Paulus Hochgatterers facettenreicher Roman „Fliege fort, fliege fort“
Menschen, die niemals lachen

„Dieses Buch ist einerseits ein Buch über Menschen, die niemals lachen. Mehr noch, es ist ein Buch über Menschen, die andere, Kinder nämlich, so behandeln, dass sie am Ende nichts mehr zu lachen haben“, heißt es im Nachwort von Paulus Hochgatterers neuem, unter die Haut gehenden Roman, der auf subtile Weise um den Mikrokosmos einer fiktiven niederösterreichischen Gemeinde kreist.

Der 58-jährige Hochgatterer, der im Hauptberuf das Landesklinikum für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Tulln leitet, hat sich künstlerisch stets mit Menschen in absoluten Grenzsituationen beschäftigt. Nicht anders in seinem neuen Erzählwerk, in dessen Mittelpunkt der Psychiater Raffael Horn, der Polizeikommissar Ludwig Kowacs und der Geistliche Joseph Bauer stehen, die sich gemeinsam irgendwann die Frage stellen, "wie es passieren konnte, dass einige wenige Menschen die Stimmung in einem Land völlig veränderten."
Die idyllisch gezeichnete Natur rund um das Städtchen Furth liefert den äußeren, friedvoll und anmutig gezeichneten Rahmen. Das Schöne, das Unberührte steht hier dem Bösen, dem Grauen, dem Entsetzlichen direkt gegenüber.
Paulus Hochgatterer hat diese radikale Kontrastierung bewusst gewählt. „Man kann nichts objektiv erkennen, weder sich noch die Welt. Man kann sich ihr nur annähern, wenn man weiß, dass sie doch fern und unbekannt bleibt“, hatte der Schriftsteller 2017 in einem Interview erklärt.
Zu Beginn liegt ein alter Mann in einem Krankenhaus, offensichtlich durch Schläge übel zugerichtet. Doch der Greis behauptet von einem Obstbaum gestürzt zu sein. Seine Angst ist spürbar, und Psychiater Horn wird zu Rate gezogen. Doch der hat in den eigenen vier Wänden selbst Probleme, entdeckt er doch eines Morgens seinen halbwüchsigen Sohn Tobias mit einer Axt in der Hand. „Was hast du vor', fragt er. ,Ein paar Leute erschlagen', antwortet sein Sohn.“
Das ist keine auf Action getrimmte Erzählung, sondern Hochgatterer evoziert ein gefährliches emotionales Stimmungsgemisch aus Angst, Hass, Rache und Ausweglosigkeit. Beinahe hinter jeder Fassade öffnen sich tiefe Abgründe. Pater Joseph Bauer, der während der Messe Leonard Cohen via Ohrstöpsel hört, unterhält ein intimes Verhältnis zu einer Lehrerin, und im Umfeld des früheren Kinderheims (mit nicht astreiner Vergangenheit), das zu einem Notaufnahmequartier für minderjährige Flüchtlinge umfunktioniert wurde, tummelt sich ein aus Rechtsradikalen rekrutierter Sicherheitsdienst, der sich (nomen est omen) „Aktion 18“ nennt.
Der dörfliche Katholizismus prallt hier auf offen rechtsradikales Gedankengut, und irgendwo im schattigen Abseits offenbaren sich sogar kleine gedankliche Schnittmengen. Auch hier hat Hochgatterer wieder bewusst mit starken Kontrastierungen gearbeitet. Gut und Böse stehen nahe beieinander, die (moralischen) Grenzen scheinen fließend zu werden.
Bei der Fronleichnamsprozession wird einer der schwarzgekleideten und mit Springerstiefeln durch den Alltag ziehenden Neonazis von einer Steinschleuder am Kopf getroffen, das Auto eines Politikers brennt, ein Mädchen wird (allerdings ohne jede Lösegeldforderung) entführt, und eine betagte Nonne, die einst im Kinderheim gearbeitet hat, stammelt auf der Intensivstation des Krankenhauses: „Ich hab genug. Ich hab genug. Ich hab genug.“
Paulus Hochgatterer hat uns einen schockierenden Zyklus der Gewalt vorgelegt. Er kennt durch seinen Beruf als Psychiater nicht nur die Ängste der Menschen, sondern er versteht es als exzellenter, sprachlich feinfühliger Autor auch, diese Gefühlsmelange aus nackter Existenzangst, Ausgrenzung, Hass, Rachegelüsten und Gewaltfantasien für den Leser erlebbar zu machen – bis hin zu absoluten Gänsehautmomenten. Das schafft nur herausragende Literatur.

Paulus Hochgatterer: Fliege fort, fliege fort. Roman. Deuticke Verlag, Wien 2019, 286 Seiten, 23 Euro

Autor:

Peter Mohr aus Wattenscheid

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