Wir retten das Melanchthonhaus. Wer Kultur zerstört, zerstört auch Menschen
Die Geschichte über das Melanchthonhaus. Bekennende Kirche oberhausen

Bericht (1943) des Pfarrers Willibald Dransfeld zur Geschichte der evangelischen Gemeinde Osterfeld in der NS-Zeit (1933-1943).

Der Text befindet sich im Stadtarchiv Oberhausen. Er liegt maschinengeschrieben vor. Inzwischen ist er teilweise nur mit großer Mühe lesbar. Roland Günter hat ihn transkribiert d. h. abgeschrieben – mit wissenschaftlicher Sorgfalt, ohne irgendeine Veränderung. Lediglich ein Teil des ersten Textes von Pfarrer Dustmann wurde ausgelassen, weil es vor allemdirekt und auf den Kontext des Melanchthon-Komplexes ankam. Wir drucken ihn zum ersten Mal. Als Dokument einer katastrophalen Zeit. Also als Zeitgeschichte. Zweitens als unschätzbares Dokument für das Baudenkmal „Melanchthon-Haus.“ Der Text ist ein hoch wertvoller Nachweis für das Geschehen d. h. für den Wert des historischen Ortes. Was, wenn nicht dies, und das konkrete Bauwerk könnte besser das DenkmalKriterium beweisen. Der Bearbeiter, Prof. Dr. habil Roland Günte, hatzum besseren Verständnis einige Kommentare in kursiver Schrift hinzu gefügt. Beide Berichte wurden sehr vorsichtig formulier. Denn den Verfassern stand die seinerzeit allgegenwärtige Gestapo (Geheime Staatspolizei) im Rücken. Unvorsichtigkeit konnte heißen: Verhaftung und Konzentrationslager. Man muß also versuchen, auch zwischen den Zeilen zu lesen. Und Andeutungen zu verstehen. Daher die Kommentare. Hinzufügungen bei Abkürzungen wurden in eckige Klammern gesetzt: [ ].

Folgende Seite ist der letzte Teil des Berichtes vom Pfarrer Dustmann (Kollege von Pfarrer Dransfeld) zur älteren Geschichte der Kirchen-Gemeinde. An Grundstücken wurde erworben von der Gutehoffnungshütte im Jahre 1917 ein Gelände (und zwar geschenkweise) an der Egelbusch= u. Klosterhardtstraße, das für Kirche und Pfarrhaus im nördl. Gemeindebezirk bestimmt wurde, ferner im Jahre 1926 ein Grundstück in der Stadtmitte an Haupt= und Hochstraße für die geistliche Versorgung der südlichen und östlichen Teile der K[irchen-].Gemeinde. Die letztgenannte Erwerbung wurde von der Gemeinde mit besonderer Freude begrüßt. Die Seelenzahl der Gemeinde hat sich während des Krieges nur unwesentlich verändert. 1914 waren 7.294 Evangelische vorhanden. 1918 = 7.188. Einen beträchtlichen Zuwachs brachten die folgenden Jahre. Dieser wurde vor allem bedingt durch den Zuzug verdrängter Grenz= und Auslandsdeutscher, dann durch die erhöhte Bautätigkeit (Bergmannssiedlung an der Breitestraße), endlich auch durch den steigenden Geburtenüberschuß. [Die Breitestraße wurde n der NS-Zeit umbenannt in Teutoburger Straße, in nationalem Pathos für die Schlacht am Teutoburger Wald, die germanisches Volk gegen Römer gewann. Die Zeche Jacobi ließ für ihre Bergarbeiter zwei große Siedlungen bauen: Jacobi und Birkenhof. ] Die größte Sterblichkeit weist das Jahr 1918 mit einer schweren Grippeepedemie auf. Es starben 146 Personen. Die Jahre 1920-22 zeigen ungewöhnliche statistische Zahlen: ein Überwiegen der Trauungsziffer gegenüber der Beerdigungsziffer. Getraut 1920 = 99, 1921 _ 101. 1922 = 106- Beerdigt 1920 = 87. 1921 = 98, 1922 87. Seitdem sind die Ziffern wieder normal, doch ist die Geburtenzahl der Vorkriegszeit vermehrter Seelenzahl noch nicht wieder erreicht worden.1914 = 274 Taufen, 1927 = 221 Taufen. De Höhepunkt der Austrittsbewegung bezeichnet das Jahr 1924. In ihm traten 79 Erwachsene und 22 Kinder aus der ev. Kirche aus.
Wenn 1914 unter 30 980 Bewohnern Osterfelds 7294 Evangelische waren (= 23,61 %), so waren am 20. 3. 28 unter 33 361 Bewohnern 9 630 evangelisch (= 28,09 %)- In Gemeindeamt, 1926 eingerichtet und von einem Rendanten geleitet, hat neben der Führung der Kirchenbücher als Hauptaufgabe die Anlage und Forführung einer Gemeindekartei, die über den Stand der Gemeinde, insbesondere auch den Stand der Mischehen , jeder Zeit zuverlässig Auskunft gibt. Was die Veränderungen unter den Kirchenbeamten angeht, so wurde für den nach Dorsten versetzten Lehrer Kirchhoff Herr Lehrer Voß zum Organisten gewählt (1920). Als zweite Gemeindeschwester trat im Mai 1927 Schwester Karoline Niker vom Mutterhaus Witten in den Dienst der Gemeinde. Das Amt des Küsters hat mehrfach den Inhaber gewechselt. Am 1. Oktober 1920 schied hochbetagt, Küster Friedrich Konang aus seinem Amt, das er seit Bestehen der Gemeinde bekleidet hatte. An seine Stelle trat Bergmann Julius Funk, dem am 1. Oktober 1922 der Schaffner a. D. Wilhelm Bolke folgte. Seit 1. Oktober 1927 bekleidet der Gärtner August Strathmann die vereinigten Ämter eines Küsters, Totengräbers und Gemeindegärtners. Die Zahl der Presbytersitze wurde durch Beschluß der Kreissynode 1921 von 9 auf 12 vermehrt. Osterfeld i. W. . den 28. April 1929: gez. Dustmann, Pfarrer.

Bericht von Pfarrer Dransfeld. Nachdem im Jahre 1921 das Dorf Osterfeld i. W., mit dessen Grenzen die Kirchengemeinde zusammenfallen, Stadtrechte bekommen hatte, erfolgte schon 8 Jahre später , 1929, die Zusammenlegung der Städte Oberhausen, Sterkrade und Osterfeld i. W. zu einem Kommunalwesen mit dem Namen Oberhausen. Osterfeld schied damit aus der Provinz Westfalen aus und gehörte hinfort zum Rheinland. Der Name der Kirchengemeinde musste nunmehr geändert werden. Sie heißt jetzt Ev. Kirchengemeinde Osterfeld. Das Kirchensiegel wurde mit Genehmigung der vorgesetzten Kirchenbehörde entsprechend geändert. Die Grenzen der Gemeinde blieben zunächst von der Zusammenfassung unberührt. Doch wurde am 1. Okober 1932 der Ortsteil Vonderort aus einen vorherigen Antrag der dortigen Gemeindeglieder hin von Osterfeld getrennt und zur evgl. Kirchengemeinde Bottrop geschlagen. Es handelte sich damals um etwa 500 Gemeindemitglieder, die der Gemeinde verloren gingen. Zur Frage der Ausgliederung aus der westf. Synode Recklinghausen und einer Eingliederung in eine Rheinische Synode nahm die Kirchenvertretung in zwei Entschließungen Stellung. Am 29. Juli 1930 wurde folgender Beschluß gefaßt: „Die Größere Gemeindevertretung bekennt sich zu dem Standpunkt, daß die Zugehörigkeit aller Kirchengemeinden innerhalb der Grenzen Oberhausens zu einer Kreisgemeinde wünschenswert ist. Presbyterium verzichtet darauf, über die Linie dieser Erklärung hinauszugehen und eine Initiative in der Frage einer kirchlichen Neuordnung zu entfalten.“Am 20. April 1932 beschließt Presbyterium: „Presbyterium hält nach wie vor es für wünschenswert, daß alle Gemeinden Groß-Oberhausens einem Kirchenkreis angehören. Es hat aber darüber hinaus kein Interesse daran, daß die Kirchengemeinde O. aus dem Kirchenkreis Recklinghausen ausscheidet und in die Kirchenprovinz Rheinland eingegliedert wird, als nicht diese Vereinigung aller Gemeinden Groß-Oberhausens in einem Kirchenkreis gesichert ist.“Die Angelegenheit ist dann icht weiter verfolgt worden. Wenn auch durch die Abtrennung Vonderorts die Gemeinde räumlich und an Seelenzahl verringert worden war, so ließ doch die stärkere Besiedlung anderer Gemendeteile, so namentlich des Ortsteils Klosterhardt und des Gebietes zwischen Michelstraße und Nordbahnhof eine Teilung der Gemeinde in 3 Seelsorgebezirke statt der bisherigen zwei als notwendig erscheinen.
Sie waren aber erst möglich durch nach Ausführung aller geplanten Bauvorhaben. Der ganze behandelte Zeitraum (von April 1928 bis zum Beginn des 2. Weltkrieges September 1939) ist nun gekennzeichnet durch eine rege Bautätigkeit. Ihr lag die weitschauende Planung, zu der sich die größ. Gemeindevertretung am 6. September 1928 bekannt hatte, zu Grunde. Inzwischen waren auch alle Grundstücksfragen dank der Bemühungen des Kirchmeisters W. Neerfeld nach langen Vorarbeiten günstig gelöst worden; das besonders schön gelegene und große Grundstück an der Breitestraße (später Teutoburgerstraße genannt) kam als Ergebnis eines Austausches zwischen drei Partnern: Stadtverwaltung, Gutehoffnungshütte und Kirchengemeinde, im Jahre 1928 in den Besitz der Gemeinde. In allen Grundstücks- und Bauangelegenheiten hat die Ev. Gemeinde viel freundliche Förderung und Hilfe seitens der Stadtverwaltung und der GHH erfahren. Gebaut wurde im Jahre 1929 und feierlich eingeweiht am 29. 9. 1929 das Gemeindehaus an der Hochstraße mit großem und darüber liegendem kleinen Saal mit Schwesternwohnung, Räumen für das Gemeindeamt und einer Anzahl Privatwohnungen. 1934/5 wurde gebaut das Gemeindehaus an der Breite (Teutoburger) Straße. Es enthält Pfarrwohnung, Küsterwohnung, einen größeren Saal, Garderoberaum und Kochküche. Die feierliche Weihe war am 11. August 1935. 1937 wurde der Besitz an der Hochstraße abgerundet durch den Erwerb des Hauses Fischedick an der Haupt (Bottroper) Straße. Das Haus wurde durch einen Ausbau und eine Aufstockung erweitert. Von dem Grundstück an der Teutoburger Straße wurde 1938 ein Teil wieder verkauft. Das alte Gemeindehaus an der Kapellenstraße ist mehrfach renoviert worden und erhielt 1933 eine moderne Bühneneinrichtung. Der Bau einer Friedhofskapelle war nun für 1939 vorgesehen. Nach Genehmigung der Baupläne stand die Ausführung des Bauvorhabens unmittelbar bevor, doch ließ der Ausbruch des Krieges sie nicht mehr zu. Die Kirche erhielt nach langen Vorarbeiten eine schöne neue Orgel. Ihre Weihe vollzog Herr Pfarrer Dustmann am 30. September 1929, dem Erntedankfesttage, im Rahmen einer Feier der Kirchenchöre des südlichen Teils der Synode. Das Ziel langjährigen Mühens war damit für ihn erreicht. Ein glänzendes Gutachten über die von der Firma Walcker in Ludwigsburg erbaute Orgel, erstattet von Kirchenmusikdirektor Gerard Bunck findet sich bei den Akten. Auch der neue Taufstein in der Kirche ist Herrn Pfarrer Dustmann zu danken. Es war ersichtlich, daß die Gemeinde ihre großen Aufgaben auf baulichem Gebiet nicht erfüllen konnte, wenn nicht die Verwaltungstätigkeit in die Hände einer hauptamtlichen Fachkraft als Leiter eines Gmeindeamtes gelegt wurde. So wurde dann als Gemeindesekretär, später als Rendant, zum 1. 1. 1930 Herr Lambert Glücks aus D.-Beek nach Osterfeld berufen und zum 1. 4. 1931 auf Lebenszeit angestellt. Wenn auch ein Gemeindeamt schon seit 1926 in bescheidenen Anfängen bestand, so ist doch die Schaffung eines modernen vorbildlichen Gemeindeamts sein großes Verdienst. Da wurde auch das Kirchensteuergeschäft in eigene Verwaltung genommen. Seit 1. Juli 1930 ist Herr Kurt Engelhard Helfer auf dem Gemeindeamt. Fest angestellt wurde dieser zum 1. Juli 1933. Neben den sonstigen Verwaltungsaufgaben übernahm das G. Amt noch seit Oktober 1935 die Verwaltung der Gemeindebücherei. Aus kleinen Anfängen von Herrn Pfarrer Dransfeld aufgebaut und weiter auf einen beachtlichen Stand gebracht, wurde sie nun weiteren Kreisen der Gemeinde zugängig gemacht. Die Ausleiheziffer stieg von 2130 im Jahre 1935 auf 7782 im Jahre 36, sank aber dann wieder. Die Bücherei enthielt 1939 über 1 500 Bücher. Die beiden Pfarrer in der Gemeinde, welche beide seit 1913 in der Gemeinde tätig sind, konnten am 20. April 1938 ihr 25jähriges Ortsjubiläum begehen. Die Kirchengemeinde schenkte jedem als Ehrengabe eine schöne Standuhr. Zur Festfeier im alten Gemeindehaus am 21. April erschien auch Herr Superintendent Kramm und hielt die Festansprache.
Als 1938 die Hilfspredigerstelle für den zu errichtenden 3. Bezirk, im wesentlichen die Stadtmitte und Kolonie Vondern umfassend beschlossen und genehmigt worden war, entsandte das Konsistorium zum 1. April Herrn Hilfsprediger Rüdiger Müller aus Lüdenscheid. Von den Schwestern beging Schwester Wilhelmine am 30. 4 1936 ihr 25jähriges Ortsjubiläum, wo sie für ihre treue Arbeit ernten durfte. Sie hat im September 1930 die neue Schwesternwohnung an der Hochstraße bezogen. Im Gemeindehaus an der Hochstraße war Hausmeister zunächst und bis Februar 1934 Herr Wilhelm Gottschalk. Ihm folgte in dieser Stellung Herr Otto Rohse. Zum Hausmeister an der Breitestraße wurde der Küster und Friedhofsgärtner Strathmann bestellt. Dieser wurde im Oktober 1932 als Gemeindebamter auf Lebenszeit angestellt. Anstelle des Organisten Voß trat 1933 Herr Lehrer Katernberg. Die Kirchenwahlen der Jahre 1932 und 33 waren kirchenpolitisch bestimmt. Die letzte führte zur Herrschaft der „Glaubensbewegung Deutsche Christen“. Das Amt der Gemeindeverordneten wurde außer Kraft gesetzt. Die Zusammensetzung des Presbyteriums unterlag in der Folgezeit starkem Wechsel. [Aus diesem Text geht eindeutig hervor, daß die Gemeinde gespalten war in „Bekennende Kirche“, die sich gegen die Gleichschulung wehrte , und „Deutsche Christen, die mit den Nazis paktierten.“ Die Formulierung legt den Gedanken nah, daß Pfarrer Dransfeld sehr vorsichtig unverfänglich formulieren musste. Der Pfarrer gehörte ohne Zweifel zur „Bekennenden Kirche.“ Das Stichwort „Herrschaft“ zeigt, wer die Macht hatte. Die Worte „ Starker Wechsel“ lassen vermuten, daß es heftige Auseinandersetzungen gab und zwischen den Zeilen kann man ahnen, auf welcher Seite die Sympathie des Berichterstatterr lag. . Dazu im fogenden ein weiterer Hinweis|. Die Nationalsozialisten beseitigten, soweit sie konnten, alle Elemente demokratischen Verhaltens. ] Doch schon zu Beginn des neuen Weltkrieges war das Presbyterium nicht mehr nach kirchenpolitischen Gesichtspunkten ausgerichtet, sondern hatte nur den Wunsch, der gesamten Gemeinde nach Kräften zu dienen: Der Kirchmeister Wilhelm Neerfeld waltet nun schon seit 1905 ununterbrochen in bewährter Treue seines Amtes als Kirchmeister. [Offensichtlich hatten sich beide Seiten dahingehend arrangiert, sich auf „Religion pur“ zu verabreden, um ideologisch-politischem Streit aus dem Weg zu gehen.] Was das innere Leben der Gemeinde angeht, so ist bemerkenswert die Feier des 450. Geburtstags Luthers am 10. 11. 1933 durch einen öffentlichen Umzug der Vereine und der Gemeinde mit Bannern und Kirchenfahnen und anschließender öffentlicher Kundgebung auf dem Marktplatz. Die Feier stand unter Führung der Deutschen Christen. Für eine reichere Darbietung des Gotteswortes wurde Sorge getragen durch Einrichtung von Bibelstunden in den beiden neuen Gemeindehäusern. [Im Jahr der Machtergreifung kam es den Nationalsozialisten besonders stark darauf an, zu dokumentieren, wer die Szene und damit die Öffentlichkeit beherrschte. Dazu eigneten sich vor allem feierlich-festliche Ereignisse, Sie griffen sich Luther und instrumentalisierten ihn. Im öffentlichen Auftritt d. h. in der Repräsentation waren sie besonders geübt. Sie demonstrierten dadurch auch, daß sie alle Organisationen im Griff hatten. Man kann ahnen, daß der Verfasser das Ereignis nur mit Mühe unverfänglich darstellte. Mit „Bannern“ meint er die NS-Fahnen, davon unterscheidet er die Kirchenfahnen, die gezwungen mitmachen mussten. Die ausdrückliche Nennung der „Führung der Deutschen Christen“ bedeutet offensichtlich eine Distanzierung im Sinn von „Wir waren es nicht, die für die Inszenierung und Interpretation verantwortlich waren, wir mussten lediglich mitlaufen.“ Besonders deutlic hfür den gebildeten Leser wird die Distanzzu der NS-Adaptierung der Feier darin, daß Dransfeld unmittelbar anfügt, wie die Bekennenden Christen wieder zum Kern ihrer eigenen Überzeugung kamen: durch die Einrichtung von Bibelstunden. In diesem
Zusammenhang wurden wohl auch die Frühgottesdienste eingeführt, auf die der folgende Text durch sein Ausführlichkeit deutlich hinweist. In die Religion versuchten die Nazis zwar heftig einzugreifen, sie vor allem zu schwächen, bereichsweise auszuboten, dann zu spalten und dadurch direkt zu vereinnehmen, aber sie konnten sie nie ganz ausschalten – daher ließ sich die Verweigerung an Zustimmung zum Regime auch durch Religion als eine Art innere Opposition ausdrücken durch eine Intensivierung der religiösen Dimension.] [Die] seit 1938 eingeführten Frühgottesdienste , meist im Abstand von 14 Tagen gehalten, bedeuten einen wichtigen Ausbau des gottesdienstlichen Lebens und haben bis Ende der Berichtszeit keine Unterbrechung erfahren. Der Zuspruch der Gemeinde ist erfreulich. Im Verlauf des Kirchenstreites, der 1933 seinen Ausgang nahm, bildete sich als Gegengewicht gegen die „Deutschen Christen“ die „Bekennende Gemeinde“. Ihr dienten nacheinander die Vikare Schmalenbach und Reck bis 1938, und von da ab Hilfsprediger Hangebrauck. Doch kam ihr Dienst auch der ganzen Gemeinde zugute. [Eine deutliche Aussage des Verfassers. Der letzte Satz ist wohl ein diplomatischversachtendes Zugeständnis. Die folgenden Text-Passagen zeigen: Im NS-Staat gelang es, viel aufrecht zu erhalten, aber vieles auch nicht. Die Nazis hatten keine Sympathie mehr für Unterscheidungen wie Beamte und Knappen- Man muß sich unter Auflösung auch den Druck vorstellen, der darauf hinzielte. Aber die Jugend, sowohl männlich wie weiblich, wollte die NSDAP unbedingt und am deutlichsten vereinnahmen. An den Frauen hatten sie zunächst kaum Interessse. ] Die Kirchl. Vereinstätigkeit war bis 1933 noch äußerst rege, fing aber dann an zu erlahmen. Das Ev. Männerwerk, hier herausgewachsen aus dem Ev. Arbeiterverein, konnte 1936 auf 50jährige Arbeit an der Männerwelt zurückschauen. Der Kirchenchor unter Herrn Kuenkamp beging 1938 sein 40jähriges Jubiläum. Ein Ev. Beamtenverein, 1930 gegründet, löste sich bald nach 1933 wieder auf. Dasselbe taten die beiden Knappenvereine. Durch die Umwälzung des Jahres 1933 ist besonders die Jugendarbeit erschwert worden. Sie kam fast zum Erliegen, nachdem am 9. 2. 1934 die Eingliederung der Ev. Jugend bis zum 18. Jahr in die Hitler-Jugend erfolgte. Die Frauenhilfe behauptete sich gut, auch die Männerarbeit konnte bis zum Ende der Berichtszeit, zuweilen heftig angefochten, gepflegt werden. Ungestört blieb die Blaukreuzerarbeit, Kirchenchor und Posaunenchor und dann auch weiter die Pflege der Kirchenmusik und konnten bis zum Beginn des Krieges allen Schwierigkeiten standhalten. Von den Gemeinschaften erhielt sich die von der Timpenstraße. Die Ev. Schulgemeinde, die lange geblüht hatte, und in der Vorbereitung der Elternbeiratswahlen an den evang. Schulen sehr tätig gewesen war, hat auch in der Berichtszeit ihre Arbeit einstellen müssen. Die Aufhebung der Konfessionsschulen erfolgte 1939. Die soziale Arbeit der Gemeinde war bis 1933 nicht unbedeutend. 1932 war der Christliche Verein junger Männer unter W. Münnichow Träger eines freiwilligen Arbeitsdienstes. Der Ev. Jugend= und Wohlfahrtsdienst (später Gemeindedienst für Innere Mission genannt) war auf dem gesamten Gebiet der Jugendfürsorge wie auch der Stellenvermittlung tätig. Von Schwester Wilhelmine wurden in Zusammenarbeit mit der Stadt Flick=, Bügel= und Aussteuerkurse ins Leben gerufen, von denen die Flickstunden geblieben sind. Die Tage der Inneren Mission brachten namentlich in den erste Jahren ihrer Einführung, wo noch Straßen= u, Haussammlungen gehalten waren, beachtliche Erträge. Was die Seelenzahl der Gemeinde angeht, so kehrten im Jahre 1933 viele Ausgetretene zur Kirche zurück. Aber im Laufe der kommenden Jahre war unter dem Einfluß des Zeitgeistes eine wachsende Austrittsbewegung festzustellen. Liegen in den Jahren 1933 bis
1935 die Eintrittszahlen über den Austrittszahlen, so sinken sie in den folgenden Jahren in steigendem Maße darunter. Im nachfolgenden die Zahlen: 1933 34 35 36 37 38 39 Eintritte 56 39 22 31 21 24 21 Austritte 17 26 20 54 87 120 87. Die Seelenzahl der Gemeinde betrug 1939 = 8650. Sie hat seit 1933 ( = 8684) keine wesentliche Änderung erfahren. Osterfeld, den 31. 3. 1943: gez. Dransfeld, Pfarrer.

Von Herrn Pfarrer Dransfeld fortgeschrieben, aber noch nicht in das Lagerbuch übernommen. Gemeindegeschichte für die Kriegsjahre 1939 bis 1945.

Wenn die ersten Kriegsjahre nicht so fühlbar waren und im Ganzen das Leben der Gemeinde noch wenig veränderten, wuchs der Druck und die Schwere des Erlebens vor allem seit dem Beginn des Krieges in Russland immer mehr. Am tiefsten der Erinnerung eingeprägt ist das letzte Kriegsjahr mit seinen ständigen Luftangriffen und der damit verbundenen Vernichtung von Menschenleben und Zerstörung von Gebäuden. Zunächst sei in zeitlicher Folge dargestellt, was über das Erleben der Geistlichen, Gemeindebeamten und Angestellten und Presbyter zu berichten ist. Mitte Mai 1939 verließ uns der erste Hilfsprediger der 1938 eingerichteten H[ilfs]. Predigerstelle, Rüdiger Müller. Sein Nachfolger, Pastor Bergmann, beendete seine Tätigkeit in der Gemeinde am 1. August 1940. Hilfsprediger Hangebrauck, schon seit 1938 als Hilfsprediger der Bek[ennenden]. Gemeinde tätig, wurde der Kirchengemeinde zum 10. April 1940 überwiesen, verließ aber auch bald die Gemeinde, um Soldat zu werden. Die Gemeinde übernahm für ihn eine Kriegspatenschaft. Der Angestellte des Gemeindeamtes Kurt Engelhard wurde zum Heeresdienst berufen im Frühjahr 1940. Seit Herbst 1944 wurde er als vermißt gemeldet. Der Angestellte Rutert wurde im Herbst 1942 Soldat. Nach 30jährigem Wirken in Osterfeld trat Pfarrer Gustav Dustmann in den Ruhestand und hielt am Erntedankfesttage 1943 seine Abschiedspredigt. Die Gemeinde bereitete ihm eine am Ernst der Zeit entsprechende schlichte Abschiedsfeier, um ihm den Dank für sein Wirken auszusprechen. Pfarrer Dustmann siedelte nach Westerenger, Kr. Herford über. Pfarrer Dransfeld blieb nun als einziger Geistlicher in der Gemeinde. Allerdings wurde vom Ev. Konsistorium als Nachfolger von Herrn Pfr. Dustmann Herr Pastor Oelschläger sehr bald schon berufen. Am Sonntag Totenfest (21. Nov.) 1943 wurde er gelegentlich eines kurzen Urlaubs durch Herrn Superintendent Kramm hier eingeführt, doch blieb er noch bis Kriegsende im Heeresdienst und trat erst im August 1945 sein Amt hier an. Am 29. Januar 1945 riß der Tod die seit 1908 hier tätige Diakonisse Wilhelmine Fülling im Alter von 68 aus ihrem Schaffen. Sie starb nach kurzer Krankheit in einem Bunker und wurde, da eine Überführung nicht mehr möglich war, auf unserem Friedhof beerdigt. Die dankbare Erinnerung an diese ungewöhnlich tatkräftige und schaffensfrohe Gemeindeschwester wird bleiben. Am 27. Februar wurde noch in letzter Stunde der kaum zu ersetzende Rendant der Gemeinde, Herr Lambert Glücks, als Sanitäter zum Heeresdienst einberufen. Am 2. 3. 1945 starb 81-jährig Herr Wilhelm Neerfeld: Am 2. Pfingsttag des Vorjahres hatte noch eine besondere Ehrung aus Anlaß seines 50-jährigen Presbyterjubiläums für ihn stattgefunden: Pfarrer Dransfeld überreichte ihm vor der Gemeinde eine Dank= u. Ehrenurkunde des Ev. Konsistoriums. Bis 1. 4. 1944 hatte Neerfeld auch noch das Kirchmeisteramt inne. Wieviel ihm zu danken ist für den äußeren Aufbau der Gemeinde geht aus früheren Darlegungen genugsam hervor.
Dankbar muß auch des Neffen von Wilhelm Neerfeld, des Sparkassenrendanten Gerhard Neerfeld gedacht werden, der 1942 schon seinem Onkel im Tod vorangegangen war. Er war als Mitglied des Presbyteriums viele Jahre hindurch der Gemeinde ein treuer Helfer vor allem in Baufragen. Nachfolger von Herrn W. Neerfeld im Kirchmeisteramt wurde der Bauunternehmer Otto Rossmann Ergänzend sei noch hinzugefügt, daß 1943 zum Hilfsküster und Hausmeister des Gemeindehauses Kapellenstraße Herr August Bistriz gewählt wurde und seit 1945 für Herrn Wedde Herr Bernhard Baßfeld das Amt des Steuereinnehmers übernahm. Was der Tod auf dem Schlachtfeld von unserer Gemeinde an Opfern gefordert hat, ist nicht festgestellt worden. Waren die Verluste in den ersten Jahren noch gering und überschaubar ., so forderte der Krieg mit Russland und die letzten Kämpfe auf deutschem Boden um so viel mehr schmerzliche Opfer. In vielen Fällen wurde von den Angehörigen der Gefallenen ein Gedenken im Gottesdienst erbeten. Die Sorge um ungewöhnlich viele Vermißte lastete auf vielen. Feststellbar aber ist nun die Zahl derer, die am Ort zu Kriegsopfern wurden, darunter auch manche, die nicht zur Gemeinde gehörten. Die Zahl derer, die durch Bomben und Granaten Getöteten beträgt nach dem Sterberegister 80. Wenn nicht noch mehr Opfer zu beklagen sind, ist es wohl dem Vorhandensein vieler guter Bunker und Stollen zuzuschreiben, für die in einer besonderen Gefährdung des Industriegebietes rechtzeitig gesorgt war. Während noch 1943 im ganzen einschließl. Kriegsopfer 92 Personen beerdigt wurden, betrug die Beerdigungsziffer des nächsten Jahres 1944 schon 132. Im Jahre 1945 stieg sie auf 140. In den schwersten Monaten von Dezember 1944 bis April 1945 wurden 121 Personen beerdigt. Schwierigkeiten entstanden je länger je mehr durch die Beschaffung von Särgen. Auch war die Aufgabe des Totengräbers Strathmann nicht leicht, die zahlreichen Gräber herzurichten. Zuletzt mußte meist die Mithilfe von Angehörigen an der Grabbereitung gefordert werden. [Das Melanchthon-Haus diente durch seine Ausstattung sehr günstig vor allem den Treffen nach Beerdigungen (Raue) sowie den kirchlichen und nachbarlichen Familien-Feiern. Es wurde schließlich, es von Bomben weitgehend verschont blieb, der kirchliche Mittelpunkt.] Getraut wurden 1944 = 38, 1945 = 25 Paare. Die Zahl der Taufen von Osterfelder Kindern sank im Jahre 1945 bis auf 56 herab. Die Taufen fanden zum Teil auch in Nachbargemeinden statt. Die Seelenzahl der Gemeinde nahm durch Einberufungen, Evakuierungen von ganzen Familien und ganzen Schulklassen erheblich ab. Die Ordnung es kirchlichen Lebens wurde nach Kräften aufrecht erhalten. Für die sonntäglichen Gottesdienste war immer noch ein Raum vorhanden, wenn auch zuletzt nur ein Raum im Gemeindehaus Teutoburgerstraße verblieb. . Es kam auch vor, daß Gottesdienste wegen Alarms abgebrochen wurden, so am Reformationsfest 1944, oder ausfielen, so am 15, Nov. Und am I. u. II. Advent 1944. Einmalig ist in der Geschichte der Gemeinde daß die hohen Festtage Karfreitag u. Ostern ohne Gottesdienst und Abendmahlsfeier blieben. Von bis Sonntag nach Ostern einschl. war es nicht mehr möglich, zum Gottesdienst zusammen zu kommen. Am Karfreitag, den 3. März erfolgte die Besetzung Nord-Oberhausens durch die amerikanische Armee. Was um diesen Tag herumliegt, bedeutet das Schwerste an seelischer Erschütterung und Belastung. [Der Bomben-Krieg wurde ohne einen Blick auf Leben und Kultur geführt – als Krieg in absoluter Sinnwidrigkeit. Er unterschied nicht zwischen Zivilisten und Soldaten sowie zwischen Industrie und ziviler Siedlung bzw. Stadt, sondern – ohne strategischen Sinn – hatte er flächenmäßig und mit aller Brutalität zerstört. Daher wuchs, wie der Unterzeichner es noch selbst erlebt hatte, eine ungeheure Wut auf das Vorgehen der Alliierten. Nur so ist
verständlich daß der Bericht des Pfarrers nicht von Befreiung spricht und kein Gefühl an Perspektive ausdrückt.] Für die Konfirmationen hörte auch allmählich eine feste Ordnung auf. In Anpassung an immer neue Schwierigkeiten wurde häufiger konfirmiert. 1944 fanden 6 Konfirmationen statt, 1945 noch 3, bis dann wieder zur festen Ordnung zurückgekehrt werden konnte. Die Vereinsarbeit, solange wie möglich aufrecht erhalten, kam doch zuletzt allenthalben zum Erliegen. Der Versammlungsraum ging allmählich verloren und niemand wagte sich zuletzt abends mehr hinaus wegen der ständigen Lebensbedrohung. Selbst die ordnungsgemäßen Presbytersitzungen hörten auf. Die letzte vor Beendigung der Kampfhandlungen war am 9. Juni 1944. Die erste Sitzung fand dann wieder am 29. April 1945 in dem erhaltenen Pfarrhaus an der Teutoburger Straße statt. Die Gemeindehäuser wurden für mancherlei Kriegszwecke in Anspruch genommen, soweit ihre Räume nicht für kirchliche Zwecke unbedingt nötig waren. So diente der große Saal des Gemeindehauses an der Kapellenstraße im Winter 1939 auf [19]40 als Truppenunterkunft. Später nahm dieses Gemeindehaus einen HSV-Kindergarten auf, dann auch Polizei-Sicherheitsdienst, Kriegsschädenamt usw. Völlig zerstört wurde dieses größte und älteste Gemeindehaus der Gemeinde im Februar 45. Im letzten Kriegsjahr wurde auch das Gemeindehaus Hochstraße mit seinen beiden Sälen und auch der Schwesternwohnung durch Bombentreffer vernichtet. Zuletzt hatte der untere Saal als Leichenhalle gedient für die durch Bomben und Granaten Getöteten. Der Gemeindehaussaal in der Teutoburger Straße diente diesem Zweck [als Leichenhalle] bis zum Kriegsende. Das Gemeindehaus Teutoburgerstraße blieb mit dem dortigen Pfarrhaus im wesentlichen verschont. Die Kirche, wie auch das anliegende Pfarrhaus an der Vestischestraße blieb wunderbar behütet. Vier tiefe Bombenkrater lagen nach dem letzten Angriff um die Kirche herum, doch blieb das Mauerwerk ohne Risse. Die Beschädigungen an Dach und Turm waren aber nicht mehr zu beseitigen, so daß die Kirche zwei Jahre hindurch nicht benutzt werden konnte. Von den beiden Friedhöfen wurde besonders der alte an der Vestischestraße durch zahlreiche Bombentreffer verwüstet. Als am 29. Aprol 1945, neun Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner die erste Presbytersitzung im Pfarrhaus Teutoburgerstraße stattfand, wurde vom Vorsitzenden ein Überblick gegeben über das Ausmaß der angerichteten Zerstörungen kirchl[icher]. Gebäude. Die erste Notmaßnahme wurde beschlossen. [Das] Presbyterium sah einen langen und schweren Weg vor sich.

Autor: Pfarrer Willibald Dransfeld. Transkription und Kommentare: Prof. Dr. habil Roland Günter (Eisenheim). Diskussion im Archiv und danach: Kornelia Hendrix, Janne Günter, Andreas Stanicki und mehrere Zirkel von Studenten.

Das Melnchthonhaus muss unter Denksmalschutz gestellt werden.

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