725 Jahre Stadt Haltern (3): Von Haltern an den Rand der Welt

725 Jahre Haltern, 25 Jahre Stadtspiegel Haltern: Unter diesem Logo finden Sie unsere Sonderseiten in den aktuellen Ausgaben des Stadtspiegels. Grafik: Borgwardt
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In diesem Jahr feiert Haltern ein kleines Jubiläum: Vor 725 Jahren verlieh der Bischof von Münster, Everhard von Diest, der kleinen westfälischen Gemeinde die niederen Stadtrechte und die Erlaubnis, eine Mauer zu bauen. Im Sommer wird Haltern an diese Erhebung mit einer großen Feier erinnern. Wir tun dies schon jetzt: Eine Sonderserie im Stadtspiegel wird einige der wichtigsten Stationen in der langen Geschichte der Stadt beleuchten. Im dritten Teil unserer Serie geht es um den Handel, der die Lippestadt mit der Welt verband.

Wie die Lippe riecht, weiß Johann Trage nicht mehr so genau. Zu lange ist es her, dass er in seiner Heimat gewesen war. Es scheint eine Ewigkeit her zu sein, seitdem der Kaufmann das kleine Haltern hinter sich gelassen hat. Wenn er jetzt aus seiner Tür tritt, ist er in einer anderen Welt, einer der größten Städte Europas. Über den Backsteinhäusern Lübecks kreischen die Möwen, der Geruch von Pech und Seefisch weht von den Anlegestellen an der Trave herüber. Die Sonne scheint Johann Trage warm ins Gesicht, heute, am 12. Mai des Jahres 1419.

Der Kaufmann denkt an das Meer, an den Norden, und in letzter Zeit auch wieder viel an seine Heimat. Wie es dort jetzt wohl aussieht? Ob er Haltern je wieder betreten wird? Johanns Hand spannt sich um ein gerolltes Schritftstück, während er seine Schritte zum Rathaus lenkt. Er hat etwas zu hinterlegen, für alle Fälle. Falls er auf dem Weg an den Rand der Welt sterben sollte, will er nicht unvorbereitet sein.

Von Westfalen in die weite Welt

Der Rand der Welt? Tatsächlich glaubte auch im spätmittelalterlichen Haltern niemand daran, dass die Erde eine Scheibe sei. Aber es gab Orte auf der bekannten Welt, die nur wenige Halterner je besucht hatten. Bergen war so ein Ort. In Zeiten immer kälterer Winter war die Handelsmetropole in Norwegen längst nicht mehr so angenehm zu erreichen, wie noch ein Jahrhundert zuvor, aber noch immer galt Bergen als einer der wichtigsten Umschlagplätze des Nordens - und man sprach Deutsch. Rund ein Drittel der rund 6000 Einwohner Bergens stammte aus dem einen oder anderen der vielen deutschen Fürstentümer, Städte oder Marken, und wer genau hinhörte, konnte auch die westfälische Mundart entdecken. Heimisches Platt am Ende der Welt - dank der Hanse, dem berühmten Verbund der Fernhändler.

Tatsächlich verdankt der Hansebund seine Entstehung nicht unwesentlich den Menschen zwischen Ijssel und dem Sauerland. Westfälische Siedler gründeten Städte im Ostseeraum und schufen so neue Verkehrswege zwischen dem Ostseehandel und dem Rheinland. Die einstige Provinz, ein Randgebiet des Reiches, wurde nun Transitgebiet. Auf einmal trugen die Karren und Schiffe nicht nur einheimische Waren, sondern baltischen Bernstein, norwegischen Fisch oder sauerländisches Eisenerz.

Boom an der Lippe

Haltern, das seit seiner Stadtwerdung 1289 einen steinernen Mauerring trug, wurde innerhalb weniger Jahre zu einem wichtigen Knotenpunkt an der Lippe. Und viele Halterner folgten dem Lockruf der weiten Welt, die sich ihnen auf einmal zu eröffnen schien. „Go West“, sollte ein britisches Popduo Ende des 20. Jahrhunderts singen, aber sechs bis sieben Jahrhunderte zuvor lag das Glück im Norden. Lübeck, Reval, Riga - der Beiname „von Haltern“ findet sich hier immer wieder in den Urkunden und Zollbüchern.

Halterner in der Ferne

Auch Johann Trage war dem Wunsch nach Wohlstand und Abenteuer gefolgt. An jenem Maitag 1419, als er zwischen den reichen Backsteinhäusern der Lübecker Kaufleute zum Markt schreitet, befindet er sich in einer der wichtigsten Drehscheiben der Hanse. Hier läuft fast der ganze Ostseehandel zusammen, hier legen die breitbäuchigen Koggen am Hafen an und schlagen ihre Fracht auf die Karren und Flussschiffe um. Es waren die Landsleute von Johann Trage, die Lübeck mit gegründet haben, die ganzen Coesfelder, Warendorfer und Bocholter, und später kamen natürlich auch ein paar Halterner hinzu. Johann ist ein erfahrener Kaufmann: Zusammen mit seinem Onkel Tideke macht er die anstrengende Reise nach Bergen, um Handel zu treiben. Koggen fahren von der Trave aus vier Wochen lang nach Norden, um Getreide in die unwirtliche Region zu bringen, und wenn sie wieder zurück in Lübeck sind, sind ihre hölzernen Bäuche prall gefüllt mit Stockfisch. Der getrocknete Fisch ist einfach zu transportieren und findet auch weit im Inland seine Abnehmer - eine sichere Einnahmequelle für jeden Kaufmann, der den langen Weg nicht scheut.

Johann scheut die Mühe nicht - der Bergenhandel hat ihn so reich gemacht, dass er eigene Lagerhäuser und jede Menge Geld besitzt. Aber in diesen Zeiten kann man nie sicher sein, ob man wieder heil nach Hause kommt. Die dickbäuchigen Schiffe sind anfällig im Sturm, und die vielen kleinen Inseln, Sandbänke und Riffe liegen als ständige Bedrohung auf dem Weg. Wenn in der Nacht der Sturm kommt, und der Rumpf dem wütenden Meer nicht mehr standhält, nützt kein Gold der Welt mehr etwas. Johann Trage weiss das, und er hat sich genau überlegt, was im Falle seines Todes zu tun ist. Es steht alles in seinem Testament, das er beim Rat der Stadt Lübeck hinterlegt.

Hansestadt Haltern

Ob Haltern zu Zeiten Johanns schon Mitglied der Hanse ist, können wir heute nicht sagen. Erst 1469 findet sich die Lippestadt auf einer in Köln aufgeschriebenen Liste von Hansestädten wieder. Schon ein paar Jahre später allerdings erlebt Haltern einen hanseatischen Höhepunkt, der einzigartig in der Stadtgeschichte bleibt: Am 11. August 1496, geschichtlich gesehen also schon auf dem Totenbett des Mittelalters, kommen die wichtigsten Entscheidungsträger zum Hansetag in Haltern zusammen. Auf heutige Verhältnisse bezogen, wäre das etwa so, als ob sich die Vertreter der Weltbank im Büro von Bürgermeister Klimpel versammelten, um globale Finanzpolitik zu besprechen - eine große Auszeichung für die kleine Stadt.

Tatsächlich ist Haltern für den Handel in dieser Zeit aber ein wichtiges Glied in einer langen Kette von Handelsstationen. Selbst das mächtige Münster ist auf die Lippestadt angewiesen: Da die Bischofsstadt keinen eigenen Hafen besitzt, werden in Haltern wichtige Baumaterialien umgeschlagen. Auf dem Weg von der Innenstadt zum See kann man sich heute einen Nachbau jener Kräne ansehen, mit deren Vorbild damals die Lippekähne entladen wurden. Am Vorabend der Renaissance künden eigene Speichergebäude an der Lippe vom geschäftigen Kommen und Gehen auf dem Wasser.

Das Ende für die Hanse in Haltern kommt erst, als sich der Schatten des langen Krieges schon auf die Stadt legt: 1611 tritt Haltern aus dem Bund aus. Die Beiträge waren zu teuer geworden.

Und was geschah mit Johann Trage? Wir wissen es nicht. Doch sein letzter Wille ist uns geblieben: Seiner Heimatstadt vererbte er ein ansehnliches Vermögen, dazu sollten zwölf arme Halterner auf seine Kosten mit Kleidung und Spenden versorgt werden. Was auch immer aus ihm geworden ist: Auch in der Ferne hatte Johann seine Heimat Haltern nicht vergessen.

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725 Jahre Haltern
Die große Sonderserie im Stadtspiegel

Episode 1: Der zerschlagene Traum vom kleinen Rom
Episode 2: Ein Dokument der Freiheit
Episode 3: Von Haltern an den Rand der Welt
Episode 4: Ein stiller Wächter
Episode 5: Die bleichen Finger des Krieges
Episode 6: Mit Volldampf in die Zukunft
Episode 7: Eine Zeit der Schande

Autor:

Oliver Borgwardt aus Gladbeck

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