Lippeverband stellt „Bewohner des Monats“ vor
Wasserseelchen in der Lippe sind ein gutes Zeichen

Hydrobiologin Sylvia Mählmann bei der Probennahme an der Lippe.
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  • Hydrobiologin Sylvia Mählmann bei der Probennahme an der Lippe.
  • Foto: EGLV/Rupert Oberhäuser
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Dorsten/Schermbeck/Haltern. Er ist eher ein allesfressender Stararchitekt als die sprichwörtlich „gute Seele“ des Gewässers. Doch wenn die Biologen des Lippeverbandes das „Wasserseelchen“ entdecken, ist das ein gutes Zeichen. Denn das kleine Insekt ist eine Köcherfliegenart, die nur dort lebt, wo die Wasserqualität stimmt: so zum Beispiel in Dorsten in der Lippe, im Wienbach und im Hammbach, wo sich das sensible Geschöpf heute wieder wohlfühlen kann.

Im Hauptlauf der Lippe und in einigen Nebengewässern war die Vielfalt der Organismen bis in die 1970er-Jahre durch intensive industrielle Nutzung des Flusses stark eingeschränkt. Die Köcherfliege konnte erstmals wieder 1979 in der Lippe nachgewiesen werden, nachdem Kläranlagen technisch verbessert und erste Bereiche renaturiert wurden. Aus Sicht der Biologen ein riesiger Erfolg.

Baukünstler und Abfangjäger

Das Wasserseelchen ist ein wahrer Baukünstler, worauf der Name ihrer Ordnung – Köcherfliege – schon schließen lässt. Ihre Larven leben unter Wasser, gern auf kiesigem oder steinigem Untergrund. Hier bauen sie winzige im Durchmesser zirka ein Zentimeter große Wohnröhren, ausgestattet mit einem Fangnetz. Was darin landet, wird gefressen, denn die Wasserseelchen sind echte „Allesfresser“ und nicht wählerisch. Algen, Pflanzenreste oder Kleinstlebewesen – nichts wird verschmäht.

Dabei spinnt die Larven das Netz äußerst raffiniert und platziert ihre Wohnröhre so, dass die Strömung möglichst viel Beute ins Fangnetz spült. Ein praktischer Lieferdienst, denn so müssen die Opfer nur noch mit den Vorderbeinen ergriffen und verspeist werden.

Netzstruktur verrät Details

Für die Biologinnen und Biologen des Lippeverbandes ist besonders der Netzaufbau einen genauen Blick wert. Eine unregelmäßige Struktur kann ein Hinweis auf schädliche Substanzen im Wasser sein. Sein Netz spinnt das Wasserseelchen übrigens mit selbstproduzierten, feinen Seidenfäden, die im Wasser erstarren.

Köcherfliegen-Mütter handeln strategisch

Wird die Larve erwachsen, zieht sie um. Zur Verpuppung baut sie sich einen stabilen Steinköcher, dem sie erst bei gutem Wetter wieder entschlüpft. Die weiblichen Wasserseelchen gehen dann am Ufer auf Bräutigam-Suche. Nach erfolgreicher Paarung treten sie eine kleine Reise an: Sie fliegen zur Eiablage extra bachaufwärts, da die später im Wasser lebenden Larven durch die Strömung oder bei Hochwasser bachabwärts driften. Dieser sogenannte Kompensationsflug zur Eiablage stellt somit sicher, dass der Nachwuchs im heimischen Gewässerabschnitt aufwächst.

Dann ist Zeit für die nächste Generation, die man als erwachsene Tiere an ihren dunklen Flügeln erkennen kann, die je nach Art eine weiße Zeichnung tragen. Auffällig sind außerdem ihre langen Fühler, die länger sind als der gesamte Körper.
Köcherfliegen

Das „Wassergeistchen“ oder „Wasserseelchen“ gehört zur Ordnung der Köcherfliegen (griechisch. Trichoptera), die mit mehr als 1000 Arten in Europa neben den Mücken die artenreichste Ordnung innerhalb der Wasserinsekten darstellt. In Mitteleuropa leben um die 20 Wasserseelchen-Arten (Hydropsyche), im Lippe-Verbandsgebiet sind es acht. Zwei Arten stehen auf der Roten Liste und in sind in ihrem Bestand im Tiefland von NRW gefährdet: Hydropsyche saxonica und Hydropsyche bulgaromanorum.

Serie: Bewohner des Monats

Fließgewässer sind die Lebensadern unserer Landschaft. Sie bieten Menschen nicht nur Erholung, sondern sind als Ökosysteme unverzichtbar und schützenswert. Ein Großteil der Wasserlebewesen sind wirbellose Tiere (Makrozoobenthos), die häufig am Boden oder Rand des Gewässers leben. Dazu gehören u.a. Wasserinsekten, Krebstiere, Schnecken und Muscheln. Sie sind ein wichtiger Indikator für die Wasserqualität. Denn nur ein natürliches Gewässer weist eine hohe Anzahl und Vielfalt wirbelloser Tiere auf.
Durch das Programm „Lebendige Lippe“ soll sich der längste Fluss in NRW natürlicher entwickeln. Diese Veränderungen erfassen die Lippeverbands-Mitarbeiter-innen und Mitarbeiter des Labors anhand von Probenahmen entlang der Lippe und ihrer Nebenläufe. Dabei untersuchen sie regelmäßig insgesamt 431 Kilometer Wasserläufe im Verbandsgebiet. Ausgewählte Lebewesen, die etwas über die Wasserqualität verraten, stellt der Lippeverband in den nächsten Monaten in seiner Serie „Bewohner des Monats“ vor.

Programm „Lebendige Lippe“

Die Lippe ist ein 220 Kilometer langer Nebenfluss des Rheins. Sie entspringt in Bad Lippspringe und mündet in Wesel in den Rhein. Auf der rund 147 Kilometer langen Strecke zwischen Lippborg und Wesel fließt die Lippe durch das Gebiet des Lippeverbandes. Hier hat das Land NRW die Unterhaltung und den Ausbau des Flusses an den Lippeverband übertragen.

Der Lippeverband übernimmt neben der allgemeinen Pflicht der Gewässerunterhaltung auch die Umsetzung der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie an der Lippe. Hierzu hat der Lippeverband im Jahre 2013 das Programm „Lebendige Lippe“ für seinen Zuständigkeitsbereich aufgelegt und neben der Fortsetzung der bestehenden Projekte mehrere neue Projekte begonnen.

Das übergeordnete Ziel ist die langfristige Verbesserung und Wiederherstellung eines intakten Fluss-Auen-Ökosystems mit einer Erhaltung und Entwicklung von fluss- und auentypischen Strukturen und Lebensgemeinschaften. Für das Landesgewässer Lippe werden zu 100 % Landesmittel eingesetzt.

Europäische Wasserrahmenrichtlinie

Mit der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) wird nicht nur ein „guter Zustand“ für alle Gewässer in den Mitgliedsstaaten der EU bis zum Jahr 2027 gefordert. Seit Inkrafttreten der Richtlinie im Jahr 2000 ist auch die ganzheitliche Betrachtung von Fluss-Einzugsgebieten Allgemeingut geworden. Danach ist der gesamte Fluss von der Quelle bis zur Mündung als Einheit zu sehen. Maßnahmen, die an irgendeiner Stelle des Gewässersystems zu Veränderungen führen, wirken sich auch in anderen Teilen des Einzugsgebiets aus.

Quelle: Lippeverband

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