BUCHTIPP DER WOCHE: Vier Leichen im Finanzsumpf

Petros Markaris: Faule Kredite. Roman. Aus dem Neugriechischen von Michaela Prinzinger. Diogenes Verlag, Zürich 2011, 397 Seiten, 22,90 Euro

Der 74-jährige griechische Erfolgsautor Petros Markaris, dessen Bücher in mehr als einem Dutzend Sprachen übersetzt wurden, ist seit Beginn der desaströsen Finanzkrise seines Heimatlandes einer der begehrtesten Interviewpartner ausländischer Medien.
Korruption, Inkompetenz, Egoismus und Entsolidarisierung prägen die Athener Welt im sechsten Fall des Kommissars Kostas Charitos, der im Sommer 2010 spielt und in dessen Mittelpunkt die grausame Enthauptung von vier Menschen steht. Zwei Banker, ein Mitglied einer Rating-Agentur und der Inhaber eines Inkasso-Unternehmens wurden ins Jenseits befördert. Zeitgleich startet eine seltsame PR-Kampagne - ein Aufruf an die griechische Bevölkerung, die privaten Kredite nicht mehr an die Banken zurückzuzahlen.
Der Hass der einfachen Leute richtet sich gegen die anscheinend untätigen Politiker und die ausländischen Finanzmächte, die Lohnkürzungen, Steuererhöhungen und Arbeitszeitverlängerungen zu verantworten haben. Auch Charitos selbst muss mit Gehaltskürzungen leben, weiß kaum noch, wie er den Kredit für sein neues Auto bedienen soll.
Das klingt alles ziemlich authentisch und bedrückend, dennoch will Markaris die richtige Mischung zwischen Familienroman, Thriller und opulentem politisch ambitionierten Erzählpanorama nicht so recht gelingen. Da muss Charitos‘ Ehefrau Adriani mit ihrem schmalen Haushaltsgeld auch noch Tochter Katerina, eine promovierte, aber arbeitslose Juristin, und deren Ehemann Fanis (schlecht bezahlter Kardiologe) über die Runden bringen, da rangeln die Ermittlungsbehörden im Vierfach-Mord um die Kompetenzen, es ist von kriminellen Netzwerken illegaler Ausländer die Rede, und auch der dopingverseuchte Leistungssport bekommt noch sein erzählerisches Fett weg. Etwas viel auf einmal.
Aber niemand wird andererseits von einem spannend geschriebenen Krimi wirklich erwarten, dass er die Lösungen der finanz- und gesellschaftspolitischen Probleme Europas liefert. Schon eher gute und anregende Unterhaltung, und die präsentiert uns Markaris trotz des leicht ausufernden Themenspektrums allemal. Eine gewisse Vorfreude auf Teil zwei und drei der geplanten Krisen-Trilogie ist nicht zu leugnen.

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