„Ihr seid uns unvergessen“

Gunter Demnig verlegt seine Stolpersteine eigenhändig. 
Foto: Henschke
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Auch Werdener Sozialdemokraten fielen dem Nazi-Regime zum Opfer

Die Essener SPD erinnert aus Anlass ihres 125-jährigen Jubiläums auch in Werden an sozialdemokratische Opfer des Nazi-Regimes. Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine.

Essens SPD-Vorsitzender Thomas Kutschaty gedenkt Peter Burggraf und Franz Voutta stellvertretend für alle, die ihr mutiges Handeln mit dem Tode bezahlen mussten. Der Landtagsabgeordnete verneigt sich „demütig und dankbar vor Eurer Überzeugung“. Ebenfalls sichtlich bewegt erinnert SPD-Ortsvereinsvorsitzender Peter Allmang an diese zwei Genossen, die von den Nationalsozialisten umgebracht wurden. Er berichtet von Leben und Wirken, aber auch vom Ende dieser standhaften Werdener Sozialdemokraten: „Ihr Tod sollte uns mahnen, immer dafür einzutreten, dass es zu solchen Entwicklungen nicht mehr kommen kann.“
Stolpersteine sind in Handarbeit produzierte Messingblöcke und sollen den Opfern des Hitler-Regimes ihren Namen zurückzugeben. Der Künstler verlegt sie ganz bewusst vor dem letzten selbstgewählten Wohnort der Deportierten und Ermordeten. Sein Ansatz: Die Opfer wurden direkt aus ihrem gesellschaftlichen Umfeld gerissen. Das muss man bemerkt haben. Keiner hat von den Untaten der Nazis gewusst? Diese Ausrede vieler Zeitgenossen wird durch die Stolpersteine entlarvt. An drei Stellen wurden in Werden bereits im Gedenken an von Nazis ermordeten Juden Stolpersteine in das Pflaster eingelassen: 2004 auf dem Schulhof an der Grafenstraße sowie 2010 an Bungertstraße und Wigstraße.

Die Mörder warteten schon

Am Klemensborn 127 geht alles ganz schnell: Zwei städtische Arbeiter lockern eine Gehwegplatte, der Künstler lässt die Stolpersteine ins Pflaster ein. Hier lebte Peter Burggraf. Der Bergmann wurde am 27. August 1887 in Werden geboren, war ab 1924 Mitglied der SPD und wehrte sich gegen den braunen Fanatismus. Das kostete ihn das Leben. Sein gewaltsamer Tod ist zugleich das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Ludgerusschule: Der freiwillige Arbeitsdienst war in die Schule übergesiedelt und hatte ihr den Namen „Adolf-Hitler-Kaserne“ gegeben. Am Abend des 15. Juli 1933 war Burggraf mit seinem Bruder Johann unterwegs auf dem Heimweg, als in der Kellerstraße Passanten von grölenden „Werksoldaten Hitlers“ mit Gegenständen beworfen wurden. Burggraf empörte sich und ging in das Haus, um seine Beschwerde vorzutragen. Dort warteten schon seine Mörder. Oberlagerführer Georg Fabry verprügelte ihn bis zur Bewusstlosigkeit, der standhafte Sozialdemokrat wurde schwer misshandelt. Im Keller der Schule lag Burggraf unversorgt, bis Nachbarn ihn ins Krankenhaus brachten. Zu spät, der Vater von acht Kindern starb am 17. Juli an seinen schrecklichen Verletzungen. Seine Witwe bekam die zynische Auskunft, die Schuld eines Dritten am Tod ihres Gatten sei nicht feststellbar. An der Schule erinnert heute eine Tafel an Peter Burggraf.

Die rote Nelke im Knopfloch

Der am 20. Januar 1876 in Ostpreußen geborene Schreiner Franz Voutta kam in das damals noch selbständige Städtchen Werden und heiratete 1906 seine Helene, mit ihr hatte er drei Kinder. Voutta setzte sich schon während des Kapp-Putsches und der nachfolgenden französischen Besatzungszeit engagiert für sozialdemokratische Werte ein, gehörte nach der Machtergreifung einer Widerstandsgruppe an. Verbotene Flugblätter wurden verteilt, die von den so genannten „Brotfahrern“ der Bäckerei Germania in Duisburg geliefert wurden. Auf dem Pastoratsberg wurden illegale Erste-Mai-Feiern abgehalten. Am 1. Mai 1935 kamen über 50 Sozialdemokraten zusammen, die rote Nelke im Knopfloch war ihr Erkennungszeichen. Sie waren aber verraten worden, die Geheime Staatspolizei stürmte die Versammlung, alle wurden verhaftet. Parallel wurden weitere Widerstandsnester ausgehoben. Kurz vor den Olympischen Spielen in Berlin wurde vor dem Strafsenat des OLG Hamm 600 Angeklagten der Prozess gemacht. Auf der langen Liste der Verurteilten fehlte Voutta jedoch. Er war in Untersuchungshaft derart brutal gefoltert worden, dass er am 17. Juli 1936 in den städtischen Krankenanstalten Düsseldorf seinen Verletzungen erlag. Auf dem Bergfriedhof gibt es eine Legationsgrabstätte für Franz Voutta, deren Pflege 1946 für gleich 50 Jahre bezahlt wurde. Von wem? Inzwischen wurde der völlig zugewucherte Stein wieder freigeschnitten, die SPD hatte dafür gesorgt.

Autor:

Daniel Henschke aus Essen-Werden

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