Das Märchen vom Bösen Wolf
Tiere sind absichtslos - Menschen nicht!

Ich muss gestehen, dass ich für meinen Dritten Teil zum Thema "Wolf" etwas länger gebraucht habe, als ursprünglich gedacht. Dabei gehen gerade in den letzten Tagen noch soviel Nachrichten und emails bei mir ein, eben zu diesem Thema, teilweise sehr engagiert und emotional - oftmals völlig unsachlich. Im Dorf hat sich sogar ein Gerücht verbreitet, dass eine tote Kuh auf einem Hof, mindestens einen Wolf angelockt haben soll. Dazu wurden in den sozialen Medien sogar Videos und Fotos gezeigt. Als Orte nannten die Verbreiter dieser Legende mal Raesfeld, Erle und auch Hünxe. Schnell meldeten sich Vertreter von Natur- und Landwirtschaftsverbänden, die korrigierten, dass in Deutschland bei einem toten Rind völlig anders verfahren werden muss, als es einfach herumliegen zu lassen. Das wäre sonst Anfütterung - und illegal. Andere, die sich zu dem Thema geäußert haben, konnten diese Geschichte mit einem Vorfall in Polen in Verbindung bringen. Überhaupt tauchen oft dieselben Fotos und Videos mehrfach im Internet auf - mit unterschiedlichen Orts- und Zeitangaben. Das erinnert mich an die Videos, die man vor der Wolfshysterie zum Thema "Übergriffe durch Migranten" sehen konnte...

Wenn also die meisten Geschichten, die man dem angeblich "bösen" Wolf nachsagt, vielleicht eher Märchen sind, habe ich mir das bekannteste Märchen zu diesem Thema nochmal genauer angesehen. "Das Rotkäppchen" hat als kleines Mädchen von der Großmutter womöglich eine rote Kopfbedeckung geschenkt bekommen. Die Geschichte ist über Generationen überliefert worden - um 1810-1815 dann ordentlich aufgeschrieben zu werden - von den Gebrüdern Grimm. 

Dazu finde ich interessant, dass die Jakobiner während der französischen Revolution eine ebensolche rote Mütze getragen haben könnten, wie Rotkäppchen. Die Phrygische Mütze ziert so manchen französischen Kopf während dieser Zeit, 1789 - 1799, also auch zu Lebzeiten der Märchen-Brüder. Parallel zu der Ära Napoleon Bonapartes, bis 1815, verbreiten sich in den durch den Krieg verwaisten französischen Ländereien auch sehr stark die Wolfsrudel - aber auch organisierte Kriminalität durch streunende Räuberbanden.

Die Phrygische Mütze wurde in früheren Zeiten bereits gerne getragen. Phryger und anatolische Völker, indogermanische Stämme und andere Menschen der Antike, schrieben dieser Mütze aus gefärbter Wolle oder aus Leder, besondere Kräfte zu. Ursprünglich war das "Rotkäppchen" ein gegerbter Hodensack eines Stieres. Nicht umsonst ist umgangssprachlich noch von der ZIPFELmütze die Rede... 

Das kleine, süße Mädchen aus der Erzählung aber, soll so eine Mütze getragen haben. Ein Mädchen, dass laut der Gebrüder Grimm "jedermann lieb haben musste, wer es auch ansah". Heute würde eine moderne Fassung vielleicht ein everbody's Darling beschreiben: Leichtfertig, oberflächlich, leicht verpeilt, beliebig. Mit der roten Mütze auf dem Kopf ist das Mädchen einerseits sehr auffällig, in einem möglicherweise geschlechtsreifen Alter - was durch die rote Farbe symbolisiert wird - analog Nagellack, Lippenstift, etcetera, in vielen Kulturen entsprechend verbreitet - bis hin zu rotem Henna. 

Das Mädchen - für damalige Verhältnisse eine junge Frau - macht sich in dem Märchen auf den Weg. Mit leckeren Speisen und Wein für die Großmutter, soll Rotkäppchen nicht vom Weg abkommen, und "hübsch sittsam sein", schärft ihr die Mutter ein. Die weitere Geschichte belehrt alle Leserinnen und Leser eines Besseren. Rotkäppchen aber pflückt Blumen - sinnbildlich für ein Laufen abseits der Route, verliert sich ein wenig in der Zeit im Wald.

Und nun komme ich an eine Stelle in dem Märchen, aus meinem heutigen Blickwinkel natürlich, die ich anders deute, als zu der Zeit, als man mir die Geschichte von einigen Jahrzehnten noch vorgelesen hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass der natürliche Wolf überhaupt nicht wirklich mit einem Mädchen irgendein Erlebnis in welcher Gegend auch immer gehabt hat. Angesichts der Verbreitung von Wölfen, beispielsweise in den Vogesen und anderswo, sagte der Volksmund dem Wolf entsprechende Kräfte zu, um dieses Tier zu mystifizieren. Analog dem Stier der griechischen Antike. Die armen Stiere sterben so heute noch in Spanien, um quasi als Beweis der Männlichkeit geopfert zu werden..., was damit wenig christlich wäre. 


Das Märchen vom Rotkäppchen ist also ein Gleichnis für zwischenmenschliche Situationen.


Wie vermutlich alle Grimms' Märchen eher Menschen meinen. Dann wäre der vermeintlich böse Wolf, in Wahrheit ein böser Mann, der dem jungen Mädchen aus sexueller Gier nachgestellt hat. Die sexuelle Gier ist bei diesem Wolfsmenschen so groß, dass auch die alte Großmutter mit Gewalt - und Haut und Haaren - von diesem "Wolf" genommen wird, bevor das Mädchen eintrifft. Infolge dessen, dass die beiden Frauen nicht wirklich im Wortsinne gefressen worden sind, leben sie anschließend weiter, als sie dem vom Sex in eine "kaninchenähnliche Starre" gefallenen Räuber entfliehen können. Viele Männer schlafen "anschließend" so tief, als hätten sie Steine im Bauch. 

Die dichterische Freiheit und das gesellschaftliche Verständnis der Brüder Grimm - die Jäger der Rheinbundstaaten und Preußen vielleicht eher zum Vorbild hatten, als einen Hubertus-Anhänger - schafft mit einem gewissen Happy-End dann eine taugliche Gute-Nacht-Geschichte. Auch die Märchen aus 1001 Nacht sind eigentlich für Erwachsene und Heranreifende geschrieben...

Der arme Wolf, der als Tier für dieses Gleichnis einen wahrhaften Blutzoll zahlen musste, hingegen hatte nichts mit der Geschichte gemein. Menschen sind aber nicht absichtslos, wie Tiere, weshalb sie auch Märchen und die Bibel gerne buchstabengetreu lesen. Das ist einfacher, als "es" zu verstehen.

Abschließend scheint es mir deshalb, dass der Wolf so gerne Hauptfigur von Legenden und Gerüchten ist, weil dieses Tier eben nicht zum Hund geworden ist. Der Wolf blieb dem Lagerfeuer der frühen Menschen fern, misstraute ihnen, ließ sich nicht zähmen. Muss dieses Tier in Wahrheit also ausgerottet werden - zum zweiten Mal - weil die Gesellschaft Angst hat, vor der Natur - vor der eigenen Natur...? Dann wäre das auch ein trauriges Bild für uns Menschen, wenn der Mensch dem Menschen wirklich ein Wolf ist: Misstrauen, Unwahrheit, Angst und Hysterie als Triebfedern der Gesellschaft - anstelle von Vertrauen, Ehrlichkeit, Mut und Zuversicht.

Autor:

Stephan Leifeld aus Schermbeck

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