Schulmotto: Stark für das Leben

Eine mehr oder weniger ernstgemeinte Karikatur der Förderschule am Ring, Schwerpunkt Geistige Entwicklung, Wesel (aus Sicht der Mutter einer Schülerin nach sechs Schuljahren).

Meine ältere Tochter besucht eine Förderschule. Vielen ist gar nicht bewusst, was das konkret bedeutet. Hört man das Wort „Förderschule“ denken die meisten direkt an Menschen mit Behinderungen. Mit diesem Zusammenhang fallen dann meist Bilder von Menschen mit Trisomie 21, Menschen im Rollstuhl, die sabbern und eine offensichtliche Körperbehinderung haben. Menschen, die nicht sprechen können und sich auch sonst kaum artikulieren können.
Menschen, welche lediglich im Rollstuhl sitzen aber über einen normalen IQ verfügen, fallen nicht in das Klientel einer Förderschule.
Hier sind wir also schon mal weiter. Aber nicht viel schlauer.
Als Beispiel: meine Tochter arbeitet an der Schule viel mit Bildkarten. Anhand der Karten gestaltet sie ihren Schulalltag. Denn sie möchte immer genau wissen, was als Nächstes passiert. Sie möchte gewohnte Strukturen. Das gibt ihr die Sicherheit, die sie dringend benötigt um in dieser Welt ein wenig zurecht zu kommen.

Den aktuellen Medien entnehmen wir immer öfter, dass die Förderschulen zukünftig abgeschafft werden sollen. Manch Einer stellt sich das sehr leicht vor. Es ist ja auch toll, wenn Alle zusammen lernen können. Allerdings ist das eine Diskussion, die man nicht ohne gewisses Hintergrundwissen führen darf. Die Schichtzugehörigkeit soll nicht mehr über die Schulzuweisung bestimmen. Finde ich absolut richtig, aber es gibt auch einige Probleme, welche unsere Gesellschaft tagtäglich reproduziert und mit welchen die Schule umgehen MUSS.

In den letzten sechs Jahren habe ich an dieser Schule viel gehört, gesehen und gefühlt: (Namen werden selbstverständlich nicht genannt)

Elternsprechtage/Elternabende: Die Schule ist fast vereinsamt. Es sind leider kaum Eltern / Erziehungsberechtigte anzutreffen. Ein Vater geht vor mir die Treppe hoch. Obwohl die Uhr gerade mal 16 Uhr zeigt, rieche ich scharfe alkoholische Ausdünstungen. Am Klassenraum muss ich warten. Ich nehme Platz und nicke freundlich der Frau mir gegenüber zu. Sie wiederum nimmt mich kaum wahr. Sie sieht fertig aus, da gibt es nichts zu Beschönigen. Fettige Haare, dunkle Ringe unter den Augen. Und schließlich erzählt sie mir doch ein paar Worte über ihren Sohn. Er wohne nun nicht mehr bei ihr. Das Jugendamt hätte ihn ihr weg genommen. Aber dafür sei nun Platz für das Kleine. Und wirklich: sie ist schwanger! Sie streichelt langsam kreisend über ihren sichtbaren Babybauch. Das sind für mich einzelne, negative und traurige Ereignisse, die ich mit der Schule in Verbindung bringe. Für die die Schule aber überhaupt nichts kann.

Und umso schöner ist es zu sehen, wie die Schule dagegensteuert. Es werden den Kids zum Beispiel in der Vor/-Unterstufe wöchentlich therapeutische Reitstunden angeboten. In diesem Jahr gab es zudem eine Fußball-Sportfreizeit in Bielefeld und eine integrative Skifreizeit für einige Schüler. Den Kids soll durch das Reiten, oder aber auch mit Kunstprojekten (Kreativwoche), mit Sport, Mitarbeit in der Schülerfirma und natürlich auch mit den freitäglichen AG-Angeboten (Zumba, Kanu, Basketball, Fahrrad, Singen und Gebärden, Fußball, Theater, Jumpstyle, Singen und Bewegen, Kreativ-Textil, Bauernhof, Walken, Karaoke, Stop-Motion-Filme und Fit durchs Jahr) Teilhabe am Leben ermöglicht werden.

Ich habe zudem auch wunderschöne Momente in den letzten sechs Jahren von der Schülerseite erlebt! Unvergesslich wird mir ein Schul-Weihnachtsgottesdienst im Dom bleiben, in dem sich immer und immer wieder ein älterer Schüler in der Kirchenbank zu mir umgedreht hat. Bis er schließlich sowas von ehrlich von sich gab, dass er sich verliebt hätte. Und die Glückliche hätte bestimmt ganz tolle Brüste. Von diesem Moment an, war er wohl froh, diese Worte laut von sich gegeben zu haben, denn nun konnte er ruhig und konzentriert dem Rest des Gottesdienstes lauschen. Oder aber gar meine eigene Tochter, die sehr lange und intensiv das Kreuz über dem Altar beobachtete, bis sie mir schließlich wohlnickend bestätigte, dass sie nun gerade Mathe hätte. Absolutes Highlight war für mich der Abschluss der diesjährigen Kreativwoche mit der fast dreistündigen "Show der Talente". Auch nach sechs Jahren an dieser Schule wurde ich erneut von den Schülern dermaßen überzeugt, dass wirklich JEDER einzelne von ihnen Stärke hat und begabt ist.

Doch die Pädagogen benötigen hier Unterstützung. Es fängt beim Mahlzeiten-Problem an. Nicht alle Schüler können / dürfen an dem gemeinsamen Mittagessen vom Kreis Wesel (Montags, Dienstags und Donnerstags) teilnehmen, da es Erziehungsberechtigte gibt, die einfach überfordert sind, den Antrag auf Mahlzeitenkostenzuschuss auszufüllen. Ist es nicht eine grausame Vorstellung, dass es Kids gibt, die mit knurrendem Magen Schule machen müssen?! Ich könnte weiterschreiben von Schülern ohne Sportzeug. Von einem Aufruf der Schule nach Spenden für gebrauchte Turnschuhe. Sie fragen sich nun bestimmt, was meine Erzählungen für einen Sinn haben? Warum ich über das Privatleben der Schüler erzähle? Das sollten sich aber auch bitte die Personen fragen, die für die Abschaffung der Förderschulen plädieren. Denn was passiert mit diesen Kindern? Kinder von Menschen, die ihr eigenes Leben nicht mal im Griff haben. Wer erklärt diesen Kindern die Welt, wenn nicht die Schule???

Wer an dieser Stelle nach Staatsfürsorge und Jugendämtern schreit, der hat ein falsches Bild unserer Gesellschaft, von seinem Recht und seiner Ordnung. Die Mühlen mahlen so langsam, dass das Korn verschimmelt ist, bevor wir überhaupt die restlichen Zutaten für ein leckeres Brot zusammengesammelt haben. Aber in die Schule müssen sie alle!

An der hier erwähnten Schule müssen sie alle neuerdings mit gekürztem Stundenplan zurechtkommen. Seit den Sommerferien 2016 hat die Schule am Ring jeden Mittwoch mittag bereits um 12:30 Uhr offizielles Schul-Ende (statt 15:30 Uhr). Der Grund ist Lehrermangel. Anfangs dachte ich, dass dieses Problem ja bestimmt schnell gelöst sei, und zu den Herbstferien wieder normale Unterrichtszeiten wären. Aber dem war leider nicht so. In dieser Woche war die Jahreshauptversammlung des Fördervereins. Von den mickrigen 40 Mitgliedern (wir brauchen dringend HILFE und SPENDEN!) sind gerade mal fünf Personen zu der Versammlung gekommen. Diese fünf Eltern wollten natürlich von der Schulleitung wissen, wann denn nun Ende mit der Unterrichtseinsparung sei. Und wir wurden enttäuscht, denn es ist kein Ende in Sicht. Im Gegenteil: zum 2. Halbjahr hin werden zwei weitere Kollegen die Schule verlassen. Und das macht mir Angst. Ist das ein schleichender Vorwärtsprozess zum Wegfall der Förderschulen? Warum interessiert es niemanden, dass hier bereits seit Monaten eine gesamte Schule Unterricht streichen muss? Die Entwicklung der Kinder leidet! Und (auch) Kinder (mit Handicap) sind unsere Zukunft!(?)

Wir brauchen Förderschulen. Wir brauchen Alltagsvorbereitung und wir brauchen das 2-Klassenlehrersystem, in dem die Lehrer alles unterrichten und dafür ihre Schüler so gut kennen, dass sie wissen wann es Zeit für welchen oder überhaupt Unterricht ist. Wir können die Förderschule nicht abschaffen, bevor nicht an anderer Stelle angefangen wurde zu arbeiten. Besser besetzte Jugendämter mit viel (!) mehr nicht so überlasteten Sozialarbeitern. Am besten gleich die ganze Gesellschaft ändern. Ja, das wäre toll. Aber das geht nicht. Das mit dem Schulsystem ist viel leichter. Aber so nehmen wir viel zu vielen (jungen) Menschen den vielleicht letzten Schonraum, den vielleicht letzten Raum, das zu lernen, was eigentlich selbstverständlich ist.

Ich möchte diesen Artikel mit einem Aufruf beenden. Unterstützen Sie uns. Sei es eine kleine Spende für den Förderverein (wir unterstützen die o. g. Projekte und auch Versicherung / Instandhaltung unseres Kleinbusses für Transporte zu Veranstaltungen, Unterrichtsgängen und Praktikumsstätten werden aus dem Fördertopf bezahlt) oder werden Sie gar Sponsorpartner der Schule am Ring. Profilieren Sie sich als aktiver Unterstützer einer wichtigen Arbeit, um behinderten Menschen ein Teilnehmen an gesellschaftlichen Aktivitäten und wichtigen zusätzlichen Unterrichtsinhalten zu ermöglichen und somit zur Integration behinderter Menschen in die Gesellschaft.

www.schule-am-ring.de

Autor:

Sabine Lattek aus Wesel

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