Dr. Marion Suschke im "Elterntreff" zur Rechenschwäche
Zählen ist nicht Rechnen

Dr. Marion Suschke, Duden Institut. Foto: Pielorz
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Bereits im Kindergartenalter entwickelt sich ein Vorläuferwissen über die Bedeutung von Zahlen und Mengen. Diese Kenntnisse erweitern Kinder in den ersten Schuljahren – sie erlernen die Grundrechenarten und verinnerlichen die Basis mathematischer Logik. Jeder Lernschritt baut dabei auf den vorangegangenen auf. Dyskalkulie erschwert diesen Lernprozess erheblich: Den betroffenen Kindern fehlen das nötige Mengenverständnis und die Zählfertigkeiten, um die Grundrechenarten erlernen zu können. Sie verstehen Zahlen als reine Symbole, nicht als Mengenangaben. Damit fehlt ihnen bereits das wesentliche Handwerkszeug, um Lernschritte in der Mathematik zu verinnerlichen. Dr. Marion Suschke, Leiterin des Duden Institut Hattingen zeigt, worauf es ankommt und welche Hilfen es gibt.
Gleich zu Beginn gibt es eine wichtige Voraussetzung nach Manfred Spitzer: Lernen ist die Lieblingsbeschäftigung des Gehirns. Reflektierte Erfahrung ist dabei eine wichtige Grundlage. Beispiele helfen beim Lernen. Denn: „Wissensstoff ist nicht einfach nur vermittelbar. Jeder lernt auf seine Weise und nutzt unterschiedlich seine Möglichkeiten im Sehen, Hören und vor allem im Handeln“, weiß Dr. Marion Suschke. Vieles ist einfach abhängig von Logik. Die Expertin gibt ein Beispiel: Auf einem Schiff befinden sich 26 Schafe und zehn Ziegen. Wie alt ist der Kapitän? Sie erklärt: „Noch 1990 gaben 76 von 97 Schülern auf diese Frage eine errechnete Antwort. Das wäre heute nicht viel anders und es zeigt, wie wichtig Logik und Grundverständnis sind, um Mathematik und die Welt der Zahlen zu begreifen.“
Noch etwas ist wichtig: Zählen ist nicht Rechnen! „Am Anfang ist es für Kinder völlig in Ordnung, die Finger beim Zählen zu nutzen. Doch das muss spätestens in der zweiten Grundschulklasse Vergangenheit sein. Die Zahlenwerte werden größer und so viele Finger haben wir nicht. Sicherlich kann man auch über das Sehen, also das Betrachten der Finger, am Anfang eine Hilfe erhalten – aber ich muss lernen, zu abstrahieren. Kinder entwickeln dann eigene Strategien, wenn sie nicht mehr weiterwissen und keine Ahnung haben, wie sie die Rechenaufgabe lösen können. Und diese Strategien sind nicht unbedingt richtig.“ Neben der Konzentration braucht man für die Welt der Zahlen unbedingt Orientierung, Vorstellung und Abstraktion. In der Regel wird all dies bereits im Kindergartenalter eingeübt. So ist etwa das Rechts-Links-Verstehen sehr wichtig. Dies bezieht sich zunächst auf den eigenen Körper, später dann auf das Gegenüber. „Es ist einem Kind nicht in die Wiege gelegt und auch nicht genetisch vererbt, dass es verstehen muss, sein linker Arm im Gegenüber der Mutter ist rechts.“ Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass wir uns am besten Dinge behalten, wenn wir sie sehen und selbst getan haben. Deshalb versucht man, die Welt der Zahlen spielerisch einzuführen mit den sogenannten „verliebten Zahlen“. Die verliebten Zahlen, auch Partnerzahlen genannt, sind ein pädagogischer Trick für Schulanfänger im Fach Rechnen. Die Partnerzahlen oder verliebten Zahlen werden oft spielerisch eingeführt. Die Schüler basteln dabei beispielsweise Herzhälften, auf die sie die Zahlen schreiben und diese dann beweglich, z. B. mit Musterklammern verbinden. Oder es wird mit Würfelbildern gearbeitet. Dabei werden die Zahlen im Zahlenraum bis zehn zu Pärchen zusammengeführt, die immer zusammen zehn ergeben. Da im Dezimalsystem die zehn eine wesentliche Zahl ist, erleichtert es immer, gerade die einzelne Zerlegung im Bereich zehn auswendig zu kennen. Dies kann durch Reime zusätzlich unterstützt werden. Benötigt wird die Fähigkeit der Zehnerzerlegung grundsätzlich für den Rechenübergang über den vollen Zehner hinaus. Die Zahl wird dabei aufgeteilt, zunächst erfolgt die Rechnung bis zum nächsten Zehner und dann weiter. Eine Erweiterung erfahren die verliebten Zahlen im Bereich bis 100, wenn ganze Zehner zu Paaren zusammengestellt werden z. B. 10 plus 90, 30 plus 70 usw.

Lernen ist die Lieblingsbeschäftigung des Gehirns

Überhaupt, so empfiehlt die Expertin, sollen Eltern/Großeltern mit ihren Kindern (oder Enkeln) vieles spielerisch machen. „Lassen Sie sich den Weg durch die Stadt beschreiben. Bieten Sie spielerische Übungen an, etwa die, einem Kind einen Luftballon in die rechte Hand zu malen. Diese Dinge müssen Kinder beherrschen, wenn sie in der Welt der Zahlen bestehen wollen.“ Denn: In der ersten Zeit entwickelt der Nachwuchs oft erstaunliche Fähigkeiten, auch wenn es mit dem Verstehen der Zahlen nicht klappt. „Die Kinder lernen auswendig und das klappt am Anfang sehr gut. Natürlich kann man das Einmaleins lernen und am Anfang muss das nicht auffallen, dass das Kind eigentlich das Rechenprinzip gar nicht verstanden hat, weil es in der Regel durch Auswendiglernen oft zum richtigen Ergebnis kommt. Doch wenn die Aufgaben komplexer werden, dann geht das irgendwann nicht mehr und weil dann die Grundlagen fehlen, kommt das Kind nicht mehr nach.“
Nachhilfe nützt übrigens auch nicht zwingend, denn: „Wenn eine Lernstörung vorliegt, bringt Nachhilfe nichts. Sie hilft bei Themen, die nicht verstanden worden sind. Aber es sollte nicht so sein, dass eine Nachhilfe von der Grundschule bis zum Abitur durchgängig ein Thema ist. Dann liegen die Probleme in der Regel woanders.“
Auch die digitale Welt verteufelt die Expertin nicht. „Wenn ein Kind das Erklären in der Schule nicht verstanden hat und sich stattdessen im Internet per Video die Erklärung holt und diese dann versteht, ist das in Ordnung. Wichtig für Sie als Eltern ist, ob das Kind es verstanden hat und nicht nur Video schaut, um das Ergebnis abzuschreiben. Lassen Sie sich also von Ihrem Kind die Aufgabe erklären und Sie werden erkennen, ob das Kind es verstanden hat. Scheuen Sie sich nicht, Hilfe zu holen, wenn Sie glauben, ihr Kind hat Probleme. Dies gilt auch für die Lese-Rechtschreib-Schwäche. Das Hattinger Jugendamt bietet über die Erziehungshilfen Möglichkeiten, die teilweise für Eltern sogar kostenlos sind. Es gibt in Hattingen viele Beratungsmöglichkeiten, die Hilfe anbieten. Nutzen Sie das!“

Kontakt: Dr. Marion Suschke, Duden Institut Hattingen, St.-Georg-Str. 10, 45525 Hattingen, Telefon: 02324 9033053

Autor:

Dr. Anja Pielorz aus Hattingen

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