mœrs festival: Das Geheimnis von Moers

mœrs festival 2018: Iverson | Bode | Kis
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Die 47. Ausgabe war alles – nur kein Mainstream!

Das 47. mœrs festival an Pfingsten sorgte durchweg für gute Laune bei den vielen tausend Besuchern des Festivaldorfes und den 20 weiteren Spielstätten vom Schlosspark bis hin zum Büro des Bürgermeisters. Das sonnige Wetter lockte und so freuten sich die Musiker über die zahlreichen Zuhörer auf den Außenbühnen. Die Haupt-Acts in der Halle starteten am Freitag punkt 16:59 Uhr und endeten nach 30 Auftritten am Montagabend.

Die diesjährige improviser in residence Josephine Bode überraschte die Moerser seit ihrem „Amtsantritt“ schon mit den unterschiedlichsten (Block-) Flöten bei ihren Konzerten in der Stadt. Ihr Festivaldebüt gab sie mit Ethan Iverson am Piano, 2017 mit „The Bad Plus“ in Moers, und Dodo Kis, die ebenfalls die unterschiedlichsten Blockflöten spielte. Diese seltene Trio-Besetzung überzeugte selbst Diejenigen, die sich Flöten als Improvisationsinstrument bislang kaum vorstellen konnten.
Nate Wooley’s Seven Storey Mountain webten über 50 Minuten einen hochkonzentrierten Klangteppich in die Halle. Hat es die Besetzung schon in sich – zwei Schlagzeuger, zwei Vibraphonisten, zwei Violinisten, zwei Bass-Klarinettisten, eine Tuba, eine E-Gitarre und Nate Wooley an der Trompete – wurden sie temporär noch von sechs Bläsern verstärkt. Diese international besetzte Truppe brachte den Festivalzug auf Geschwindigkeit.

Ein verpasstes Flugzeug schenkt Moers einen sensationellen Auftritt

Eine besondere musikalische Überraschung entsprang aus einem Missgeschick: Frank Fairfield verpasste sein Flugzeug in Los Angelos, kurzfristig sprangen DOMi & Bobby Hall ein, die zuerst für das Festivaldorf und die Stadtkirche gebucht waren. Domitille Degalle ist Französin, gerade einmal 18 Jahre alt und studiert am Berklee College of Music, wo sie auf den ein Jahr jüngeren Bobby Hall trifft. Sie ist Pianistin, Keyboarderin und sampelt. Er trommelt hauptsächlich, wechselt aber auch unvermutet zur Hammondorgel. Und was passiert, wenn zwei so junge hoch ausgebildete, technisch bereits versierte Musiker loslegen? Sie mixen sich ihren eigenen Stil. Elemente aus Jazz, Hip-Hop, Gospel, Klassik, Soul und Dub werden ineinander verflochten, verlangsamt, beschleunigt und wieder in ihre Einzelteile zerlegt. Die Zuschauer waren begeistert!

Die mœrs sessions nehmen seit Anbeginn des Festivals eine wichtige Rolle ein, sie sind das Labor, in dem permanent musikalische Versuche stattfinden. Am Samstag wurden die Ergebnisse zum ersten Mal an prominenten Platz um 20:00 Uhr in der Halle vorgetragen. Zwei frisch zusammen gestellte Combos spielten in zwei Sets ungeprobt, los gelöst von jeglicher Norm, zusammen. Und es funktionierte so prächtig, dass die Zuhörer nach mehr verlangten.
Ralph Alessi mit seinem Quartett „This Against That“ brachte einen namhaften Gast mit nach Moers: Ravi Coltrane. Zusammen zeigten sie eine Stunde lang, dass bewährter Jazz noch lange nicht langweilig sein wird, wenn er zum einen von Könnern vorgetragen, zum anderen die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute hoch gehalten wird.
Sebastian Gramms ist seit vier Jahren kein Unbekannter mehr beim Festival, setzte er doch mit einem Konzert mit 44 Kontrabassisten einen Meilenstein in die Moers-Historie. Dieses Jahr trat er mit seinen „States Of Play“ auf, einer Kombination aus zwei Rhythmusgruppen und einer Bläsersektion. Gramms’ Kompositionen verbinden Elemente alter und neuer Jazzstile und wirken sensationell modern.

Keine Visa, kein Auftritt? Nicht in Moers!

Der Altmeister Peter Brötzmann konzertierte mit „Oxbow“ aus San Francisco – eine exklusive wie unerwartete Zusammenkunft. Hier die charismatische Erscheinung des Sängers Eugine Robinsons, dort die Präsenz Brötzmanns. Das Wagnis gelang, nach stürmischen 70 Minuten wurde das Quintett minutenlang gefeiert.
Steffen Roth ging als junger Schlagzeuger vom Niederrhein nach Leipzig, traf dort auf den mehr als doppelt so alten Saxophonisten Bruno Angeloni aus Italien. Schnell merkten sie, dass ihre musikalischen Ideen gut zusammen passen und spielen nun seit zwei Jahren als festes Duo zusammen. Nun kam Roth mit Angeloni zurück an den Niederrhein und gehörte zum zweiten Mal zu den vielen Musikern, die die Zuhörer außerhalb der Halle unterhielten. Das Duo wurde mal mit dem jüngeren Bassisten Jonas Gerigk oder dem älteren Bassisten Achim Tang ergänzt oder es bildeten sich völlig andere Besetzungen, was wiederum belegte, dass den Jazz & Impro kein Alter und keine Nationalität interessieren, das Instrument kein Kriterium ist, sondern der Spaß und das Eingehen auf den Mitmusiker.

Der Montagnachmittag wurde von zwei Duos geprägt. Zuerst zeigten Henning Sieverts am Kontrabass und sein französischer Freund Francois Thuillier an der Tuba wie wunderbar tiefe Töne klingen können. Sie spielten ausschließlich eigene Kompositionen, die die Jazzfreunde hoch erfreut annahmen. Peter Brötzmann stand zum dritten Mal in diesem Jahr auf den Bühnen des Festivals, dieses mal mit seiner langjährigen Duo-Partnerin Heather Leigh. Leigh spielte die verstärkte Pedal-Steel-Gitarre, deren Töne sie digital veränderte. Brötzmann erzeugte mit seinen Saxophonen eine „Soundwall“, die von der ersten bis zur letzten Minute den Untergrund zu Leighs Klangkollagen bildete.
Für die Siddi Traces aus Indien gab es eine traurige Erkenntnis zu verkraften. Fünf der acht Mitglieder erhielten von den deutschen Behörden in Indien kurioserweise kein Visum zur Einreise. Dann fanden sich drei deutsche Mitspieler aus dem Moerser Musikerpool, die nach kurzer Probenzeit eine großartige Aufführung indischer Musikkultur boten. Das Projekt „Focus Pyongyang“ mit den Musikern aus Nord-Korea musste gecancelt werden, da ebenfalls keine Visa von EU/deutscher Seite wegen der Sanktionen ausgestellt wurden.

Das Geheimnis von Moers

Der künstlerische Leiter Tim Isfort und sein Team schafften nach dem tollen Einstand des Vorjahres einen weiteren Schritt in die Zukunft. Es muss deutlich heraus gestellt werden, dass dieses mœrs festival anders ist, als andere Festivals, ja sogar anders sein muss für seinen Status, für seine Bedeutung. Mit diesem „anders sein“ hebt sich Moers aus der Festivalebene heraus und gibt den Musikern einem Leuchtturm gleich einen Orientierungspunkt. Hier ist euer Ort, an dem ihr die Musik präsentieren könnt, die ihr in dieser Ära für wichtig haltet. Und in der Musik spiegeln die Musiker ihre Anliegen wider, schnauben, blasen, tröten, hämmern ihr politisches, soziales, ökologisches Anliegen heraus oder sprudeln einfach nur ihre pure Freude darüber aus, dass ein Ort auf diesem Planeten seit 47 Jahren existiert, an dem dies möglich ist. Diese weltweite Wirkung markiert Moers als guten Ort, als Lebensentwurf, als Stadt mit einem inhaltlichen Angebot. Solch eine Mega-Außendarstellung ist goldwert. Das mœrs festival lebt, es pulsiert und punktet immerfort bei den Musikern und den Moersern.

Klaus Denzer

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