BUCHTIPP: Kitschknödel an der Costa del Sol

Doris Dörrie: Alles inklusive. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2011, 249 Seiten, 21,90 Euro

Doris Dörre, die mit ihrer leicht schrägen Film-Komödie „Männer“ (mit Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach in den Hauptrollen) 1985 den großen Durchbruch geschafft hatte, steht seit vielen Jahren im künstlerischen Dauerstress.
Die Arbeiten am Film „Glück“, der nach einer Kurzgeschichte von Ferdinand von Schirach entstanden ist und im März ins Kino kommen soll, befinden sich im Endstadium, parallel dazu hat sie an der Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ für die Hamburger Staatsoper gearbeitet, und ganz nebenbei ist jetzt auch noch der Roman „Alles inklusive“ erschienen.
Im Mittelpunkt stehen zwei Frauen. Mutter Ingrid, die irgendwann Mitte der 1970er Jahre ihren Kellnerjob in einer Göttinger Studentenkneipe aufgibt und an die Costa del Sol geht, und ihre Tochter, die auf den Namen Apple getauft wurde - wahrscheinlich als großer symbolischer Akt des Nonkonformismus‘. In diesem Buch ist nämlich ausnahmsweise die Mutter die spleenige Frau, die später einmal ihre spießige Tochter als „Kitschknödel“ tituliert. Bevor es soweit kommt zerbrechen diverse Beziehungen, denn sowohl Mutter als auch Tochter offenbaren handfeste Probleme im Umgang mit Männern und bewegen sich in einer diffusen Atmosphäre aus Lust und Frust, Traum und Albtraum.
Als Kind erlebte Apple in der sengenden Hitze der Costa del Sol, wie ihre attraktive Mutter den Männern reihenweise den Kopf verdrehte, ehe sie dann beim biederen Bankangestellten Karl Brinker landete, der mit Frau und Sohn im eigenen Ferienhaus Urlaub machte. Sie ruinierte dessen Ehe, trieb die Frau in den Selbstmord, und deren Sohn Tim trug möglicherweise (wie sich später zeigen wird) auch psychische Schäden davon.
Die Spanien-Episode aus den 1970er Jahren erhält eine Handlungsfortsetzung, die rund dreißig Jahre später angesiedelt ist. Apple hat zwei gescheiterte Ehen mit 26000 Euro Schulden und 36-seitigem Ehevertrag im Lebensrucksack, als sie ihrer Mutter einen All-Inklusive-Urlaub an der Costa del Sol spendiert.
Doris Dörrie (56) beweist einmal mehr ihr großes Gespür für gestörte zwischenmenschliche Beziehungen und deren explosives Konfliktpotenzial. Alles, was sich in der Gefühlsskala zwischen Lebensträumen, persönlichem Glück, Beziehungskatastrophen und totaler Desillusionierung bewegt, wird in diesem Roman ausgerollt. Die Mär vom glücklichen Leben im Süden zerstört Doris Dörrie (Foto/oben) mit Brachialgewalt. Ob einst als Hippie oder später als Rentner - es bleiben nur enttäuschte Figuren zurück.
Am Ende hat die Autorin vielleicht doch das dramaturgische Gaspedal allzu sehr durchgetreten und die Handlung mit allerlei Skurrilitäten etwas überfrachtet – von einem vor dem Ertrinken geretteten Mops bis zur doppelten Geschlechts“verwandlung“ um den Birker-Sohn Tim.
Da rücken andere, weit weniger effektvolle, aber trotzdem substanzielle Handlungsdetails beinahe in den Hintergrund. Mit spürbarer innerer Anteilnahme hat Doris Dörrie die architektonischen Bausünden im Großraum Almeria beschrieben, wie sich malerisch-beschauliche Fischerorte in wenigen Jahren in graue Betonwüsten für Billigtouristen verwandelt haben.
„Alles inklusive“ ist ein ebenso humorvolles wie nachdenkliches Buch über geplatzte Lebensträume, dessen ganz Weisheit in einem unscheinbaren Nebensatz verborgen ist, in dem es heißt, dass an der Costa de Sol „niemand je über etwas wirklich redet. Das ist verboten, weil es traurig machen könnte.“

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