Buch über einen vergessenen Wohltäter des 17. Jahrhunderts
Erster Deutsch-Japaner lebte in Moers

Die beiden Autoren Jürgen Stock (rechts) und Rainer Weichert vor dem Moerser Schloss.
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  • Die beiden Autoren Jürgen Stock (rechts) und Rainer Weichert vor dem Moerser Schloss.
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Mit dem Wirken der Moerser Kaufmannsfamilie Hartzing beschäftigt sich ein neues Buch im Duisburger Mercator-Verlag. Vor mehr als 340 Jahren stiftete Peter Hartzing, der als Braunschweig-Lüneburgischer Berg- und Hofrat im Erzbergbau des Harzes zu Ansehen und Wohlstand gelangte, einen Großteil seines Vermögens seiner alten Lateinschule, dem heutigen Gymnasium Adolfinum.

Unverheiratet und kinderlos starb Hartzing, der seine Jugend in Moers verbracht hatte, 43-jährig am 12. Juni 1680 in Clausthal-Zellerfeld. Bestattet wurde er in der Schlosskirche in Osterode, wo ihm zu Ehren ein eindrucksvolles Epitaph errichtet worden ist.
Mit der von ihm begründeten Stipendienstiftung wollte er bedürftigen Schülern zu einem Studium verhelfen. Die Hartzing-Clausthal-Stiftung wird bis heute in seinem Sinn in Moers gepflegt und verwaltet. Stiftungsvorsitzender ist der Bürgermeister.
Wer war dieser Peter Hartzing, der ein derart nachhaltiges Lebenswerk geschaffen hat und warum ist er im öffentlichen Leben der Stadt in Vergessenheit geraten? Mit der Beantwortung dieser Frage beschäftigten sich die Moerser Autoren Jürgen Stock und Rainer Weichert. Bei der ehrenamtlichen Übernahme des Archivs des „Vereins ehemaliger Adolfiner“ waren sie auf Kopien des Originaltestaments und persönliche Dokumente gestoßen, die Hartzing als hochgebildeten, umtriebigen Menschen und vor allem als ersten Deutsch-Japaner vorstellten. Sein ungewöhnlicher Lebenslauf weckte die Neugier der beiden ehemaligen Tageszeitungs-Redakteure. Aus ihrer journalistischen Lokal-Recherche wurde schnell eine weltweite Spurensuche. „Dass daraus ein Buch werden durfte, haben wir der Unterstützung der Volksbank Niederrhein, des Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins sowie des Heimatministeriums NRW zu verdanken“, betont Weichert.

Kontroverse mit Gottfried Leibniz

Peter Hartzing entstammt einer niederländischen Immigrantenfamilie. Urgroßvater Carel Hartzing, ein wohlhabender Kaufmann, flüchtete Ende des 16. Jahrhunderts von Antwerpen nach Moers, wo sein Sohn Joris in die Führungselite der Stadt aufrückte. Dessen Sohn Karl, Peters Vater, machte Karriere bei der niederländischen Ostindien-Kompanie und starb 1667 als Generaldirektor in Batavia (heute: Jakarta). Peter Hartzing kam am 15. Oktober 1637 auf der japanischen Insel Hirado zur Welt. In Leiden und Duisburg studierte er nach der Rückkehr seines Vaters aus Ostindien, Philosophie, Mathematik und Medizin. Noch als Student war er an der Herausgabe der lateinischen Übersetzung de „Géométrie“ des französischen Philosophen Descartes beteiligt. Nach einem Skandal, in den er in Amsterdam verwickelt war, führte ihn sein Weg in den Harz, wo er, in herzoglichen Diensten stehend, über die Wirtschaftlichkeit der Silberminen zu wachen hatte. In dieser Funktion geriet er am Ende seines Lebens in eine Kontroverse mit dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz. Dabei ging es um die bestmögliche Technik zur Entwässerung von Minen und den Einsatz von Windkraft. Erstmals beleuchtet das Buch auch die alchemistischen Neigungen des Peter Hartzing.

Sohn eines Königs

Bemerkenswert auch die abenteuerliche Biografie seines Vaters. Der gebürtige Moerser Karl Hartzing hatte 1632 dem 30-jährigen Krieg und dem von der Pest heimgesuchten Europa den Rücken gekehrt, um im fernen Asien als Kaufmann der niederländischen Ostindien-Kompanie sein Glück zu finden. Dabei gelangte er auf die japanische Insel Hirado, wo er sich in eine unbekannte Japanerin verliebte, die ihm zwei Söhne gebar. Von seiner Handelsreise und seinem Aufenthalt in Tonkin (Vietnam) existiert ein Reisebericht aus eigener Hand, den die Autoren des Buches erstmals auf Deutsch zusammengefasst haben. Karl Hartzing machte die Bekanntschaft des lokalen Königs, der ihn als Sohn annahm. Während einer weiteren Reise heiratete er die Niederländerin Sara de Solemne, mit der er von 1643 bis 1650 in Amsterdam und Moers lebte, ehe er nach Ostindien zurückkehrte. Von Batavia aus trug er als Generaldirektor entscheidend dazu bei, dass die Ostindische Kompanie sich als Weltmacht etablierte. Seine Geschäfte in Moers, wo Karl Hartzing 20 Jahre lang ein Tuchmonopol innehatte, führte sein Bruder Michael fort, in dessen Obhut Peter verblieb.
„Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass die Hartzings in Moers mehr als ein Jahrhundert lang zur bürgerlichen Führungselite gehörten“, berichtet Jürgen Stock. „Gleichzeitig waren sie sowohl dem Hause Oranien als auch der Ostindien-Kompanie eng verbunden. Als die Preußen 1712 endgültig in Moers die Macht übernahmen, mussten die wenigen Familienmitglieder, die noch in Moers verblieben waren, fliehen. Das mag dazu beigetragen haben, dass der Name, Hartzing’ heute kaum noch einem Moerser etwas sagt. Das wollen wir mit unserem Buch ändern.“

Hintergrund
 Hardcover, 184 Seiten, zahlreiche Abbildungen
 Preis: 24,80 Euro
 Bestellbar beim Mercator-Verlag OHG, Dammstr. 25, Duisburg,
 www.mercator-verlag.de, Kontakt: 0203 34682521, info@mercator-verlag.de,
 Weitere Infos auf der Website www.hartzing.de. Hintergrund

Autor:

Lokalkompass Moers aus Moers

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