Wenn der Vater mit dem Sohn

Hanns-Josef Ortheils opulenter Band „Die Mittelmeerreise“

"Das Kind weiß, dass es sich durch das Schreiben retten und am Leben erhalten kann", hieß es in Hanns-Josef Ortheils 2010 erschienenen Vorgängerwerk "Die Moselreise".

Ortheil legte nicht nur eine geografische Erkundungstour vor, sondern er begab sich auch auf eine schmerzhafte Entdeckung der Familiengeschichte. Danach ließ der 67-jährige Autor noch die ähnlich konzipierten autografischen Bände „Berlinreise“ (2014) und "Paris, links der Seine" (2017) folgen.
An diesem bewährten Konzept, Familienerinnerungen und Reiseleidenschaft zu vereinen, hat Ortheil auch in seinem jüngsten, opulenten Reisebuch festgehalten. Es berichtet nicht nur von einer turbulenten Schifffahrt, sondern auch vom Erwachsenwerden des Ich-Erzählers.
Wir begeben uns lesend ins Jahr 1967, und Ortheil startet von Antwerpen aus auf einem Frachter mit seinem Vater Richtung Mittelmeer. Schon vor der Normandie zeigt der Atlantik seine Schattenseiten. Hohe Wellen und ein tosender Sturm verwandeln die gemächlich gestartete Frachter-Tour zu einer schwindelerregenden Achterbahnfahrt. "Bedenklicher Zustand des Jungen. Fieber, enormes Schwitzen, sagt kaum ein Wort“, lässt Ortheil seinen Vater sagen – gespeist aus den einst sorgfältig aufgezeichneten Reisenotizen.
Wir begegnen auf der mit großer Empathie erzählten Reisegeschichte skurrilem Schiffspersonal. Der Kapitän, der Ingenieur oder der Schiffsjunge Denis, mit dem sich der Protagonist anfreundet: Sie alle kontrastieren mit ihrem völlig anderen Erfahrungsschatz die Gefühlswelt und die wechselnden Eindrücke des Ich-Erzählers.
Durch die Meerenge von Gibraltar geht es ins Mittelmeer, und die Route führt weiter bis nach Griechenland und Istanbul. Vater und Sohn lesen Homers „Odyssee“, schreiben eifrig Tagebuch und schicken Postkarten und Briefe an die daheimgebliebene Mutter. Geradezu meditativ anmutende Passagen wechseln sich abrupt mit emotional aufwühlenden Sequenzen ab. Es geht auf und ab, den pubertären Wirrungen des damals 16-Jährigen folgend. Er fühlt sich
hin- und hergerissen, vermisst einerseits sein geliebtes Klavier (Ortheil wollte Pianist werden), genießt aber andererseits auch den Ausbruch aus der engen Chopin-Welt, in die er sich selbst eingeigelt hat.
In Griechenland lernt er andere, seinem Alter eher entsprechende Musik kennen, besucht mit dem Schiffsjungen Denis Diskotheken, tanzt ausgelassen zu Beat-Klängen und verliebt sich zum ersten Mal unsterblich. Mit jener Delia genießt er die wilden Fluten der Ägäis. Ortheils Gefühlswelt lässt sich ziemlich präzise mit Stefan Zweigs Buchtitel „Verwirrung der Gefühle“ auf den Punkt bringen.
„Eine Reise ist ein Trunk aus der Quelle des Lebens“, schrieb einst der Dramatiker Friedrich Hebbel. Ortheil hat in jungen Jahren einen ganz kräftigen Schluck davon zu sich genommen und uns wieder einmal ein bezaubernd schönes, aufrichtig selbst reflektierendes und klug komponiertes Vater-Sohn-Reisebuch vorgelegt.

Hanns-Josef Ortheil: Die Mittelmeerreise. Luchterhand Verlag, München 2018, 640 Seiten, 24 Euro

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