Zuwanderung vor 100 Jahren
Marxloh Green, oder Was sich schickt

Dusburg-Marxloh, Kaiser-Friedrich-Straße

„Gelinlik“ steht da geschrieben, und da, „Gelinlik“, da wieder, „Gelinlik“. Man könnte denken, man sei in Gretna Green, wären nicht das Grau, der Regen, Spielsalons, Dönerschuppen, Shisha-Bars. „Gelinlik“ heißt „Brautkleid“, ganz Marxloh scheint von Brautkleidern zu leben, so viele Hochzeitsboutiquen hat es neben seinem schlechten Ruf. Sozialer Brennpunkt, sagt man, in der Dahlstraße säße die Zentrale der Balkan-Mafia, wird behauptet. Kakerlaken tanzen Quadrille auf den Dielen verwahrloster Wohnhäuser, die Polizei verzeichnet Massenschlägereien am helllichten Tag auf offener Straße, überall schimmern Frauenträume aus Tüll und Taft hinter Glas, aber jeder Dritte trägt da eine Knarre, da kann man nicht hin, nach Marxloh, das weiß jeder, was will man auch da?

„Da kannst du doch nicht einfach hinfahren“, das haben die Freundinnen der Hilde Gehre schon gesagt damals, die Pauline, die mit dem Alfred, die Gerda, die Frau vom Otto, die Irmtraud, die diesen Willy hatte. Alle waren schon unter der Haube, nur Hilde nicht, die Älteste von ihnen, 26 schon und immer noch unbemannt. So gut wie unberührt würde sie als alte Schachtel einmal sterben, heulte sie, als die Kaffeerunde ergebnislos alle Männeroptionen erörtert hatte. In ganz Goltzscha, in keinem anderen der winzigen Elbtaldörfer ringsum gab es noch eine gute Partie für Hilde. Dieser Herbert, der mit den Habichtaugen, Hilde hatte ihn einmal flüchtig auf der Straße wahrgenommen, der wäre in Frage gekommen, aber der hatte zu Hause keine Arbeit gefunden und war abgehauen, fort, in die Fremde, was für ein Unglück, so ein schöner Mann! Wo war der hin? Pauline machte Andeutungen, Hilde wollte es genauer wissen, aber die Mädchen sagten nur, viel zu weit weg, weit im Westen sei der, da fahre man tagelang durchs ganze Land mit der Eisenbahn. Hilde wollte es genauer wissen, wie heißt das da, was macht der da, habt ihr die Adresse? Sie wolle, sagte sie, diesem feschen Kerl einen schönen Brief schreiben. Einen Brief? Aber man schreibt doch einem Mann nicht einfach so einen Brief, einem Mann, einem fremden Mann! Sowas tut man doch nicht! Ein Mädchen, das weiß, was sich gehört, das schreibt doch nicht, wo gibt´s denn sowas!? Irmtraud fand die Adresse heraus, Hilde schrieb Herbert einen Brief. Sollten sie doch reden, die Pauline, die Irmtraud, die Gerda, pah, was Besseres als einen Alfred, einen Otto, einen Willy finde ich überall, dachte Hilde, sie legte dem Brief ein Foto von sich bei und schickte ihn in die rheinische Provinz. Herbert antwortete, er sandte ihr gleichfalls ein hübsches Portrait von sich und hatte eine ordentliche Schrift, kein Gekrakel, Herbert und Hilde wechselten Briefe. Bei jedem Treffen mit den Freundinnen erzählte Hilde, was für ein anständiger Mann das sei da in der Fremde, sie lauschte den Einwänden – „Schöne Worte machen kann ein jeder!“, „Das ist bestimmt nur so ein Gigolo!“, „Der will doch nur das Eine!“ – und verkündete nach ein paar Monaten fröhlich, ihr Erspartes reiche für ein Billet dritter Klasse, sie werde den Herbert besuchen. Aber… Aber… Die Freundinnen hielten viele „aber“ parat: Bei Tage schon könne man da vor lauter Dreck die Hand vor Augen nicht sehen, da in dem Westen! Dieser Herbert sei bestimmt ein Haderlump, um Himmels Willen, bleib zu Hause, Hilde, im schlimmsten Fall ist das ein Kuppler, da in dem rheinischen Schmutz, da sammelt sich doch nur der Pöbel, riefen die Freundinnen, du wirst dich heillos verlaufen in diesen großen Städten, wo es nur Staub und Dreck und schwarze Schlote gibt! Du wirst doch unser liebliches Sachsen nicht verlassen, du rennst in dein Verderben, das ist doch ungehörig, sowas, kein anständiges deutsches Mädchen läuft einem Mann hinterher, und überhaupt, wenn man „Hamburg“ schon hört, um Gottes Willen, Liebchen, was willst du denn da!? „Ham – born!“, korrigierte Hilde, „Es heißt Hamborn, und glaubt mir, ich weiß schon, was ich tu´ und was ich will, ich will auch mal Glück haben!“

Die Freundinnen hatten nicht übertrieben. Das rheinisch-westfälische Industriegebiet empfing Hilde sehr unfreundlich, an einem verregneten Tag im Spätsommer 1932 mit dunklen Wolken, die Pfützen waren tief und waren viele, überall qualmten hohe Schlote, die Luft roch nicht gut, am Bahnhof Hamborn stand ein völlig durchnässter Herbert, er führte Hilde mit ihrem kleinen Koffer in eine überfüllte Straßenbahn, die nach Marxloh fuhr. Der Ort war ein Tohuwabohu, Hilde hatte noch niemals so viele Menschen auf einem Fleck gesehen, es waren viele dunkle, ärmliche Gestalten darunter. Die größte Stadt, in der sie schon einmal gewesen war, war das alte Meißen, doch das war nicht halb so geschäftig, da herrschte nicht solches Geschrei wie hier, wo sich zwischen den finsteren Schatten von Hochöfen und Fördergerüsten Geschäfte, Gasthäuser, Theater und Kinos endlos aneinander reihten. In einer Seitenstraße bewohnte Herbert über der dritten Etage eine bescheidene Mansarde. Er hatte eine Anstellung in einem Bergwerk, das in den Ort hinein reichte, er wirkte sehr viel dünner als sich Hilde ihn vorgestellt hatte und obwohl er sehr müde war, war er doch ein echter, ein vollendeter Kavalier. Ein feiner, ein schöner Mann, schön wie seine Handschrift, wahrhaft wie seine Briefe, einer, bei dem sie sofort bleiben wollte. Und blieb. Die Leute redeten grundlos und zeigten mit dem Finger auf sie, solange sie da hausten, ohne Ringe an den Fingern, in Herberts Bude unterm Dach. Was für eine das denn sei, hieß es, man rief Herbert schamlose Dinge zu, wenn er mit Hilde durchs Treppenhaus stieg. Aber die Leute sollten schon sehen!

Ihre Hochzeit feierten sie bei Mukkefuk und Bienenstich im kleinsten Café am Platze. Hilde trug ein helles Sommerkleid, das sie selbst zum Brautkleid umgenäht hatte. Vier Kinder bekam sie von Herbert, sie zogen sie groß in einer engen Wohnung. Herbert fiel im Krieg, noch bevor das erste Kind in die Schule kam. Pauline, Gerda und Irmtraud beantworteten Hildes Briefe nicht. Marxloh war zerbombt, wo Hildes Wohnzimmerfenster gewesen waren, klaffte ein gigantisches Loch in der Fassade. Das hatte sie nun davon, einfach wegzugehen, dem erstbesten Kerl nachzurennen. Das alte Meißen war noch mehrheitlich heil, doch es war weit, weit weg wie ihr Dörfchen Goltzscha und es gab kein Zurück mehr. Was wollte sie nun noch hier in diesem verfluchten Rheinland, was hatte sie je hier gewollt?

Hilde blieb in der Familienwohnung, auch, als die Kinder aus dem Haus gingen, dicht bei den Marxloher Hochöfen und den bescheidenen Schrebergärten, die gleich darunter am Rand des Ortes lagen. Irmtraud hatte nie Briefe geschrieben, ihren Willy hatte eine Bombe in Stücke gerissen, es verschlug auch sie nach dem Krieg in den Kohlenpott. Irmtraud und Hilde saßen so manchen Wirtschaftswundernachmittag bei Kaffee und Likörchen zusammen, schmökerten in Modemagazinen, lasen einander die Gesellschaftskolumnen aus den Illustrierten vor. Sie sahen zu, wie aus ihren Kindern Blagen wurden, die ihre Groschen zum Büdchen trugen, aus ihren Töchtern junge Mädchen, für die sich – Irmtraud schickte Hilde strenge Blicke und las mit erhobenem Zeigefinger aus dem Blätterwald vor –, für die sich dies und das und jenes ebenso wenig schickte wie vormals für die Mädchen der Weimarer Zeit. Irmtraud schnappte regelmäßig nach Luft und nippte verstört am Mokkatässchen, wenn Hilde dann die Handflächen mit Wucht auf den Kaffeetisch schlug und über das Vorgetragene wieherte vor Lachen. „...sich schickt, sich schickt“, rief sie laut, „was sich schickt – also, so ein Blödsinn! Weißt du was, Traude, - ich, ich hab´ mich geschickt! Ich hab nicht drüber nachgedacht, ich hab mich selbst geschickt, hierher, die Adresse war genau richtig, ich hab den Herbert gefunden, den Herbert, was will ich mehr wissen!??“ Sie blickte Herberts altes Portrait an, jenes, das er von Marxloh nach Goltzscha geschickt hatte, es stand in einem Rahmen auf ihrer Musiktruhe. Hilde schloss lächelnd die Augen, lehnte sich zurück und fühlte ganz tief in sich einmal mehr, sie war gut angekommen.

Es riecht nicht mehr so streng im Rheinisch-Westfälischen Industriegebiet, in Marxloh. Wo einmal die Tagesanlagen des Bergwerks waren, treffen sich gläubige Moslems zum Gebet, wo Herbert die Hilde abholte, im Bahnhof Hamborn, feiern Türken heute Hochzeit, sie haben die Empfangshalle umgebaut. Man kommt sich hier, wie gesagt, manchmal vor wie in Gretna Green, Marxloh hat Brautmodengeschäfte, Herrenausstatter, Juweliere und einen ausgewiesenen Hochzeitssaal dazu. Wedding planner, Goldschmiede, Fotografen haben hier Hochkonjunktur, freilich fragt im Internetzeitalter kein Mensch mehr danach, ob die eine oder andere Verehelichung einmal mit einem Blind Date begann und der schlechte Ruf Marxlohs ist bei all dem „Gelinlik“, der Pracht blütenweißer Seiden, dem Lipglossstrahlen ungezählter Märchenprinzessinnen ganz bestimmt nur eine Chimäre, ein schlechtes Gerücht, unhaltbare üble Nachrede. Hilde Gehre starb mit 79 in ihrer Wohnung. In der Dahlstraße, wo heute die Gabors und Vladimirescus hausen, angeblich den ganzen Tag Messer wetzen und Wodka wie Wasser saufen. Ihre Blagen lungern gern vor der Trinkhalle mit dem schwungvollen Namen „Café Bukarest“ `rum, ihre Frauen und Töchter drücken sich oft die Nasen an den türkischen Hochzeits- und Abendmodenschaufenstern platt. Es kommen immer mehr von denen in der letzten Zeit, die Arbeitslosenquote des Ortes beträgt annähernd 23 Prozent und man fragt sich immerzu, sagt denen denn keiner, was sie hier erwartet, bevor sie herkommen, was suchen die denn, was wollen die nur hier?

Jens E. Gelbhaar 2019

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