EIN ERLEBNIS DER BESONDEREN ART
DER TISCH, MEINE MITMENSCHEN UND ICH

150cm x 95cm x 74cm, ca. 22,8 Kilo - Das sind meine heutigen Zahlen des Grauens.

Ganz offensichtlich beginnt heute offiziell in Deutschland die Gartensaison, denn ALDI hat u.a. Stapelstühle, Balkonschirme, Rollliegen, Aluminium-Ampelschirme, Polsterauflagen und Gartentische. Letzteren wollte ich gerne haben.

Wie passend also, dass heute mein freier Tag ist und ich mir morgens um 8 meinen Aluminium Glastisch für 69,99 € sichern kann. Nachmittags bekommt man den bestimmt nicht mehr. Als ich um 7:40 Uhr auf den Parkplatz bei ALDI in Schmachtendorf einbiege, trifft mich der erste Schlag: Menschen ohne Ende. Also, im Impfzentrum war bei meiner Cororna-Schutz-Impfung bedeutend weniger Andrang.
Ich habe noch einige Minuten Zeit diese Szene auf mich wirken zu lassen, denn "Vati" im Auto vor mir bremst an den Einkaufswagen ab, damit "Mutti" schon mal aussteigen und sich einen Einkaufswagen sichern kann. Aber nicht nur "Mutti" steigt aus, eine weitere Dame schält sich nicht unbedingt elegant, dafür aber in Zeitlupe aus dem Kleinwagen.
Endlich geht es weiter. Ich nehme einen der letzten Parkplätze, laufe an den ganzen Wartenden vorbei, schnappe mir einen Einkaufswagen, laufe erneut an den Wartenden vorbei und stelle mich in die inzwischen noch längere Schlange.
Es kommen immer mehr Menschen. Einige kennen sich:
"Hallo, was macht ihr denn hier?"
"Gibt heute Stapelstühle."
"Ach, die wollen wir auch."
"Wir brauchen schon Vier."
"Hoffentlich sind noch welche da, wenn wir rein kommen."
"Soll ich euch welche zur Seite packen?"
"Ja, zwei Stück bitte."

Was ist hier los? Andere Menschen stehen seit über einer halben Stunde in der Schlange und ihr wollt denen Stühle zur Seite packen, die erst um zwei Minuten vor Acht auf den Parkplatz kommen? Ich beschließe mich nicht mehr aufzuregen. Erstens ist das nicht gut und zweitens will ich ja keine Stapelstühle, sondern einen Tisch.

8 Uhr. Der Startschuss fällt. Es geht los. Die Leute drängeln, die Leute motzen, die Leute schieben ihre EInkaufswagen ohne Rücksicht auf Verluste. Das ist Formel Eins Feeling: Der große Preis von Schmachtendorf und ich mitten drin.
Drinnen ist es noch schlimmer als auf dem Parkplatz. Die Gänge sind dicht, man kommt kaum durch.
Ich stelle meinen Einkaufwagen etwas abseits ab und  schmeiße zwei Pakete Kaffeepads rein, damit ihn mir niemand klaut.
Todesmutig quetsche ich mich durch die Einkaufswagen und Menschenmassen. Die Leute packen ihre Wagen voll, reißen sich die Polsterauflagen aus den Händen, hieven ihre Kartons hoch und drehen sich in alle vier Himmelsrichtungen. Doch beim Drehen gucken sie nicht nach vorne und nicht nach hinten.  Stühle werden über die Köpfe der Kunden hinweg auf die andere Seite transportiert. Wer sich nicht rechtzeitig in Sicherheit bringt, verlässt ALDI heute an diesem Donnerstagmorgen mit Platzwunde, blauen Flecken oder Rippenprellung.
Ich jedenfalls verlasse ALDI ohne meinen Tisch. Denn diesen gab es gar nicht. Keine Ablagefläche, keine Schilder, die darauf hindeuten. Wahrscheinlich gab es mal wider nur eine Handvoll Tische für die Filiale, die dann gestern Abend um kurz vor 20Uhr weggekauft wurden als die Verkäufer die Aktionsware aufgebaut haben.
Die Verkäuferin, die ich auf den Tisch angesprochen habe, sagt nur, dass sie es nicht weiß und im Lager nichts mehr sei.
Frustriert schiebe ich meinen Einkaufswagen Richtung Ausgang. Hinter mir die Frau brüllt: "Ich sehe nix. Bitte alle aufpassen." Erschreckt drehe ich mich um und sehe einen Einkaufswagen mit vielen gestapelten Stühlen auf mich zukommen. Die Frau dahinter kann man nicht sehen. Ich renne mit meinem Einkaufswagen nach draußen, um nicht umgefahren zu werden. Geisterfahrer gibt es nicht nur auf der A3, sondern auch hier mitten im Discounter.

Im Auto reiße ich mir meine Maske vom Gesicht und muss erst mal tief Luft holen. So viel Dreistigkeit, so viel Egoismus, so viel Meckern, so viel Drohen, so viele Schimpfwörter.
Wir haben 8:20 Uhr und ich komme mir vor als war ich die letzten 14 Tage im Dschungelcamp.

Ich möchte unbedingt diesen Tisch haben und beschließe der nächsten ALDI Filiale eine Chance zu geben und fahre zum Luchs Center nach Sterkrade.
Keine Menschenmassen davor. Ich nehme mir einen Einkaufswagen und betrete erschöpft, aber mit besserer Laune das Geschäft. Mein Ziel: Die Sonderverkaufsfläche! Und tatsächlich, auf einer Europalette liegen noch zwei Exemplare meines Wunschtisches. Einziges Hindernis sind die zwei Paare, die mit ihren Einkaufswagen davor stehen und quatschen. Schön, ihr habt euch vielleicht coronabedingt lange nicht gesehen und viel zu erzählen, aber dann macht das doch bitte vor dem Regal mit den Haferflocken und nicht vor meinem Tisch.
Doch die Vier quatschen und quatschen und blockieren den ganzen Gang. Ich signalisiere ihnen, dass ich gerne mit meinem Einkaufswagen dort durch möchte. Keine Reaktion. Kein Platzmachen. Mein Signalisieren wird einen Ticken wilder und durch ein Räuspern unterstützt. Erneut keine Reaktion. Erneut kein Platzmachen.
Ich lasse den Einkaufswagen stehen und drängle mich durch die Quatscher. Tut mir leid. Wenn ihr keinen Platz machen könnt, kann ich auch keinen Mindestabstand einhalten.

Keine zwei Minuten später halte ich meinen Tisch in Händen. Besser gesagt, keine zwei Minuten später habe ich den Karton mit dem Tisch von der Europaltte hoch gehievt und gut festhaltend neben mich gestellt. Knapp 23 Kilo. Der Karton ist groß und unhandlich.
Ich lehne ihn an ein Regal und hole meinen Einkaufswagen. Mir ist klar, dass er da nie im Leben rein passen wird. Ich wäre ja ohne Einkaufswagen in den Discounter gegangen, aber Dank Corona geht das ja nicht.
Ich beschließe den Karton oben auf den Einkaufswagen zu legen und ihn so zur Kasse zu schieben. Gesagt, getan???? Nee, so einfach ist das nicht. Der Einkaufswagen rollt die ganze Zeit weg. Mist. Vielleicht sollte das mal jemand erfinden: einen EInkaufwagen mit Bremsen.
Ich schiebe den Einkaufswagen vor ein Gitterregal. Gut, jetzt kann er mir wenigstens nicht mehr Abhauen. Aber wie bekomme ich nun den Karton da oben drauf? Meine Versuche dieses unhandliche und schwere Ding dort hoch zu bekommen, sehen wie eine Mischung aus Rehasport, Lähmungserscheinungen und der Kobra Stellung vom Yoga aus.
Den Kunden und dem ALDI Verkäufer, die mir die ganze Zeit dabei zugeguckt haben, habe ich offensichtlich ein gutes Programm geboten. Sie waren fasziniert, sie waren gefesselt, sie waren wie erstarrt, denn sonst hätten sie sich mal von ihrem Platz bewegt und gefragt, ob sie mir helfen können.

Nach drei Schweißausbrüchen und gefühlten sechs Bandscheibenvorfällen lag der Karton mit meinem Tisch auf dem Einkaufwagen. Stolz marschierte ich Richtung Kasse.
Tja, es hätte so schön sein können, aber der Tisch lugte links und rechts zu weit über den Einkaufswagen raus. So passte ich nicht durch den Gang an der Kasse. Ich suchte mir also wieder eine Stelle, wo ich meinen "Einkaufswagen" festmachen konnte und buxierte den Tisch vorsichtig runter. Runter ging jedenfalls leichter als rauf. Dennoch war Vorsicht wegen der Glasplatte geboten.
Ich kam mir vor wie ein Star. Denn wieder hatte ich von allen Seiten interessierte Zuschauer.

So ging ich mit der linken Hand den Einkaufswagen schiebend und mit der rechten Hand den Karton behutsam über den Boden schiebend langsam am Kassenband vorbei und bezahlte meinen Tisch.
Den Kunden hinter mir ging das nicht schnell genug, was sie mir mit bösen Blicken und einigen Seufzern zeigten.

Ich suchte mir erneut einen Platz, wo ich meinen Einkaufswagen "wegfahrsicher" aufstellen konnte und keinem Kunden im Weg war. Leider erwies es sich nicht als günstig den Aufsteller mit den Werbeflyern von den ALDI Handytarifen zu nehmen. Dieser "schoß" dann nämlich Richtung Ausgang, und mein Einkaufswagen hinterher.
Fluchend holte ich einhändig meinen Wagen zurück und versuchte noch mehr fluchend unter den Augen etlicher nicht hilfsbereiter Menschen den Karton darauf zu bekommen als ich plötzlich eine Stimme hörte: "Kann ich ihnen helfen?"
Vor mir stand ein Mann, der mir tatsächlich seine Hilfe anbot. Ich war perplex. Hatte ich doch heute so viel schlechte Erfahrungen gemacht, was Hilfsbereitschaft, Empathie und Rücksichtnahme anging.
Gemeinsam hoben wir den Karton auf den Einkaufswagen. Geschafft. Jetzt schnell Richtung Ausgang.  Und dort war schon mein nächster Stop. Denn so passte der Wagen mit dem Karton drauf nicht durch die Schiebetür. Der nette Mann war immer noch an meiner Seite. Wir luden den Tisch wieder ab, trugen den Karton gemeinsam, den Einkaufswagen hinterherziehend nach draußen.
Dort angekommen hoben wir dann den Karton erneut gemeinsam auf den Einkaufswagen. Er begleitete mich zu meinem Auto und half mir auch noch beim Einladen. Wir kamen ins Gespräch. Er arbeitete für die Tafel und wollte Waren bei ALDI abholen, musste aber warten.
Mir sind heute so viele Menschen begegnet, die mir nur zugeguckt und nicht geholfen haben, und dann kommt diese eine Person daher und zeigt mir, dass es doch noch Hilfsbereitschaft gibt. Natürlich habe ich mich bei dem freundlichen Mann bedankt. Trotzdem möchte ich dies hier noch mal am Ende meiner Geschichte tun. Vielleicht liest er ja meine Zeilen und erkennt sich darin wieder.
HABEN SIE VIELEN DANK!!! Ihre Hilfsbereitschaft hat mich nach den ganzen Strapazen des Morgens wirklich beeindruckt, denn Helfen ist in der heutigen Zeit offensichtlich nicht mehr selbstverständlich.

Autor:

Nina Benninghoff aus Oberhausen

following

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

36 folgen diesem Profil

Kommentare

online discussion

Sie möchten kommentieren?

Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.