Selbsthilfe
Selbsthilfegruppe für stark übergewichtige Menschen trifft sich am Klinikum

V.l.: Yusuf Keskin, Boguslava Nieslony, Anja Möller, Annette Kallenbach und Stefan Brokmann sind nur einige der Mitglieder der Selbsthilfegruppe am Klinikum Dortmund.
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  • V.l.: Yusuf Keskin, Boguslava Nieslony, Anja Möller, Annette Kallenbach und Stefan Brokmann sind nur einige der Mitglieder der Selbsthilfegruppe am Klinikum Dortmund.
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„Vor drei Jahren habe ich mit einer Crashdiät angefangen. Ich habe einfach nichts mehr gegessen. Nach zehn Monaten hatte ich 25 Kilo verloren. Nach weiteren sechs Monaten waren die wieder drauf. Plus zehn Kilo zusätzlich.“ Nicht eine junge Frau erzählt das, sondern Yusuf Keskin. Ein Mann mittleren Alters, von Beruf Taxifahrer. Lange hat er mit seinem Übergewicht gekämpft, wie seine Mitstreiter in der Adipositas-Selbsthilfegruppe am Dortmunder Klinikum.

Sie alle haben Erfahrungen mit Diäten und dem Jojo-Effekt, nicken zustimmend, als Yusuf erzählt. Bei allen war der Leidensdruck hoch: „Ich wollte aus meinem Taxi gar nicht mehr raus, konnte den Fahrgästen bei ihrem Gepäck nicht mehr helfen.“ Anja Möller erzählt: „Am schlimmsten war es immer in der Straßenbahn. Ich habe nicht einen, sondern zwei Sitzplätze gebraucht.“ Jede Bewegung fiel schwer, die Gelenke schmerzten. „ Kleidung zu kaufen war eine Herausforderung, jeden Tag stellte ich mir die Frage: Was kann ich anziehen?“Auch Stefan Brokmann war stark übergewichtig: „Eine Kilo-Portion Lasagne, Chips und Süßigkeiten beim Fernsehen abends, das war für mich normal.“

In der Adipositas-Selbsthilfegruppe treffen sie sich regelmäßig, rund vier Fünftel der Teilnehmer haben eine Operation zur Magenverkleinerung hinter sich. Die Selbsthilfegruppe hilft bei der ersten Orientierung. Ist die Gewichtsabnahme mit einer langfristigen Ernährungsumstellung plus körperlicher Bewegung möglich? Dann gibt die Gruppe die notwendigen Hilfestellungen. Oder bringt erst die OP die notwendige Reduktion?

„Die Ärzte hier achten sehr darauf, ob die Operation der richtige Schritt ist. Auch die Krankenkasse muss mitspielen, und bei der ärztlichen Begutachtung müssen andere Krankheiten und Ursachen für das Übergewicht wie Schilddrüsenkrankheiten oder weitere Hormo-Eerkrankungen ausgeschlossen werden“, erklärt Anja Möller.

Vor die Operation steht die verpflichtende Teilnahme an einem „multimodalen Konzept“:  Über sechs Monate muss man mindestens alle vier Wochen eine Ernährungsberatung machen. Vorgeschrieben sind auch mindestens 150 Minuten Sport in der Woche. Auch eine psychologische Beratung ist Pflicht. Erst dann ist eine Operation möglich, und die ist nicht von Pappe.

Bei der Operation, die im Klinikum, im Johannes-Hospital und im Dortmunder Knappschaftskrankenhaus durchgeführt wird, gibt es zwei Wege: Entweder wird ein Magen-Bypass gelegt oder es wird ein Schlauchmagen geformt. „Die OP ist das letzte Mittel, da muss man zu hundert Prozent dahinterstehen“, sagt Stefan Brokmann. „Mit der OP bekommt man die Krücken an die Hand, laufen muss man selber“, erzählt Annette Kallenbach. Ihre Operation liegt schon Jahre zurück.

Die Magenverkleinerung birgt gesundheitliche Risiken und lebenslange Nachwirkungen: Manche Patienten klagen über Haarausfall, zurückgehendes Zahnfleisch oder trockene Haut. Lebenslang müssen dem Körper zusätzlich Vitamine und Mineralien in hoher Dosierung zugeführt werden, die er über die Nahrung nicht mehr aufnehmen kann. „Man muss immer auf das eigene Verhalten achten, auch nach der OP, man muss sehr diszipliniert sein“, sagt Anja Möller.

Über all das können die Teilnehmer vertrauensvoll in der Gruppe sprechen. Am Klinikum in der Beurhausstraße trifft sie sich jeden zweiten Mittwoch im Monat um 19 Uhr in der Chirurgischen Bibliothek. Wegen des großen Zuspruchs gibt es seit Oktober 2017 eine zweite Gruppe am Klinikum Nord, jeden dritten Dienstag im Monat. Neben den Gesprächen innerhalb der Gruppe werden Fachvorträge von Ernährungsberatern, Ärzten oder Rechtsanwälten angeboten. Eine Voranmeldung ist nicht notwendig, die Teilnahme ist kostenlos. In der Gruppe gelten die Grundsätze: Jeder geht um seiner selbst willen in die Gruppe. Die Teilnahme ist freiwillig und eigenverantwortlich. Alles, was besprochen wird, bleibt in der Gruppe. Weitere Infos gibt es auf Facebook unter www.facebook.com/SHGDortmund/ oder unter der E-Mail SHGDortmund@gmail.com

Stefan Brokmann hat seine Krankengeschichte in einem Erfahrunsgbericht niedergeschrieben:

"Ich bin schon immer übergewichtig gewesen und kenne mich eigentlich auch gar nicht groß anders. In der Regel waren es bisher meist immer zwischen bis zu 30 Kg über dem sogenannten „Idealgewicht“. Aber bei jeder Diät, die ich probiert habe, und das waren nicht gerade wenige, ging der Verlauf ein wenig runter, aber dafür mehr rauf, das kennen sicher die meisten Betroffenen.

Die große Zunahme ist bei mir durch viele psychische Schicksalsschläge, falsches und zu vieles Essen und selbstverständlich auch zu wenig Bewegung gekommen. In einem Zeitraum von etwa vier Jahren habe ich dann etwa 50 Kilo zugenommen, danach ging es stetig weiter, bis ich dann letztendlich in einem Bereich um die 186,5 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,74 Metern lag und somit einen BMI von etwa 61,6 hatte. Schlafapnoe, hoher Blutdruck und massive Schmerzen in den Knien und Rücken beim Laufen, waren ein paar Begleiterkrankungen, die ich kennenlernen musste.

Dann habe ich begonnen, meine psychischen Probleme in den Griff zu bekommen, das heißt ich war von Januar bis März 2014 neun Wochen lang stationär in der psychosomatischen Klinik in Bochum, was mir wirklich sehr gut getan hatte und mich weit nach vorne gebracht hat. Im Anschluss habe ich versucht, mir einen ambulanten Therapieplatz suchen, um an die Erfolge des stationären Aufenthaltes und um auch die Probleme mit dem Übergewicht anzuknüpfen.

Es gab zwei große Schlüsselmomente in meinem Leben, die mich wachgerüttelt haben und letztendlich den umgangssprachlichen „Groschen fallen gelassen haben“. Der erste Moment war der Besuch meiner Zwillingstöchter. Ich konnte mit ihnen nichts machen, nach 50 bis 100 Meter Laufen brauchte ich mindestens 20 Minuten Pause, mal abgesehen von irgendwelchen anderen Aktivitäten. Der zweite Moment war der Besuch beim Lungenfacharzt, der mich wegen meiner Schlafapnoe behandelte und mir dann sagte, dass, wenn ich nichts ändere und alles so bleiben würde, ich maximal noch ein halbes Jahr leben würde und irgendwann einfach nachts aufhören würde zu atmen oder an meinem Gewicht ersticken würde.

Diese beiden Momente waren so heftig, dass ich für mich endlich einen Weg finden musste, aber dies erwies sich für mich nicht als einfach, da ich immer noch psychische Probleme hatte. Ich konnte nicht wirklich vor die Tür gehen, hatte mich mehr oder weniger sechs Jahre zu Hause eingeschlossen und hatte riesige Panik davor, nach draußen zu gehen (Agoraphobie, Soziophobie und Depressionen). So konnte es aber nicht weitergehen, eine Lösung musste her.

Ich habe mich vor dem Computer gesetzt und recherchiert, um mir Hilfe zu suchen. Bis dato hatte ich noch keinen Therapieplatz bekommen, war also auf mich allein gestellt. Irgendwann hatte ich was gelesen von Selbsthilfegruppen, aber dachte so für mich, „Ach so, Gruppengeheule und wieder viele Menschen, das bringt mir nichts“. Ein paar Tage vergingen und ich musste immer wieder an die SHG denken und kam zu dem Entschluss, es einfach mal zu versuchen. Ich nahm Kontakt zu der SHG Leitung auf und es war ein informatives und sehr nettes Gespräch, worauf ich auch eingeladen worden bin, einfach mal bei einem Treffen vorbei zu kommen.

Gesagt, getan, beim nächsten Treffen wollte ich meiner Angst trotzen und endlich aufstehen und kämpfen. Ich war so sehr nervös und hatte mit Atemproblemen zu kämpfen, mir schnürte es den Hals zu, ich hatte extremen Druck auf dem Brustkorb, fing an zu zittern und hatte Schweißausbrüche. Jeder der schon mal eine Panikattacke hatte, weiß wovon ich hier spreche. Aber ich wollte kämpfen, nicht mehr vermeiden und versuchte mich durchzubeißen. Als ich aber dann in den Raum kam und es so megavoll war, ging gar nichts mehr und ich musste raus da, wegrennen und flüchten. Die Enttäuschung über meine eigene Niederlage war, natürlich wie immer sehr groß. Irgendwie hatte ich dann von einer anderen SHG im Klinikum Mitte in Dortmund gehört, die noch näher ist und ich nahm auch dieses Mal Kontakt zu der Leitung der Selbsthilfegruppe auf. Ich bekam eine sehr nette Antwort und viel Verständnis von Ihr entgegengebracht, aber direkt zum SHG Treffen gehen??? Da meldete sich natürlich gleich wieder die Panik zu Wort und ich ließ das erste Treffen mit diversen Ausreden natürlich ausfallen.

Nach einigem Hin und Her mit mir selbst und diversen Nachrichten mit meiner SHG Leiterin, rang ich mich durch, doch zu dem Treffen zu gehen. Es war wirklich sehr angenehm in der SHG, die Leute waren sehr freundlich und hatten Verständnis für alle meine Probleme. Natürlich habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich geredet, sondern war erst mal ein Stiller Zuhörer. Auch die nächsten Treffen waren nicht wirklich anders. Aber ich fühlte mich wohl, aufgenommen und integriert.

Was ich an dieser Gruppe sehr gut finde, ist der entgegengebrachte Respekt, die Toleranz und das Verständnis für jeden einzelnen. In der Gruppe ist es egal, ob man mit Hilfe einer Operation seinen gemeinsamen Weg gehen möchte oder eher konventionell. Es sind alle herzlich willkommen und für jedes Thema ist was dabei. Ich habe mit dem MMK (Multimodalen Konzept) begonnen, mich immer weiter informiert und fühlte mich immer wohler in der Selbsthilfegruppe. Ich finde den Zusammenhalt besonders stark und die gegenseitige Unterstützung, egal welchen Weg man persönlich gehen möchte.

Ich bin persönlich der Meinung, egal wie sein eigener Weg ist, dass Multimodale Konzept als ein sehr gutes Konzept für jeden der Abnehmen möchte. Und jeder sollte das MMK machen müssen, solange es kein besonderer medizinischer Grund dagegen spricht. Meine gesamte Vorbereitungszeit, hat durch ein paar Problemen mit dem ersten Krankenhaus, sage und schreibe 1,5 Jahre gebraucht. Ich habe mir Gutachten von der LWL Klinik in Bochum geholt (Psychologisches Gutachten), vom Orthopäden, vom Gefäßchirurgen, vom Lungenfacharzt, Kardiologen und natürlich von meinem Hausarzt. Nachdem ich nach dieser langen Zeit dann, das Krankenhaus gewechselt habe, ging es alles so schnell auf einmal. Erstgespräch, Ärztebrief, Unterlagen persönlich bei meiner Krankenkasse abgegeben.

Vom Erstgespräch bis zur Abgabe meiner Unterlagen, dauerte es ca. 1-1,5 Wochen und dann nochmal in etwa 2 Wochen bis ich die Genehmigung bekommen habe. Mit der Genehmigung bin ich dann direkt wieder zu meinem Krankenhaus gegangen und wir haben einen Termin für ca. 2 Wochen später gemacht. Am 28.10.2015 wurde ich mit einem Gewicht von 186,5 Kg, bei einer Körpergröße von 1,74 Metern und einem BMI von ca. 61,6 dann operiert und bekam einem Schlauchmagen (gastric sleeve) und dort begann dann mein neues Leben in eine gesündere Zukunft.

Nach etwa fünf Tagen durfte ich das Krankenhaus wieder verlassen und alles war bei mir in Ordnung. Die Waage zeigte 19 Kilo weniger an und ich war mega glücklich über diesen Fortschritt. Seit ich aus dem Krankenhaus entlassen worden bin, hatte ich eine neue, bis dahin für mich seit Jahrzehnten unbekannte Sucht bekommen. Ich musste mich unbedingt immer wieder bewegen und spazieren gehen. Meine Überraschung war so extrem groß über diesen Unterschied, vor der OP ca. 100m am Stück bis nach der OP ca. 3 km am Stück.

Es gab keinerlei Worte dafür, wie glücklich ich zu diesem Zeitpunkt war. Die Strecken wurden immer mehr und mehr und das beinahe täglich. Zu Weihnachten hatte ich bereits ca 40 Kilogramm abgenommen in knappen 2 Monaten. Nach einem halben Jahr waren es dann sage und schreibe 60 Kg. Meine eigentlichen Ziele waren erstmal die 150 Kg zu erreichen und das eigentlich in einem halben Jahr und nun war zu dem Zeitpunkt schon bei 125kg.Kurz vor meinem Jahrestag habe ich sage und schreibe geschafft ein UHU (Unter Hundert) zu werden und ich habe geheult vor Freude. Das letzte Mal unter Hundert gewesen, war ich irgendwann das letzte Mal vor ca. 14 Jahren gewesen. Seit dem Oktober 2015 hat mein Leben sich komplett geändert und das nicht nur wegen des Gewichts. Ich habe dank meiner SHG und Therapie meine psychosomatischen Krankheiten in den Griff bekommen, habe einen nach achtjähriger Arbeitslosigkeit einen Arbeitsplatz bekommen und ich laufe 5-6 Mal in der Woche täglich zwischen 10 - 15 Km. Ein wirklich neues Leben was man auch 2.0 sagen kann und ich feiere sogar jetzt meinen zweiten Geburtstag. Derzeit liege ich bei 75,1 Kilogramm und habe einen BMI von 24,8, das ist ein Gewichtsverlust von 111,4 Kg.

Mein Fazit zu diesem Thema ist: Ich würde es jederzeit wieder machen und bereue eigentlich nur, dass ich das nicht früher gemacht habe. Die neu gewonnene Lebensqualität ist einfach nur der Hammer und ich möchte keine Sekunde davon mehr missen. Natürlich darf man nicht einfach denken, dass es ein Selbstläufer ist, denn das ist es definitiv nicht.

Es gehört eine Menge Einsatz, Disziplin, aber auch Tränen und Frust dazu, man muss sein Leben ändern, und das von Grund auf. Ebenso sollte man daran denken, dass es eine große OP ist und nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollte. Aber es ist eine Möglichkeit, diese schlimme Krankheit zu besiegen, aber auch nur wenn alles andere nicht mehr hilft. Auch wenn ihr denkt, eine SHG brauche ich nicht oder sowas, dem kann ich nur raten, besucht eine Selbsthilfegruppe, macht euch ein Bild davon und nehmt diese Möglichkeit auf alle Fälle wahr. Denn eine SHG kann einem so viel geben und das nicht nur im Bereich des eigentlichen Thema dieser Selbsthilfegruppe, in meinem Fall die Adipositas Selbsthilfegruppe im Klinikum Dortmund Mitte, sondern auch in vielen anderen Bereichen des Lebens und vor allem lernt man viele liebe Menschen kennen und es entstehen sogar Freundschaften.

Also ist eine SHG in jeglicher Hinsicht ein Gewinn für jeden. Seit 2014 bin ich in der Selbsthilfegruppe und gehe immer noch regelmäßig zu den Treffen, um meine Erfahrungen weiterzugeben und andere die genau an dem selben Punkt stehen, wie ich vor 5 Jahren Stand zu Helfen und zu unterstützen. Das ist auch die Grundlage der Selbsthilfegruppe. Hilfe zur Selbsthilfe, von Betroffenen für Betroffene. Natürlich sind in der Regel auch Verwandte und Freunde von Betroffene herzlich Willkommen und ebenso auch Interessierte. "

Autor:

Lokalkompass Dortmund-City aus Dortmund-City

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