Klassische Musik
Konzertmeisterin bei den Philharmonikern

Die Konzertmeisterin an ihrem Platz im Proberaum des Theaters.
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Die Koreanerin Shinkyung Kim spielt in Dortmund die Erste Geige – und das ganz wörtlich. Seit 1998 ist sie Konzertmeisterin der Dortmunder Philharmoniker und damit so etwas wie das Bindeglied zwischen Dirigent und Orchester.

Sie sitzt bei Proben und Konzerten direkt neben dem Dirigenten und trägt seine Vorgaben und Wünsche an ihre Kollegen weiter. Wenn sie das Zeichen gibt, erhebt oder setzt sich das Orchester – und damit hat sie sogar ein kleines bisschen mehr Macht als der Dirigent: Denn wenn der zum Schluss des Konzerts die Musiker auffordert, sich für den Applaus zu erheben, dann kann Frau Kim das Zeichen geben, sitzen zu bleiben; der Applaus gebührt dann dem Dirigenten.

Bei Aufführungen im Theater sieht man Shinkyung Kim und ihre Kollegen nicht. Sie sitzen dann im Orchestergraben unter der Bühne. Eng ist es dort, und warm, und manchmal laut. In manchen Szenen agieren die Sänger direkt über den Köpfen der Musiker. Fast jeden Abend spielen die Philharmoniker,  bei Proben, bei Konzerten im Konzerthaus, oder sie begleiten eine Ballett-,  Musical- oder Opernaufführung am Dortmunder Theater.

Mehrere Partituren müssen sie in einer Spielzeit lernen, verschiedene Stücke aus dem Effeff können. Gemeinsame Proben gibt es nicht viele: „Die Musiker lernen ihren Part natürlich zuhause. Bei den Proben, die immer vormittags angesetzt sind, wird dann das Zusammenspiel geübt“, erklärt Anneliese Schürer, die im Dortmunder Theater für Marketing und PR der Philharmoniker zuständig ist. Die reine Probenzeit ist rund ein Monat pro Produktion, für ein Sinfoniekonzert sind jeweils fünf bis sechs Proben angesetzt.

„Natürlich gibt es auch Dauerbrenner, die immer wieder aufgeführt werden. Die Zauberflöte haben wir schon bestimmt schon in fünf oder sechs Inszenierungen gespielt, die kann man irgendwann auswendig“, erklärt Shinkyung Kim. Einen Lieblingskomponisten hat die Koreanerin nicht: „Immer das, was auf dem Pult liegt“ ist ihr das Liebste. Auch Lampenfieber kennt sie nicht (mehr). „Der schönste Moment auf der Bühne ist immer kurz nach dem Konzert. Am Anfang hatte ich oft Herzrasen, heute habe ich Spaß und Freude bei einem Konzert. Ganz wichtig ist, dass man als Konzertmeisterin Ruhe ausstrahlt.“ - Ein Standing, das sie sich erarbeiten musste.

Die Liebe zur Klassik hat Shinkyung Kim von ihrer Mutter mit auf den Weg bekommen: „Meine Mutter war ein großer Klassikfan, sie hat alle erreichbaren Konzerte besucht.“ Drei Töchter hatte sie sich gewünscht, die zusammen ein Klaviertrio bilden sollte. Das hat nicht ganz geklappt. Die Schwester von Shinkyung Kim hat zwar Klavier gelernt, doch das Instrument irgendwann aufgegeben.

Mit vier, fünf Jahren hat Frau Kim mit dem Geigenspiel angefangen: „Ich war ein braves Mädchen. Als ich sieben war, hatte mir meine Mutter aufgetragen, so lange zu üben, bis sie vom Einkaufen zurück war. Sie hat mich aber dann vergessen. Als sie nach über einer Stunde zurück kam, spielte ich immer noch, unter Tränen zwar, aber ich hatte durchgehalten.“

Nach der Highschool in Korea riet ihr ein Professor („Ich war wohl nicht ganz talentlos“), für die weitere Ausbildung nach Deutschland zu gehen. So kam sie mit 17 Jahren in das „Land der klassischen Komponisten“. Die erste Zeit war hart: „Ich musste deutsch lernen, das war schwer. Ich musste in vielem von vorne anfangen, die Klassenkameraden waren alle viel weiter als ich. Ich hatte gar kein Selbstbewusstsein mehr.“

Doch dann wurde es allmählich besser. „Ich habe in Köln und Berlin studiert, habe das Studium geschafft und das Konzertexamen geschafft.“ Kim wollte in Deutschland belieben und Erfahrungen sammeln, doch für eine Karriere als Solistin war es zeitlich schon zu spät.

Den ersten Zeitvertrag als Musikerin bekam sie in Essen, 1995 folgte ein Aushilfsvertrag in Dortmund. „Das war sehr schwer, eine Einladung zum Vorspielen zu bekommen, mein Hausvater hat da ein bisschen geholfen.“

Ein bisschen Netzwerken schadet nicht als Musiker, erklärt Anneliese Schürer. „Können ersetzt das aber natürlich nicht. Stellen als Orchestermusiker sind unglaublich begehrt, es gibt immer sehr viele Bewerber.“ Die müssen vorspielen, zuerst gibt es eine Art ‚Blind Audition‘, die Musiker spielen hinter einem Vorhang. Bei einer Stelle für die Ersten Geigen trifft die  Instrumentengruppe anhand der Bewerbungen eine erste Vorauswahl, dann müssen die eingeladenen Musikerinnern oder Musiker dem Orchester vorgespielt werden – und das trifft letztendlich die Entscheidung, wer als Kollege aufgenommen wird.

Fast hundert Musiker spielen bei den Dortmunder Philharmoniker, manche Positionen wie der erste Konzertmeister sind doppelt besetzt, auch einen zweiten Konzertmeister gibt es. Die beiden Vorspieler unterstützen den Konzertmeister. Den Tag nach einem philharmonischen Konzert  bekommen die Musiker frei, ansonsten halten sie sich fast den ganzen Tag über im Theater auf: Vormittags sind Proben, die sind im obersten Stock des Theaters. Über das Dach geht es zurück in den Keller: Dort sind die Garderoben und Räume zum Einspielen und Stimmen der Instrumente. Durch einen niedrigen Gang geht es dann in den Orchestergraben.

„Musiker sind geradezu überpünktlich. Dass jemand zu spät kommt, ist außerordentlich selten“, erklärt Anneliese Schürer. „Ich bin immer eine Stunde vor den Aufführungen da“, ergänzt Shinkyung Kim. „Großes Verantwortungsbewusstsein, viel Disziplin und Pflichtbewusstsein, das braucht man als Orchestermusiker. Den Publikum kann man nichts vormachen.“ Diese hohen Maßstäbe legt Kim natürlich auch an sich selbst an.

Dortmund ist ihr längst mehr als eine zweite Heimat. „Ich lebe hier ja schon länger als in Korea.“ Doch viel Platz für Privates lässt ihr die Musik nicht: „Ich koche gerne koreanisch, arbeite in der Koreanischen Gemeinde mit.“ Daneben unterrrichtet sie noch Privatschüler und ist Professorin an der Musikhochschule in Düsseldorf. Außerdem spielt sie im Mannheimer Streichquartett. Größere Pläne verschiebt sie auf die Zeit nach ihrer Berufstätigkeit: „Wenn ich pensioniert bin, will ich Klavier spielen lernen.“ - Ihre Mutter wird es freuen.

Über Shinkyung Kim:
Shinkyung Kim wurde 1967 in Seoul, Südkorea geboren. Sie gewann mehrere 1. Preise bei nationalen Violinwettbewerben sowie 1983 den 1. Preis beim internationalen Kammermusikwettbewerb der Jeunesses-Musicales Aberdeen, Schottland mit ihrem Klaviertrio.
1985 ging sie nach Deutschland, um bei Prof. Igor Ozim in Köln (Diplom) und Prof. Thomas Zehetmair (Konzertexamen) in Berlin zu studieren. Seit 1998 ist Shinkyung Kim 1. Konzertmeisterin der Dortmunder Philharmoniker.
Seit 2001 ist Shinkyung Kim Mitglied des renommierten Mannheimer-Streichquartetts (MSQ). Als Mitglied des Mannheimer Streichquartetts nahm sie an zahlreichen CD-Gesamteinspielungen der Werke für Streichquartett von Bruch, Reger, Burgmüller (DG) Raff und Molique (cpo) und Radioproduktionen teil. Neben Konzerten in Deutschland und dem europäischen Ausland unternahm das Mannheimer-Streichquartett 2001 und 2002 Konzertreisen nach Korea sowie 2010 zu der deutschen Kulturwoche in China. Seit 2011 ist sie Dozentin an der Robert-Schumann Musikhochschule Düsseldorf.
Als Solistin trat Shinkyung Kim mit den Dortmunder Philharmonikern, dem Amadeus Kammerorchester, dem Sinfonie Orchester Berlin, der Ukrainischen Kammerphilharmonie, dem Seongnam Symphony Orchestra und dem Korean Symphony Orchestra in Germany auf. Auf Einladung des Seoul International Music Festival 2003 spielte sie die koreanische Uraufführung des concerto funebre für Solo-Violine und Orchester von Karl Amadeus Hartmann mit dem Korean Symphony Orchestra. Dieses Konzert wurde vom koreanischen Fernsehen aufgezeichnet.

Die Dortmunder Philharmoniker:
Die Dortmunder Philharmoniker sind eine Sparte des Theater Dortmund. Zu den musikalischen Aufgaben des Orchesters gehört es, zu den Vorstellungen von Oper und Ballett zu spielen. Darüber hinaus gibt es eine umfangreiche Konzerttätigkeit. Die Philharmonischen Konzerte sind und bleiben das Herzstück der Konzert-Saison: Große Klassiker und echte Perlen bilden spannende Programme, die an zweimal zehn Abenden das Publikum im Konzerthaus verzaubern. Dazu kommen Konzerte der Reihe "Wiener Klassik", Kammerkonzerte und ein umfassendes Angebot für Kinder und Jugendliche unter dem Titel "Expedition Klassik".
Infos und Tickets zu den Konzerten der Dortmunder Philharmoniker gibt es unter www.doklassik.de, an der Theaterkasse im Opernhaus oder unter Tel: 0231-50 27222.

Die nächsten Termine:

West Side Story, 18. + 19. 12., Opernhaus, 19.30 Uhr

Benefizkonzert „Stille Nacht - Heilige Nacht“, 24.12., Opernhaus, 14 Uhr

Neujahrskonzert; Alles Walzer, 1.1.2019, 15 + 19 Uhr

Öffentliche Probe zum 5. Philharmonischen Konzert, 14.1., Konzerthaus, 18.30 Uhr

5. Philharmonisches Konzert - Teurer Triumph, Konzerthaus, 15. + 16.1., 20 Uhr

2. Familienkonzert - Herr Buffo jagt den Notendieb, Konzerthaus, 20.1., 10.15 +
12 Uhr

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