Coronavirus stört auch Erinnerungsarbeit zum Kapp-Putsch
1920: Kapp-Lüttwitz Militärputsch , Generalstreik und Rote Ruhrarmee gehören ins kollektive Gedächtnis

Gräberfeld auf dem Nordfriedhof in Altenessen, auf dem auch eine Erinnerungstafel auf die dort beerdigten Arbeiter hinweist, die beim Kampf gegen die Freikorps- und Reichswehrbesetzung der Stadt Essen im April 1920 zu Tode gekommen sind. Die Namen der dort beerdigten Menschen sind leider nicht erhalten. Die Nationalsozialisten hatten nach ihrer Machtergreifung 1933 die entsprechenden Gräber eingeebnet  und vorherigen Hinweise aus der Amtszeit der Weimarer Republik zerstört.
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  • Gräberfeld auf dem Nordfriedhof in Altenessen, auf dem auch eine Erinnerungstafel auf die dort beerdigten Arbeiter hinweist, die beim Kampf gegen die Freikorps- und Reichswehrbesetzung der Stadt Essen im April 1920 zu Tode gekommen sind. Die Namen der dort beerdigten Menschen sind leider nicht erhalten. Die Nationalsozialisten hatten nach ihrer Machtergreifung 1933 die entsprechenden Gräber eingeebnet und vorherigen Hinweise aus der Amtszeit der Weimarer Republik zerstört.
  • Foto: Walter Wandtke
  • hochgeladen von Walter Wandtke

Erinnerungsarbeit 100 Jahre nach einem Militärputsch und Bürgerkrieg im Ruhrgebiet

Im Jahr 2020 bedroht vor allem das Coronavirus Leben und Gesundheit vieler Menschen im Ruhrgebiet. Vor 100 Jahren waren viele BürgerInnen sicher froh, zumindest die sogenannte „Spanische Grippe“ mit ihren Infektionswellen und den 1. Weltkrieg überlebt zu haben. Weltweit hatte die „Spanische Grippe“, mit weltweit mindestens 20 Millionen Toten mehr Menschen das Leben gekostet, als der 1918 zu Ende gebrachte 1. Weltkrieg.
Hier im Ruhrgebiet drohten aber insbesondere im Frühjahr 1920, knapp anderthalb Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs noch andere Gefahren, die durch einen rechten Militärputsch in Berlin ausgelöst wurden. Die Abwehrkämpfe von bewaffneten Arbeitertruppen im Ruhrgebiet, die sich nach dem Putschtag 13. März 1920 gegen die Söldner und Berufssoldaten der Freikorps organisiert hatten, forderten allein hier im Revier an die 1500 Tote.

Im ganzen damaligen deutschen Reich, der noch jungen Weimarer Republik, kostete der sogenannte Kapp-Lüttwitz-Putsch um die 2500 Menschenleben. Erinnerungsarbeit an diese Militäraktion vor 100 Jahren, die insgesamt hochgefährliche fehlende Loyalität der noch aus dem Kaiserreich übernommen Generalität gegenüber einer demokratisch gewählten Regierung, fiel in den vergangenen Monaten weitestgehend den Corona-Sicherheitsmaßnahmen zum Opfer. Geplante öffentliche Veranstaltungen z.B. des „Bildungswerks der Humanistischen Union NRW“ auch in Zusammenarbeit mit dem „Historischen Verein f. Stadt & Stift Essen“ oder mit dem „Ruhrmuseum“ mussten bis auf kleine Ausnahmen ausfallen. Ausführlichere Beiträge in Funk und Fernsehen oder Zeitschriften zum Thema "Kapp-Lüttwitz-Militärputsch" waren ebenfalls Fehlanzeige.
Zumindest die Anfang 2020 gestartete Webseite:  http://ruhrkampf1920.de
versucht diesem Vergessen bis heute entgegen zu wirken.

Hinweise auf geplante Veranstaltungen zum Thema „Ruhrkampf 1920“ und all seine Folgen, die jetzt im Frühjahr 2021 durchgeführt werden sollen, einführende Erläuterungen, Twitterverweise und Zugriffsmöglichkeiten auf verschiedene Audio-Interviews zum Thema sollen diese geschichtliche Leerstelle schließen. Mit Hinweisen auf z.T. auch ältere Zeitungsartikeln soll dem Vergessen dieses seit 100 Jahren wohl größten und umfangreichsten Arbeiteraufstands in Deutschland - nicht nur im Ruhrgebiet - begegnet werden.

Wolfgang Kapp – 3 Tage Reichskanzler in Berlin

Ein paar grundsätzliche Fakten zur brutalen Militäraktion vom März 1920:
Im März und April 1920 wurde die erste Deutsche Republik Opfer eines Militärputsches. Dieser Staatssstreich wurde ausgeführt, kurz bevor der Versailler-Vertrag in Kraft trat, mit dem die Siegermächte des 1. Weltkriegs das Deutsche Reich verpflichtet hatten, ihr gewaltiges Kriegsheer der Reichswehr auf „nur noch“ 100000 Mann unter Waffen abzurüsten. formierten. Jetzt marschierten entsprechende Militärelitetruppen in Berlin ein, um stattdessen die SPD-geführte Regierung unter Reichskanzler Bauer auszuschalten.
Dieser Kapp-Lüttwitz-Putsch genannte Umsturz-Versuch insbesondere rechtsradikaler Berufssoldaten, wurde insbesondere durch die von der Auflösung bedrohten „Freikorps“-Verbände getragen. Die dahinter stehenden republikfeindlichen Kräfte wollten mit diesem Militärschlag natürlich auch die erst knapp errungenen demokratischen Wahlfreiheiten und sozialen Rechte z.B. der Gewerkschaften in der jungen Weimarer Republik wieder aushebeln und durch eine besonders industriefreundliche aggressive Militärdiktatur ersetzen.

Regierung musste aus Berlin fliehen

Am 13. März 1920 hatten solche Freikorps das Berliner Regierungsviertel besetzen können. Der gewählte Regierung unter Reichskanzler Bauer (SPD) war knapp zuvor noch die Flucht nach Süddeutschland gelungen. Auch die regulären Reichswehr Truppen und deren Generalität (z.B. von Seeckt oder General von Watter) gewährten der Regierung keinen Schutz und sympathisierten heimlich bis offen mit den rechten Putschisten. Der selbsternannte Reichskanzler Wolfgang Kapp konnte sich zum Glück nur einige Tage in Berlin an der Macht halten.

Nur der Generalstreik hilft gegen den Putsch

Da auch andere Militäreinheiten und Generäle der Reichswehr der gewählten Regierung keinen Schutz bieten wollten, konnte im März 1920 nur ein bis heute für Deutschland einmaliger mehrere Tage andauernder Generalstreik die Putschisten im Berliner Regierungsviertel zur Aufgabe zwingen.
Der Widerstand der organisierten Arbeiter*innenschaft gegen den Militärputsch führte im Ruhrgebiet nach einigen Tagen auch zur Bildung einer "Roten Ruhr Armee".
Nach erfolgreichen Gefechten gegen die putschistischen Freikorpsverbände, die insbesondere mit Militärzügen aus Münster und anderen Orten das Ruhrgebiet besetzen sollten, war nach wenigen Tagen das gesamte Ruhrgebiet unter Kontrolle der organisierten Arbeiterschaft aus SPD, USPD und KPD.
Die noch aus dem Kaiserreich stammende Herangehensweise, wegen einer sonst möglichen „Fraternisierung“ mit der Arbeiterschaft, dort weitestgehend auf dauerhaft stationierte Truppen zu verzichten, half in diesem Fall, dass die Putschisten das Ruhrgebiet erst einmal nicht unter Kontrolle brachten.

SPD-Regierung ordnet Militärbesetzung des Ruhrgebiets an

Schnell konnte diese „Rote Ruhr Armee“ aus bewaffneter Arbeiterschaft weite Teile des Ruhrgebiets kontrollieren und auch in bestimmten Bereichen eigenständig verwalten. Diese „Rote Ruhr Armee“ löste sich auch nach der Niederschlagung des Putsches nicht sofort auf, sondern stellte ihrerseits weitergehende soziale Forderungen an die nunmehr an die Macht zurückgekehrte legale Regierung. Verhandlungen mit dieser Regierung in einem „Bielefelder Abkommen“ scheitern aber. Ausgerechnet die vorher vom Militär weggeputschte gewählte Regierung mit dem Reichswehrminister Noske (SPD) setzt sofort wieder auf militärische Intervention gegen die Arbeiter und schickte - ausgerechnet - Freikorpsverbände ins Ruhrgebiet.
Die brutalen Kämpfe gingen nun unter neuen Vorzeichen bis zur Kapitulation der Roten Ruhr Armee im April 1920 weiter und mündeten anschließend im sog. „weißen Terror“, dem auch viele Vertreter*innen der Arbeiter*innenschaft zum Opfer fielen.
Insgesamt sind im Ruhrgebiet ca. 1.500 zum Teil grausam zugerichtete Tote zu beklagen, davon auch viele Frauen und Zivilisten. Viele dieser Opfer wurde standrechtlich von Freikorps ohne wirkliche Rechtsgrundlage verurteilt und noch viele Tage nach Ende der eigentlichen Kämpfe zu Tode gebracht.
Zum 100. Jahrestag und erst recht unter Pandemie-Bedingungen sind diese Ereignisse weitgehend vergessen. Historische Ereignisorte und inszenierte Erinnerungsorte wie das nationalsozialistische "Ruhrkämpfer Ehrenmal" in Steele-Horst „erzählen“ nicht einfach nur über die realen – oder vermeintlichen – Ereignisse. Diese verbliebenen Gedenkorte sind immer auch ein Gradmesser für den Stellenwert, den bestimmte gesellschaftliche Gruppen der Erinnerung an das Geschehene beimessen.
Die Webseite ruhrkampf1920.de ist einer der Versuche, hier ein Gegengewicht positiver Erinnerungskultur gegen militarisierte Politik und undemokratische Machtstrukturen aufzubauen. Viel Vergnügen beim Stöbern und Nachlesen, welche Veranstaltungen in 2021 trotz Corona-Pandemie hygienetechnisch noch möglich sind.

Autor:

Walter Wandtke aus Essen-Nord

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