der Steilküste bei Fisterra.

Autor:

Roland Römer aus Hattingen

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