Erlebniseinkaufen
Keine Angst, die ist nur in Gedanken!

Sumpfloch

Kennen Sie das, dass Sie während Ihrer Alltagsroutine dermaßen in Gedanken versumpfen, dass sie wie weggetreten sind?
So was ist mir gestern passiert, beim wöchentlichen Großeinkauf.

Trotz gedanklicher Abwesenheit befüllte ich meinen Einkaufswagen mit den üblichen VerzehrBasics - ich mache das seit zig Jahren, ich kann das im Schlaf. Bananen, Gurke, Milch, Joghurts … Wie ich noch beim Käse herumsuchte, fiel mir plötzlich ein, dass Geflügel am Wochenende in der Schule übernachten würde und mir sausten Salzstangen durch den Kopf. Was zum Knabbern und trotzdem keinen Karies-Schock über Nacht - ich war stolz auf meine Idee!

Also machte machte ich mit meinem Wagen auf dem Absatz kehrt und suchte zielsicher die Knabbereien am anderen Ende des Ladens auf, wenngleich solches Mäandern auch uneffektiv ist, Unterwegs tauchte ich anscheinend wieder mariannengrabentief weg, denn hier fehlt mir jetzt ein Stück. Erst bei den Eiern wurde ich wieder wach, wohl deshalb, weil man zum Eierkauf Konzentration benötigt: Karton auswählen, öffnen, reingucken: Sind die Eier alle heil?

Wie ich den dritten Pappmascheekarton eben zufrieden im Wagen abstellte, wunderte ich mich, wieso da noch so viel Platz drin war. Kleinstierstreu, Holzpellets, Teewurst – Wollte mich da einer verarschen? Was sollte ich denn damit??

Ich schaute mich um! Es sprang aber niemand wiehernd hinter einem Regal hervor, es haute mir auch keiner auf die Schultern - ergo musste ich den Wagen wohl selbst hier hergekarrt haben.
Aber wo war denn jetzt mein Wagen? Den hatte ich doch nicht zum Spaß befüllt!

Rechtzeitig, bevor ich begann, mir die Haare zu raufen, fiel mir meine unterbrochene Käsesuche ein und ich machte mich mit dem Päckchen Salzstangen und den Eiern auf den Weg. Vorm Käse wartete auch tatsächlich ein randvoller, herrenloser Einkaufswagen. Allerdings war er nicht allein, denn eine aufgebrachte Damen wuselte um ihn herum. Sie guckte hektisch rechts und links, schaute hinter die Butterberge, beugte sich unter die Wursttheke …

Also, mit Verlaub! Ich hatte den Wagen nur geklaut! Kleingeschrumpft hatte ich ihn nicht! Wie, in drei Teufels Namen, soll der sich denn in die Kühltheke gezwängt haben? Jedenfalls schüttelte mich eine dermaßene Kicherattacke, dass ich nach einer Holzpalette Ausschau hielt. Ich musste mich dringend setzen, Frauen kennen das.

Das wäre auch alles unauffällig vonstatten gegangen, wenn die gute Frau ihren Suchradius nicht in meine Richtung ausgedehnt hätte. „Wo ist denn nur mein Wagen …?“, kam sie murmelnd auf mich zu. Sie entdeckte mich, holte tief Luft - gleich würde sie mich ansprechen. Hilfe! Eilig blinkte ich links und bog zur Schokolade ab.
Wissen Sie, der Moment war einfach vorbei, wo ich noch hätte erklären könne, was geschehen war.

Weil die Dame jetzt aber wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Gänge flatterte, wurde mir die Sache zu heiß und ich brach meinen Einkauferei auf der Stelle ab. Die Dame war größer als ich, sie war auch deutlich kräftiger – kurz: Ich fürchtete mich. Mir fehlte noch ein Töpfchen Speiseeis; woran es sonst noch mangelte, würde mir daheim schon wieder einfallen. Nix wie raus hier!

Ich wähnte mich schon in Sicherheit, denn als ich mich an der Kasse anstellte, startete die Damen noch zu einem erweiterten Suchflug durch die Backwaren. Leider waren die Wägen der Kunder vor mir ähnlich voll dem meinen und die Kassiererin obendrein recht langsam. Sie war wohl neu.
So kam es, dass sich die Dame - nach dem erfolglosem Abstecher zu den Kaiserbrötchen - hinter mir anstellte.
Ey, augenblicklich sauste mir der Puls in die Höhe!
Abwechselnd durchschossen mich heiße und kalte Schauer.
Hysterisches Kichern wechselte mit frostiger Angstkälte.
Irgendwie war ich mit den Nerven ziemlich runter – wird Zeit, dass Wochenende wird!

Ich vermied tunlichst, den Blick aus meinen Einkaufswagen zu heben und besann mich auf eine verhaltensgestörte Rolle.
Nach einer dreiviertelen Ewigkeit war ich endlich per drei Kreuze auf dem Kassenzettel entlassen und trat an die frische Luft. Geschafft! Mit dem Leben davongekommen!
Ich atmete tief durch und wendete mich zu meinem Fahrrad.
Wie ich so beschwingt unsere Wochenration in meine Radtaschen stapelte und fast versucht war, ein Wanderliedchen zu trällern, sah ich im toten Winkel die voluminöse Damen den Laden verlassen. Mit großen Schritten steuerte sie den Parkplatz an, ein Dreierpack Holzpellets klemmte unter ihrem Arm. Sie schritt mit flatternden Mantelschößen aus, als trüge sie ein Fliegengewicht.

Doch plötzlich stoppte sie ihren Exerzierschritt und marschierte schnurstracks auf mich zu.
Hilfe! Mir setzte fast das Herz aus.
Ich tat, als sähe ich die Dame nicht und packte tiefgebeugt weiter. Eier in die linke Tasche, Zucker rechts rein, man muss das Gewicht gleichmäßig verteilen.

Sie werden es sich denken können: Mein beschäftigter Eindruck half mir nichts. Die Dame baute sich vor mir auf. Völlig zu Recht herrschte sie mich an: „Da brauchen Sie gar nicht so blöd zu grinsen! Wie alt sind Sie eigentlich? Hoffentlich haben Sie keine Kinder!“

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