Eine Rezension von Stefan Sprang
Die "unkleistsche" Marquise von O....

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Eine junge Frau wird vergewaltigt. Sie erinnert sich an nichts mehr, weiß erst recht nicht, wer der Täter sein könnte: Ist es der Schock gewesen, der diese Lücke gerissen hat? Sind es K.O.-Tropfen? Die junge Frau, Julietta, wird schwanger. Eine Abtreibung kommt nicht in Frage. Aber klar ist auch: Ein Leben als Alleinerziehende und überhaupt so ein Schicksal, das bedeutet auch 2018 immer noch moralische Stigmatisierung und – allein mit einem Kind - fast zwangsläufig eine Existenz am Rand der Gesellschaft. Wie absolut gegenwärtig Kleists mehr als 200 Jahr alte Novelle über die missbrauchte „Marquise von O.“ immer noch ist, das beweist das „Theater Essen-Süd“ mit einer so enorm leidenschaftlichen Inszenierung in der so präzisen wie sensiblen Regie von Moritz Mittelberg-Kind.

Mit „Action“ und vollem körperlichem Einsatz der drei Schauspieler beginnt der Abend. Der Kampf um eine Festung, die Marquise (Aless Wiesemann) in höchster Gefahr, wird „gerettet“ vom Grafen (Raphael Batzik), einem Offizier der Angreifer. Ihr Vater, der Kommandant der Festung (Thilo Matschke) ist als Besiegter in höchster Sorge. An seiner Kleidung, einem Anzug sehen wir sofort: Wir sind (auch) im Hier und Jetzt 2018. Und das passt: Ebenso wie alle anderen Momente der klugen Aktualisierung sich passgenau fügen, gerade weil sie auch Kleists Duktus aufbrechen und für witzige Momente sorgen in der Story. Die Sprache der Novelle ist kunstvoll, die Satzbauten des Autors sind gerne mal atemberaubend komplexe Architekturen. Faszinierend zu lesen, verdammt schwer zu sprechen! Umso mehr Respekt für die Leistung der drei Schauspieler, den Text so natürlich und selbstverständlich über die Rampe zu bringen. Überhaupt ist die Performance des agierenden Trios wirklich beeindruckend, denn alle leuchten die vielen Facetten ihre Figuren bis tief in die Seelen aus.

Da ist der Kommandant, der Vater der Marquise. Mal ist Thilo Matschke der leise, geradezu unterwürfige Mann, der froh ist über die Rettung seiner Tochter und der sich nun dem überraschenden Heiratsantrag des Grafen gegenüber sieht, aber nichts überstürzen mag und doch alles zu gewinnen hofft. Will er einerseits das Beste für seine Tochter (und natürlich auch sich selbst), sieht er andererseits ob der Schwangerschaft die Ehre der Familie zerstört – und rastet aus. Um später wiederum seiner Tochter zu verzeihen – und sich ihr in schon fast inzestuöser Weise an den Hals zu werfen in einer Szene, die einen packt in ihrer Tragik aber auch Komik.

Raphael Batzik ist ein Draufgänger, ein feinnerviger Macho, der geplagt vom schlechten Gewissen (aber auch von Leidenschaft und der Hoffnung auf Besitz der schönen Frau befeuert) den Ehrenmann geben will, der immer intensiver wird in seinem Werben. Gleichzeitig lässt uns Batzik aber auch spüren, wie sein Graf immer verzweifelter wird, weil nicht alles läuft, wie es doch seiner Vorstellung nach müsste. Und er ist der Typ, der am Ende, ohne zu viel zu spoilern, mächtig einstecken muss.

Im Mittelpunkt natürlich die Marquise. Aless Wiesemann ist für das Publikum mal die genervte Tochter, die sozusagen mit dem Fuß aufstampft, wenn sie eingekesselt ist von Papa und Verehrer und zur Verhandlungsmasse der Männer wird. Sie ist aber auch die Träumerin, die sich wie eine Umnachtete mitten im Publikum das Leben ausmalt mit ihrer Familie. Dann sehen wir sie vorne an der Bühne wie eine Julietta 2018, die feststellt: „Scheiße, ich bin schwanger.“ Sie ist das Opfer und die Enttäuschte, der die Hoffnungen erst mal zerbrechen (weil der vermeintliche Engel sich dann eben doch als männlicher Teufel entpuppt), bis dass die Tränen voll und ganz wahrhaftig fließen. Und sie ist die selbstbewusste Frau, die ihr Schicksal letztlich in die eigene Hand nimmt – um am Ende, ohne zu viel zu spoilern, mächtig auszuteilen. So physisch, wie der Abend begonnen hat, so endet er auch – mit erheblich dominant-erotischem Einschlag. Allein das überraschende „unkleistsche“ Finale ist großartig. Und wenn Kleist seine Sprache manchmal bis an die Grenzen des Sagbaren getrieben hat, so bringt der Regisseur viele Szenen in den anderthalb Stunden an die Grenzen des Aushaltbaren – dann kann sich, das spürt man um sich herum, das Publikum nicht entziehen: Ob der inneren Spannung zwischen den Figuren, die scheinbar unter dem Deckel gehalten, durch die Präsenz der Darsteller aber geradezu zum Himmel schreit, aber auch ob der emotionalen Eruptionen, die einen durchschütteln, wenn man nicht damit rechnet. Das ist Theater vom Feinsten, da braucht es nicht viele Requisiten und aufwendige Bühnenbilder oder stimmungsvolle Musik. Da braucht es nur die Nähe zu drei Schauspielern, die sich im besten Sinne die Seele aus dem Leib spielen. Das ist einfach allerbeste Werbung für eine Kunstform, die einem auf die Pelle rückt und mehr noch: unter die Haut geht in Zeiten, in denen das sogenannte Leben ja immer mehr und mehr nur noch auf Bildschirmen stattfindet. Und diese klassisch-moderne „Marquise von O.“ aus echtem Fleisch und Blut ist vor allem auch das: Allerbeste Werbung für das „Theater Essen-Süd“, sein Ensemble und seine Macherinnen und Macher.

Eine Rezension von Stefan Sprang

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