Auf ein Tee bei Puschkin

Die deutsch-russische Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja entführt die Leser  zu Tisch bei Genies.
 
von Roman Dell
Hätten Sie vielleicht Lust auf ein Tee bei Puschkin? Oder die kalte Sauerrahmsuppe- Okroschka, auf dem Landesgut von Tolstojs?  Das und mehr können Sie gerne haben. Dazu  brauchen Sie nur das neuste Buch von Tatjana Kuschtewskaja zu lesen. In ihrem jüngsten Werk „ Zu Tisch bei Genies.“ (Gruppello- Verlag 2014. ISBN 978-3-89978-208-0)  nimmt die erfolgreiche deutsch-russische Schriftstellerin aus Essen die Leser auf eine lange Reise mit den großen Stars der russischen Literatur, (von Zarenrussland bis zur Sowjetzeit), quer durch die russische Küche und Geschichte.
Dabei ist Zu Tisch bei Genies ein ganz besonderes Lesebuch. Es vereint Gastronomie, Literatur und Geschichte. Denn, neben den Berichten über die Gourmetspeisen der Großen der Großen und Lieblingsgerichten ihrer Protagonisten, enthält das Buch auch 230 alte russische Rezepte, für die die Autorin (wie immer), akribisch in den Archiven und historischen Nachschlagwerken recherchiert hat.  So viel Einsatz muss sein. Tatjana Kuschtewskaja ist gründlich, in allem was sie tut. Dabei bleibt der wissbegierige Leser 224 Seiten lang in bester und feinster Gesellschaft. Nicht nur die alten Großmeister und Klassiker wie  Tolstoj, Dostojewski  oder Lermontow gewähren dem Leser den Einblick in ihre Teller und Töpfe. Auch die sowjetischen Schriftsteller und Autoren der Moderne sind ebenfalls reichlich vertreten und willkommen. Tschingis Aitmnatow, Michail Scholochow, Andrei Platonov, Alexander Solchenyzin, Valentin Rasputin und Viktor Pelevin lassen Sie jederzeit zu Tisch bitten.
Privat ist die 1947 in der Sowjetunion geborene Schriftstellerin Tatjana Kuschtewskaja, ein Paradebeispiel für einen Menschen, der bereits ein tausend Leben gelebt hat.  So lautete auch der Titel ihres ersten Buches, „Ich lebte tausend Leben“ (Velbert Verlag 1997) der auf das eigene Leben seiner Verfasserin genauso gut passt, sieh nur ihr Lebenslauf. Geboren in der turkmenischen Oase Dargan-Ata ( eine ehemalige Sowjetrepublik in Mittelasien), verbrachte sie Ihre Kindheit in der sonnigen Ukraine, arbeitete in Sibirien als Musikpädagogin und hatte von 1983 bis 1991 in Moskau, an  der WGIK- Gerasimov Institut für Kinematografie und berühmte Talentschmiede der russischen Filmindustrie, an der Fakultät Drehbuch für Dokumentarfilm als Dozentin unterrichtet, bevor sie nach Deutschland, der Liebe wegen, zu ihrem Lebensgefährten ging und ihre Literaturkarriere hier begann. Ihr bisheriges  Leben in ein Paar Worten.
Tatjana Kuschtewskaja ist eine Star-Autorin. Das wird einem sofort bewusst, sobald sie über ihre Arbeit und Bücher spricht und darin die Begegnungen mit dem deutschen Schriftsteller und Filmregisseur Alexander Klüge und Elisabeth Borgese- der Tochter von Thomas Mann aber auch ihre persönliche Eindrücke und Bewunderung  über letzte Liebe von Boris Pasternak- die Lara- eigentlich Olga Iwinskaja,  oder ihr  Briefaustausch mit Leo Kopelew schildert. Aber sie benimmt sich nicht wie eine, die in der Top-Liga zu Hause ist. Diese Frau ist bodenständig. Sie lebt mitten unter uns und strahlt Wärme und Offenheit aus. Sie hat diese angenehme bescheidene Art einer russischen Intellektuellen, die  die wildfremden Menschen  mit den Worten  Liebe Freunde empfängt, aber so offen, warmherzig und aufrichtig, dass sie in ihrem Mund nicht mehr wie übliche Höflichkeitsfloskeln klingen, sondern tatsächlich ein Spiegelbild ihre wahrer Gefühle und Wahrnehmung sind.
Ihre Dokumentarprosa ist auch in diesem Buch eine schöne und flüssige Sprache voller Vielfalt, Farbe und Musik. Tatjana Kuschtewskaja  beherrscht die schwere Kunst enzyklopädisch präzise Geschichtsangaben und historische Fakten  in vollkommene und lebendige Worte zu verkleiden, (sie in einen musikalischen Klang zu verwandeln dem man wie dem Strom eines sprudelnden Flusses wie in Trance folgt), nahezu perfekt. Dabei ähnelt sie einem klassischen  Geschichteerzähler aus den Märchen der 1001 Nacht, der vor den neugierigen Zuschauer ein bunter Flickteppich aus Fabeln und Erzählungen ausbreitet, sein tägliches Brot und sein einziger  Schatz,  bei dem eine Geschichte wie ein kunstvolles Ornament  auf die andere folgt, und so weiter und so weiter, das man am Ende jedes Zeitgefühl und sich selbst in ihren Zeilen verliert. Selbst wenn man über solche  prosaische und alltägliche Dinge wie Essen und Trinken berichtet. Tatjana  Kuschtewskaja kennt sich auf diesem Gebiet bestens aus. Kwas, Sakuski, Bortsch. In ihrem Buch findet der Leser alles was eine russische Seele traditionell liebt und begehrt. Knurrt bei Ihnen jetzt auch schon im  Magen? Mich hatte der Streifzug durch die russische Küche mit der Essener-Autorin Tatjana Kuschtewskaja jedenfalls sehr neugierig gemacht. Und hungrig, hungrig natürlich auch. Höchste Zeit um Pelemni* zu kochen.
( *Teigtaschen mit Fleischfüllung)
 
Roman Dell
11.09.2014
 
 

Autor:

Bronislava Yermak aus Gelsenkirchen

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