Wenn der VORSATZ zum VORWORT wird

Wenn der VORSATZ zum VORWORT wird

„Guten Tag“, sagte die noch sehr junge Frau, als sie die Bücherei betrat. „Ich suche einen guten VorSATZ für das Jahr 2013, können sie mir da was zeigen?“ Die sehr lebenserfahren aussehende Büchereifachverkäuferin hob den Kopf, musterte die ihr gegenüberstehende junge Frau und sagte dann: „Da kann ich Ihnen gerne was zeigen, allerdings verkaufen wir nur komplette Pakete bestehend aus VorSATZ, HauptSATZ, NebenSATZ und NachSATZ – wir nennen das dann übrigens Buch! Sie müssten mir nur sagen in welche Richtung es thematisch gehen soll und je nach Buchexemplar berechnet sich danach auch der GebührenSATZ – wobei ich ihnen gerne das ausgesuchte Exemplar nett in einem SchachtelSATZ verpacken kann!“. Die noch sehr junge Frau stutzte - um dann richtig zusammen zu fassen: „Ach so, wenn ich einen VorSATZ haben will muss ich auf jeden Fall einen GebührenSATZ mit einrechnen!“. Die erfahrene Büchereifachverkäuferin nickte. „Aha“, sagte die junge Frau, „könnte ich so einen VorSATZ auch selbst erstellen?“ Der erfahrenen Büchereifachverkäuferin lief für einen Bruchteil einer Sekunde ein Schalk durch das Gesicht, bevor sie dann ernsthaft seriös antwortete: „Natürlich können sie das! Allerdings habe ich gestern den letzten BauSATZ für einen VorSATZ verkauft!“. „Hm“, sagte die noch sehr junge Frau, „was blöd! Aber für den Jahreswechsel brauche ich unbedingt einen VorSATZ! Alle meine Freundinnen haben schon einen VorSATZ und alles andere ist ja falsch: ein AbSATZ, ein AufSATZ, ein AnSATZ, ein BeSATZ, ein VerSATZ….“. Grübelnd und leicht verunsichert nahm sie wahllos ein Buch vom Büchertisch und begann etwas verzweifelt darin zu blättern. Plötzlich hielt sie inne. „Ich sehe hier gerade in diesem Buch, dass es hier ein VorWORT gibt!“ und zur Büchereifachverkäuferin zugewendet fragte sie diese: „Geht so ein VorWORT nicht auch als VorSATZ?“. Souverän antwortete diese: „Eigentlich nicht – aber sie haben Glück! In diesem Buch gibt es wirklich ein vierseitiges VorWORT und weil der Autor vier Seiten geschrieben hat, sind daraus quasi ganz viele VorSÄTZE geworden, aus denen sich das VorWORT zusammensetzt!“ „Das nehme ich!“ rief die noch sehr junge Frau durch den halben Laden. Die noch sehr junge Frau bezahlte ihr Buch an der Kasse und verließ mit einem Lächeln den Buchladen. Die erfahrene Büchereifachverkäuferin schüttelte leicht den Kopf, um sich dann ein Buch vom Büchertisch zu nehmen, nämlich genau so ein Exemplar, was sie gerade erfolgreich verkauft hatte - sie war neugierig geworden, mit welchen VorSÄTZEN diese junge Frau nun ins neue Jahr gehen würde. Sie schlug das Buch auf, übrigens ein Buch von DIETER HILDEBRANDT mit dem Titel „Gedächtnis auf Rädern“. Sie las die ersten beiden SÄTZE des VorWORTES, um dann dieses Buch zuzuklappen und schmunzelnd zurückzulegen. Ein wahrlich guter VorSATZ war dort zu lesen:
„Man schreibt seine Lebenserinnerungen nur einmal. Und danach hat man die Aufgabe, unverzüglich zu sterben.“

Autor:

Michael Micki Wohlfahrt aus Witten

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