„Denkmaleigenschaft ist nicht mehr gegeben“

Das Jugendstilhaus hat mit dem Schmuckerker auch sein „Gesicht“ verloren. 
Foto: Henschke
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Der nun begonnene Abriss des Kaiser-Friedrich-Hauses bewegt die Werdener

Das Kaiser-Friedrich-Haus am Rondell der Forstmannstraße soll abgerissen werden. Als Startschuss wurden nun die alten Bäume gefällt und die Fassade zerstört.

Viele Werdener sind wie vor den Kopf geschlagen. Vor genau einem Jahr hatten die alarmierten Anwohnerinnen Teresa Groner und Barbara Vlijt Unterschriften gegen den Abriss gesammelt. Innerhalb kürzester Zeit füllten sich die Listen. Dann erfuhren die Werdener mit Erleichterung und Freude, dass nun zumindest die Fassade des Jugendstilhauses doch unter Denkmalschutz gestellt werden solle. Damit war dem Widerstand der Wind aus den Segeln genommen. Doch bald tauchte in vielen Gesprächen eine gewisse Skepsis auf. Ein kleines Wörtchen schuf Unbehagen. Was meinte das Denkmalamt in diesem Zusammenhang eigentlich mit „vorläufiger“ Unterschutzstellung? Das sollte eine schriftliche Anfrage klären, doch Groner und Vlijt bekamen keine Antwort: „Dies halten wir uns gegenüber für respektlos.“

„Das Verfahren ist abgeschlossen“

Nun hob die Denkmalbehörde den nur temporären Schutz auf und die Abrissbewilligung trat in Kraft. Da es augenscheinliche Hinweise auf Bauschäden gegeben habe, hätte der Eigentümer Gutachten beauftragt: „Die belegten Schäden an den Fassaden und dem Dach sind umfangreich. Dies ist auch begründet durch sehr lang zurückliegende Instandhaltungsrückstände.“ Das Amt kam zu dem Ergebnis: „Wenn zu erwarten ist, dass der Verlust der originalen Bausubstanz 70 Prozent beträgt, verliert die Fassade ihre Identität als Baudenkmal und die Denkmaleigenschaft ist nicht mehr gegeben. Deshalb wurde dem Abrissantrag stattgegeben. Das Verfahren ist abgeschlossen.“
Übrigens sah das Rheinische Denkmalamt nach einer Begehung des Hauses das anders: Die Denkmalwürdigkeit sei sehr wohl gegeben, auch gebe es keine nicht behebbaren Schäden. Doch die Stadtverwaltung ließ sich nicht beirren: „Unsere Aufgabe ist die Bewahrung des kulturellen Erbes in unserer Stadt. Auch für uns ist jeder Verlust eines Denkmals außerordentlich bedauerlich.“ Versöhnlich klang die Stellungnahme aus: „Das große Engagement, das von der Bürgerschaft und allen Beteiligten für den Erhalt des Gebäudes entgegengebracht wurde, ist bemerkenswert.“ Doch die kritischen Fragen eben dieser so gelobten Bürgerschaft häuften sich: Warum gab es nur ein vom Eigentümer in Auftrag gegebenes Abrissgutachten und kein unabhängiges Zweitgutachten?“ Warum wurde vor wenigen Jahren die komplette untere Forstmannstraße unter Denkmal gestellt, das älteste und imposanteste Hauses am Platz aber nicht? Zumal es mit Rondell und Kaiser-Standbild sogar noch den optischen Abschluss der Straße bildete?

„Mahnmal gegen die Zerstörung historischer Bausubstanz“

Die Fällung der alten Bäume und der Abriss der Fassade wurden von vielen Werdenern und einer spontanen Gegendemonstration begleitet. BAL-Ratsherr Marco Trauten war vor Ort. Als der Bagger den Schmuckerker abriss, wurden natürlich auch die für die Bauzeit typischen Atlasfiguren, die den Erker trugen, zerstört. Allerdings nicht gänzlich: Während der bärtige Atlant in zig Einzelteile zerbrach, blieb sein „Kollege“ an einem Moniereisen hängen und prallte nicht auf den Boden. Der ausgebildete Restaurator Trauten rettete den in vier Teile zerbrochenen Atlanten mit Hilfe der Mitarbeiter des Abbruchunternehmens und des Baggerfahrers. Nun möchte der Ratsherr dieses Fassadenelement wiederherstellen und als „Mahnmal gegen die Zerstörung historischer Bausubstanz“ verwenden. Auch für Teresa Groner und Barbara Vlijt ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Sie wandten sich an Oberbürgermeister Thomas Kufen und legten Dienstaufsichtsbeschwerde ein: „Wir möchten Sie bitten, das Ganze weniger als Affront zu betrachten, sondern vielmehr als Ausdruck unserer tiefen Ratlosigkeit im Umgang mit dieser Behörde. Selbstverständlich sind wir weiterhin auch im Hinblick auf die Gestaltung der Fassade des nun notwendig werdenden Neubaus zu einer konstruktiven, verlässlichen und auf Augenhöhe erfolgenden Kooperation bereit.“ Immerhin, die beiden Werdenerinnen wurden eingeladen, haben einen Termin mit OB Kufen in seiner Bürgersprechstunde am 9. Januar.

Gründerzeitgebäude

In Werden gibt es durchaus noch weitere Gebäude, die auf der Kippe stehen. An der Bismarckstraße, heute Wesselswerth, entwickelte sich am Ende des 19. Jahrhunderts ein Verwaltungszentrum für die aufstrebende Industriestadt Werden. Hier finden sich unter anderem die 1879 im klassizistischen Stil erbaute Post mit ihrem markanten Turm, das Amtsgericht sowie die 1902 erbaute Nebenstelle der Reichsbank. Nun wies Nachbarin Ela Hazebrouck darauf hin, dass die alte Gaststätte Jansen gefährdet sei: „Obwohl dieses Gründerzeitgebäude zum Gesamtbild dieser Straße beiträgt, muss auch hierfür bereits eine Abrissgenehmigung vorliegen.“ Hazebrouck schrieb einen Brief an die Denkmalbehörde, in der Hoffnung, dass nicht abgerissen wird: „Aber die Antwort lautete nur, dass die Stadt nicht jedes Haus erhalten könne, auch wenn es alt sei und schützenswert erscheine.“

Das Jugendstilhaus hat mit dem Schmuckerker auch sein „Gesicht“ verloren. 
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Zumindest einer der beiden Atlanten konnte gerettet werden. 
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