Reisebericht aus Afrika: ´Was will denn der Musungu* schon wieder von uns?

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Reinhard Micheel ,mit Projektpartnern von 2AD, Ghana, vor den Latrinen der St. Kizito Vocational and Technical School. (Foto: Micheel)
 
“Gewusel” in Togo. (Foto: Micheel)
 
So wird aus allem noch was gemacht! Mole District Hospital, Ghana. (Foto: Roos)
 
Bett im Krankenhaus Mole District Hospital aus Bochum mit dem Container nach Ghana. (Foto: Micheel)

Reinhard Micheel,Geschäftsführer der Aktion Canchanabury e.V., ist wieder unterwegs in Afrika, um Projektpartner und Projekte in Togo und Ghana zu besuchen. Und diese Reise ist etwas Besonderes, denn es ist sein 50. Besuch auf dem schwarzen Kontinent. "Man könnte jetzt meinen, dass das dann ja nichts besonders Neues mehr sein kann. Nein, weit gefehlt, denn für mich ist jede Reise nach Afrika ein neues Abenteuer und eine neue Herausforderung. Wer meint, nach mehreren Reisen oder längeren Aufenthalten Afrika zu kennen und „Bescheid zu wissen“, wie es „dort unten“ funktioniert, ist ein Schwätzer und Wichtig­tuer", so die Überzeugung von Reinhard Micheel. Hier seine ersten Eindrücke der Reise.

* „Musungu“ ist Suaheli und bedeutet eigentlich nur „weißer Mann“. Es wird aber in vielen Teilen Afrikas eher spöttisch und ironisch für Weiße verwendet!

Mittwoch, 29. Mai 2013

Nach sechseinhalb Stunden Flug, bei dem ich mit der „Zukunft Afrikas“ in einer Reihe sitze, nehme ich meine Ohrstöpsel heraus und betrete zum 50. Mal afrikanischen Boden. Bei der „Zukunft Afrikas“ handelt es sich übrigens um drei schwarze Babys. Alle total süß und nett bis zu dem Zeitpunkt, als sie müde werden, Hunger bekommen, die Windeln voll haben und ich gezwungen bin, die Mütter aufgrund der Beengtheit im Flieger bei den dann anstehenden Aufgaben – außer dem Stillen – zu unterstützen. Danach stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren und höre mir die „Brandenburgischen Konzerte“ an – und zwar in einer Lautstärke, dass ich von der weiteren Kleinkinderbetreuung nichts mehr mitbekomme!

Bitte, bitte nicht schon wieder

Die Einreise nach Ghana gestaltet sich absolut professionell. Ich werde freundlich begrüßt, man fotografiert mich und scannt meine Finger­abdrücke ein! Ich fühle mich an meine Einreise in die USA erinnert. Nach wenigen Minuten habe ich die Einreiseformalitäten hinter mir. Mit dem Gepäck klappt es dann allerdings nicht so schnell. Ich gebe schon fast die Hoffnung auf, dass mein Gepäck ankommt, da ich nur noch mit zwei, ebenfalls recht beunruhig wirkenden Ghanaern am Gepäckband stehe. Bitte, bitte nicht schon wieder eine Woche mit zwei T-Shirts, zwei Unterhosen, zwei Paar Socken und einer Hose auskommen müssen!! Als vorletztes Gepäckstück taucht dann doch mein Trolley endlich auf - recht ramponiert, aber Hauptsache er ist da!

Mein Empfangskomitee macht sich mittlerweile doch einige Sorgen. Man will gerade Peter Bakufan, Mitglied des RESEP-Teams in Damongo und ein „hohes Tier“ beim ghanaischen Zoll, in Marsch setzen, um mich aus den Klauen der Einreisebehörden zu befreien. Da tauche ich in der Ankunfts­halle auf. Es gibt ein großes Hallo, viele Umarmungen, Schulterklopfen, Fragen nach dem Befinden und die sofortige Einladung ins „Aerostar“. Das ist die eine Kneipe unter Bäumen direkt neben dem Airport. Nach zwei „Star“, so heißt eine der lokalen, durchaus trinkbaren Biermarken, komme ich so allmählich in Ghana an.

Starkregen der etwas anderen Art

Stefan Marx, langjähriger Projektpartner und Freund, ist extra von Nairobi „herüberkommen“, um mit Greg Iddi, unserem Koordinator für die Wasser- und Solarprojekte in Ghana und Togo, und mir gemeinsam diese Projektreise zu machen. Sie soll u.a. dazu dienen, unsere Projekte einmal genauer unter die Lupe zu nehmen und herauszubekommen, was sie bisher geleistet und verändert haben? Neudeutsch nennt man das in der Entwicklungsszene Wirkungsbeobachtung.

Ein drittes „Star“ kredenzt mir Yimah, der Leiter des „Good Shepherd ´s Home“, dem Guesthouse der katholischen Diözesen in Nordghana. Hier übernachte ich immer, bevor es von Accra aus ins Landesinnere geht. Aber dann ist es auch genug. Ich falle in einen traumlosen Schlaf. Die Musik dazu liefert ein tropischer Regenguss, der unserem Begriff von Starkregen eine ganze neue Bedeutung gibt. Die Regenzeit hat anfangen. Darüber freuen sich alle Ghanaer, bloß ich nicht, denn ich hatte bereits zuhause eine recht ergiebige Regenzeit!

Donnerstag, 30.05.2013

Heute wollten wir eigentlich die letzten praktischen Vorbereitungen für unsere Reise treffen. Doch die sind nicht mehr nötig! Stefan und Greg haben gestern bereits alles erledigt: Flugtickets nach Tamale kaufen, Geld tauschen, Stefan’s Visa für Togo besorgen etc.! Super! So haben wir genug Zeit, uns inhaltlich auf unseren gemeinsame „Mission“ vorzubereiten und überhaupt erst einmal hier „anzukommen“.

Denn Stefan und meiner einer sind zwar jetzt hier in Ghana, aber in Gedanken sind wir beide noch voll in unserem NRO-Alltag. Stefan noch viel, viel mehr als ich, da er tagtäglich mit der Kriegs­situation im Sudan, speziell in den Nuba Mountains, zu tun hat. Diese Erlebnisse und Bilder lassen einen nicht so einfach los, nur weil man das Land wechselt. Man merkt ihm deutlich an, wie sehr ihn die Erlebnisse und Erfahrungen der letzten Zeit bedrücken. Von seiner sonst sprich­wörtlichen Gelassenheit und seinem Humor ist derzeit nicht viel zu merken!

Eine besondere Form der Schlafkrankheit

Wir beschließen ins „Paloma“, unser Stammlokal in Accra seit vielen Jahren, zu fahren, lecker zu essen und dabei unsere Projektbesuche in Damongo und Bole vorzubereiten. Doch das „Paloma“ ist auch nicht mehr das, was es einmal war. Der Service ist nicht sonderlich motiviert. Stefan vermutet eine besondere Form der Schlafkrankheit, denn der für uns zuständigen Kellnerin könnte man mühelos im Laufen die Schuhe besohlen. So kommt unser Essen sehr zeitversetzt an. Als Stefan endlich seines serviert bekommt, habe ich bereits wieder Hunger. Wir beauftragen Greg, sich nach einem neuen Stammlokal für künftige Projektbesuche umzuschauen.

Kulinarische Pleite

Aber auch in unserem geliebten „Good Shepherd’s Home“ erleben wir abends eine kulinarische Pleite. Hier ist es üblich, bereits morgens beim Frühstück zu sagen, ob und was man abends essen möchte! Nun die Auswahl ist nicht besonders groß. Entweder man bestellt Huhn mit Spaghetti, Fisch mit Reis oder gebratenen Gemüsereis. Fisch ist heute allerdings aus und mit Blick auf die vielen Hühner, die in den kommenden Tagen noch ihr Leben für uns lassen müssen, entscheiden wir uns für den gebratenen Reis. Zusammen mit einer scharfen Pili-Pili-Sauce ist der durchaus schmackhaft.

Pünktlich um 18:30 Uhr tauchen wir vereinbarungsgemäß im Dining-Room auf. Wir ordern bei der ausgebildeten Restaurantfachkraft, die wie ihre Kollegin im „Paloma“ an der gleichen Krankheit zu leiden scheint, was wir morgens bestellt haben. Die schaut uns ungläubig an, verschwindet in der Küche, um kurz darauf wieder zu erscheinen und uns zu informieren, dass man keinen gebratenen Gemüsereis habe. Sie könnte uns aber „plain rice“ (gekochten Reis ohne alles) servieren! Also, an der Verbesserung der Ausbildung im Gastronomiebereich besteht in Ghana noch dringender Handlungs­bedarf.

Nicht unsere Baustelle

Da dies entwicklungspolitisch aber nicht Stefans und meine „Baustelle“ ist, belassen wir es bei einigen bissigen Kommentaren, die ich hier nicht wiedergeben möchte. Wir bitten Yimah noch, künftig etwas mehr Wert auf die Breite des gastronomischen Angebotes in seinem Guesthouse zu legen und ziehen uns nach zwei Flaschen „Star“ zum Schlafen zurück. Kaum sind wir in unseren Zimmern verschwunden, setzt ein tropischer Regenguss ein. Der Regen prasselt derart heftig auf die Wellblechdächer, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. Na, wenigstens ist der Regen hier schön warm! Na, dann „Gute Nacht“!

Freitag, 31.05.2013

Um 05:30 Uhr geht’s heute ohne Frühstück in Richtung Flughafen. Und wenn
man meint, dass sei eine tolle Zeit, um Staus zu vermeiden, der irrt.
Selbst um diese nachtschlafende Zeit ist hier schon Rushhour. Aber Yimah,
der uns freundlicherweise zum Airport fährt, kennt alle „short cuts“
(Abkürzungen) und Schleichwege in Nairobi. So kommen Stefan und ich in den
Genuss einer alternativen und kostenlosen Stadtrundfahrt. Der
Straßenzustand auf den Hauptstraßen ist fast überall deutlich besser als
bei mir zuhause in Bochum. Wer ist da eigentlich das Entwicklungsland?

Auch am Kenyatta-Airport ist schon reichlich was los. Gab es vor einigen
Jahren kaum oder gar keine Flüge in den Norden, ist der Markt der
Inlandsflüge mittlerweile heiß umkämpft. Mehrere Airlines bemühen sich mit
Dumpingangeboten um möglichst viele Fluggäste. Wie im Vorjahr fliegen wir
mit „Starbow“, da wir mit dieser Airline gute Erfahrungen gemacht haben.
Deren Maschine macht noch immer einen recht vertrauenswürdigen Eindruck.
Dass in Ghana ökonomisch so allmählich die“ Post abgeht“, merken wir auch
daran, dass der Airport zu klein wird, um die sprunghaft steigende Zahl an
Flügen und Fluggästen verkraften zu können. Für Inlandsflüge hat man
deshalb ein großes Zelt als Wartebereich mit Aircondition aufgebaut – und
die ist saukalt und hochgradig gesundheitsgefährdend.

Darauf freut sich meine Wirbelsäule

Der Flug dauert nur 50 Minuten. In Tamale erwartet uns Adams, der uns in
den nächsten Tagen mit seinem Pick-up durch die Gegend fahren soll.
Zunächst steht der 130 km lange „Ritt“ nach Damongo an. Die ersten 60 km
bis zur „Junction“ sind kein Problem, da asphaltiert. Danach folgen
weitere 70 km, auf die sich meine Wirbelsäule besonders freut. Seit 1997,
als ich erstmals nach Damongo gefahren bin, hat sich am Straßenzustand
scheinbar nichts geändert. Vor jeder Wahl wird den Menschen in West-Gonja
versprochen, dass die Straße endlich asphaltiert werden soll. Pustekuchen!
Bisher ist nie etwas passiert.

Wer macht’s? Die Chinesen!

Doch jetzt könnte es bald anders werden! Der im letzten Jahr neugewählte
Präsident Ghanas, John Mahama, stammt aus Damongo. Wenn das kein Zeichen
für bessere Entwicklungschancen ist? Und tatsächlich, kurz vor Damongo
ist man dabei, die neue Straße zu trassieren. Und wer macht’s? Die
Chinesen! Die sind mittlerweile überall in Afrika und sichern sich
Aufträge und den Zukunftsmarkt Afrika. Da haben wir Europäer echt etwas
„verpennt“ und sind dabei, den Anschluss zu verlieren. Bei den Menschen in
der Region sind die Chinesen zwar nicht besonders beliebt, weil sie als
arrogant und überheblich gelten und nichts mit der lokalen Bevölkerung zu
tun haben wollen – außer Geschäfte zu machen! Aber sie bauen Straßen,
Hospitäler und schaffen Arbeitsplätze!

Das ist auch abends Thema, als wir drei uns mit John Kipo Kaara und dem
Team unseres Projektpartners RESEP (Rural Education Shelter and
Environmental Programme) zu einer ersten Besprechung treffen. Zur
Begrüßung gibt’s ein großes Hallo und viele Umarmungen. Besonders Stefan,
der in den 80er und 90er Jahren hier mit John das - auch von der Aktion
geförderte - Krankenversicherungssystem aufgebaut hat, muss viele Fragen
beantworten. Zudem ist er mit Mary - einem Mädel aus Damongo –
verheiratet. Fast jeder hier kennt ihn.

Bauen und klauen

Nachdem wir das Programm der nächsten Tage besprochen haben, sind wir
schnell bei den Chinesen. Die scheinen derzeit zu den Hauptthemen in West
Gonja zu gehören. Besonders seit sie sich für den Straßenbau das Recht
gesichert haben, eine besondere Baumsorte entlang der Trasse fällen und
nutzen zu dürfen. So ganz halten die gelben Jungs sich aber nicht an die
Vereinbarung. Sie fällen nicht nur entlang der Trasse, sondern gehen mit
ihren Kettensägen auch mal gerne in den angrenzenden Mole Nationalpark, um
besonders schöne Exemplare heraus zu sägen. Die werden dann schnell
verladen, nach China verschifft und zu Möbeln verarbeitet.

Irgendwann fallen mir die Augen zu und ich will nur noch mein Bett sehen.
Mit der beruhigenden Feststellung meines Freundes Kofei, dem
Dorfapotheker, wir Deutschen seien da doch ein anderes Kaliber und
obendrein könnten wir Fußball spielen, was den Chinesen völlig abginge,
ziehe ich mich zurück. Doch nachts plagen mich eigenartige Albträume! In
denen verladen die Chinesen Afrika Stück für Stück in Container und lassen
es so allmählich völlig verschwinden.


Samstag, 01.06.2013

Dieser Tag scheint schon gleich zu Beginn nicht mein Freund werden zu
wollen. Beim Frühstück kommen wir auf die beiden Gesundheitsstationen in
Bawena und Kotito zu sprechen. Die haben wir in Zusammenarbeit mit den
Bochumer Stadtwerken bereits 2010 mit Solaranlagen und Solarkühlschränken
ausgestattet. Diese „Investition“ erschien uns und unseren Partner vor
Ort seinerzeit dringend geboten, um auch in der Regenzeit, wenn besonders
Bawena oft wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten ist, Impfstoffe und
Medikamente bevorraten und sachgerecht lagern zu können. Bawena gehört
dann, wie die Einheimischen hier sagen, zu den „Übersee-Gebieten“ (oversea
areas).

Mir platzt der Kragen

Und genau dort und ausgerechnet jetzt zu Beginn der Regenzeit funktioniert
die Solaranlage nicht! Und das, wie ich mit Entsetzen höre, wohl schon
längere Zeit nicht mehr. John erfuhr erst kürzlich durch Zufall davon, als
er aus Bawena zwei weitere Projektanträge erhielt, die übrigens wir
finanzieren sollen. Irgendjemand hat wohl irgendwann irgendetwas an der
Anlage verstellt. Dann hätten irgendwelche Lämpchen geleuchtet und
irgendwie wäre dann die Beleuchtung und der Kühlschrank ausgefallen! Mir
platzt der Kragen! Gerade in Bawena hatten wir damals mit Engelszungen
gepredigt, dass außer dem dafür ausgesuchten Mitarbeiter der Station, der
eigens dafür von einem Solartechniker eingewiesen worden war, niemand und
wirklich niemand an der Anlage „herum-fummeln“ soll.

Nach weiteren investigativen Fragen meinerseits, stellt sich heraus, dass
besagter Mitarbeiter, man höre und staune, gar nicht mehr in Bawena wohnt.
Auf die Idee jemanden neues zu bestimmen und dann schulen zu lassen, ist
aber weder der Rat der Alten noch das Dorfentwicklungskomitee gekommen. Da
verlässt man sich doch lieber auf die Musungus! Die haben doch jede Menge
„Kohle“ und können die Reparatur locker bezahlen. Der wohl eigentlich
schon vorliegende Kostenvoranschlag ist aber nirgends zu finden. Als ich
mir dann auch noch die beiden „kleinen“ Projektanträge aus Bawena genauer
anschaue, ist es mit meiner Geduld endgültig vorbei.

Eine Bibliothek ohne Bücher?

Es ging ursprünglich einmal um ein „kleines“ Regenschutzdach für den
Wartebereich der Gesundheitsstation und eine „kleine“ Bibliothek für die
Schüler/innen des Ortes! Vorgelegt werden mir zwei Anträge, die das
angedachte Volumen um ein Mehrfaches übersteigen und zudem nicht besonders
durchdacht erscheinen. Bei der Bibliothek hat man in der Kalkulation zwar
den Bau des Gebäudes – von dem vorher allerdings überhaupt nicht die Rede
war – sehr detailliert aufgeschlüsselt. Doch notwendige Regale und vor
allem die Anschaffung der Bücher tauchen nirgends auf!?!? Auch John muss
zugeben, dass eine Bibliothek ohne Bücher wenig Sinn macht! Um nicht
gleich meinen zweiten Herzinfarkt zu bekommen, schlägt John vor, das Thema
zu vertagen, bis unsere RESEP-Partner mit Bawena gesprochen haben. Ein
Solartechniker soll sich allerdings schnellstmöglich die Anlage vor Ort
anschauen und ggf. sofort reparieren! Unter der Schlamperei und
Dusseligkeit einiger weniger sollen in den nächsten „nassen“ Monaten vor
allem die vielen Kinder in Bawena nicht leiden!

Nicht ganz unschuldig

Dass es auch ganz anders gehen kann, erlebe ich einige Stunden später im
130 km entfernten Bole. Dort unterstützt die Aktion u.a. die St. Kizito
Vocational and Technical School, kurz: KIVOTEC. Die berufsbildende Schule
mit 120 Schülern hat sich aus bescheidensten Anfängen prächtig entwickelt.
Neben den traditionellen Ausbildungsgängen Schreiner, Maurer und Schlosser
hat man jetzt auch eine Klasse für Elektriker eingerichtet, die mit 22
Schülern zum Schuljahresbeginn gestartet ist. Darauf ist der Headmaster
(Schulleiter) besonders stolz. Er versichert mir mit einem Augenzwinkern,
dass wir von der Aktion nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung seien.
Als wir vor zwei Jahren im Rahmen unserer Kooperation mit den Stadtwerken
beim Neubau der Schule die Elektrizitäts- und Wasserversorgung und den
Bau von Sanitäranlagen finanziert haben, sei man u.a. in den Diskussionen
mit uns auf die Idee gekommen.

Ferner werden IT-Kurse angeboten, die sich bei den Jugendlichen
allergrößter Beliebtheit erfreuen. Und man hat noch viele andere Ideen. So
sollen demnächst auch Ausbildungsgänge für Mädchen angeboten werden. Doch
dafür müssen noch entsprechende Unterkunftsmöglichkeiten geschaffen
werden, denn St. Kizito ist eine „boarding school“ (Internatsschule).
Viele Schüler kommen von weit her aus dem riesigen und dünnbesiedelten
Umland, um hier eine Ausbildung zu machen.

Von Privatsphäre keine Rede

Bis das zweite Hostel endlich fertiggebaut ist, sind derzeit noch bis zu
30 Schüler in einem Raum untergebracht. Ich hab’s mir angeschaut. Da kann
von Privatsphäre keine Rede mehr sein. Doch die Jungs nehmen es gelassen
und hoffen auf schöne neue Zimmer im Neubau nebenan! Und der wird kommen,
wie so vieles andere, was sich Headmaster Brother Anacletus und sein Team
vorgenommen haben. Davon bin ich – aber natürlich vor allem er selbst –
felsenfest überzeugt!

Und ein weiteres Erfolgserlebnis wartet auf mich! Und so wird dieser Tag
doch noch mein Freund! Denn auch das von der Aktion unterstützte Bole
District Hospital hat im letzten Jahr dank eines engagierten Doktors, der
versteht seine Mitarbeiter/innen zu motivieren, einen wahren Quantensprung
gemacht. Mit geringen finanziellen Mitteln, aber umso mehr Ideen,
Eigeninitiative und aktivem Zupacken hat man in Bole aus einer halben
Ruine wieder ein gut funktionierendes Krankenhaus gemacht. Mittlerweile
kommen sogar Patienten aus Damongo hierher, um sich behandeln zu lassen,
obwohl es dort ein eigenes Hospital gibt! Besonders freut es mich, überall
medizinische Geräte, Betten, Rollstühle, Verbandsmaterial und
OP-Ausstattung im Einsatz zu sehen, die wir mit unserem bunt bemalten
Jubiläumscontainer nach Ghana geliefert haben.

Die unzertrennlichen „Bole Boys“

Nach einem kurzen Drink mit dem Verwalter des Bole Hospitals – der Doktor
ist leider nicht da – bei dem wir über weitere Entwicklungsperspektiven
für das Krankenhaus sprechen, schauen wir noch kurz bei John’s Eltern und
Greg’s Bruder vorbei. Dies nicht zu tun, wäre nicht nur unhöflich, sondern
würde gegen eherne Grundregeln ghanaischer Tradition verstoßen. Greg und
John, aber auch “Zollmensch“ Peter Bakufan und „Good-Shepherd-Boss“ Yimah
stammen aus Bole und sind alle vier gemeinsam zur Schule gegangen. Man
nennt sie auch scherzhaft die „Bole Boys“, denn Sie hängen noch immer
zusammen, obwohl es sie über ganz Ghana verteilt hat.

Abends im Bett lassen mich die Gedanken und widerstreitenden Gefühle des
heutigen Tages noch nicht so schnell los. Ich mache schon recht lange
Entwicklungszusammenarbeit und habe dabei gelernt, auch mit Fehlschlägen
und „versiebten“ Projekten klarzukommen. Aber das mit Bawena ärgert mich
doch mehr, als ich zugeben möchte. Na ja, dass bekommen wir schon wieder
hin!! Die beiden anderen Projekte haben mir dafür heute um so deutlich
gezeigt, dass wir mit unserer „neuen“ Politik, in Menschen und Ideen zu
investieren, genau richtig liegen.
Usiku Mwema! (Gute Nacht auf Suaheli)
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1 Kommentar
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Astrid Günther aus Duisburg | 19.11.2013 | 12:08  
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