Ein Kommentar
Flexibilät, Mutter sein und Corona Krise - willkommen im Irrenhaus

Siebeneinhalb Jahre war ich glücklich und zufrieden und habe mich voll und ganz der Familie und der Erziehung meiner Tochter gewidmet. Natürlich war mir klar, dass ich nicht mein ganzes restliches Leben so verbringen werde, spätestens wenn das Kind alt genug war, um selbstständiger zu sein, wollte ich wieder arbeiten. 

Dann las ich diesen Zettel und schwups war ich wieder mittendrin im Kosmos Arbeitsleben. Es war schön. Teilzeit, 20 Stunden in der Woche, immer dann, wenn der liebe Ehemann zuhause war oder wenn das Kind in der Schule war. Keine Betreuungssorgen, keine OGS. Das war mir wichtig und ist es auch heute noch. 

Und dann kam Covid 19. Lockdown. Kurzarbeit und irgendwann die Kündigung. Schnell war neues gesucht. Mitten in den Sommerferien. Das Kind im Auto geparkt, während ich ein Vorstellungsgespräch hatte. Es fühlte sich falsch an. Alles so plötzlich, als hätte ich mein Leben verloren.  Schon damals fielen die Worte  "nicht flexibel genug". Ich unterschrieb trotzdem mit mulmigen Gefühl. Corona und des Kindes wegen. Und sollte Recht behalten. Von nun an war ich jeden Freitag nachmittag, jeden Samstag und jeden Sonntag am arbeiten. Freitags musste ich das Kind auf dem Nachhauseweg hetzen, damit ich rechtzeitig  Bus und Bahn bekam. 40 Minuten ÖPNV. Samstags vormittags ist mein Mann um 4.30 Uhr mit mir aufgestanden, damit ich keine 40 Minuten am Hauptbahnhof warten musste, bis ich meine Anschluss U Bahn bekam. Und Sonntags vormittags schlich ich mich aus dem Haus, wenn alle noch schliefen. Dabei wohnte ich so schön nah zwischen zwei Filialen, aber dahin kam ich nicht. Vergeblich versucht.
 
Ich beschloss durchzuhalten, drei Monate Probezeit, vielleicht gelang es mit ja. Der Vertrag war auch nur auf ein halbes Jahr befristet und man bekam erst einen Monat vorher Bescheid, ob man weiter beschäftigt blieb. Ich merkte schnell, dass die flache Hierachie ein Hauen und Stechen war. Und dann hatte ich einen Arbeitsunfall. 
Da wachte ich auf. Ich beschloss mich anderweitig zu bewerben.  
Und nun waren da diese Worte schon wieder. "Nicht flexibel genug".  
Es gibt derzeit keine Frühbetreuung, also kam ein Arbeitsbeginn vor 8 Uhr nicht in Frage. Nur mit einer organisatorischen Last, auf dem Rücken des Kindes ausgetragen würde es gehen. Aber das hinterließ Zweifel. Eine OGS hatte ich nie und wollte ich nie. Die Gründe sind vielfältig. Dafür hatte ich aber auch kein Kind bekommen.  Und ich wollte wieder ein Wochenende. Vor Corona hatte ich im ersten Job nach meinem Wiedereinstieg auch jeden Samstag und jeden zweiten Sonntag gearbeitet, das war okay. Auch dann jeden Sonntag ein paar Stunden morgens - voll okay. Aber jeden und dann noch von 8  bis 16 Uhr?  Da konnte ich mir gleich einen Scheidungsanwalt besorgen, denn auf Kurz oder Lang wäre das das Ende meiner Ehe gewesen. 

Nun im fast schon "Corona Winter 2020" macht der Stundenplan eine weiteren Schritt zur Unmöglichkeit (Pandemiebedingt) ins Arbeitsleben zurückzukommen. Statt Donnerstags bis 13 Uhr , hat das Kind nun Mittwochs bis 13 Uhr , dafür aber erst ab 8.45 Uhr. Freitags verabschieden sie sich schon um 10.45 Uhr ins Wochenende. Sport, Religion, Kunst und Musik werden zugunsten der Präsenzfächer gekürzt. Den Plan dafür gab es übrigens Freitags mittags, gültig ab Dienstag in der dann kommenden Woche. Schulleiter beneide ich weiß Gott nicht in dieser Zeit, aber der Informationsfluss ist an Kurfristigkeit nicht zu überbieten. Und wenn man kein Kind in der OGS hat, muss man plötzlich ganz schnell reagieren. Macht das eigentlich noch ein Arbeitgeber mit? Witzig war auch die Bemerkung, die ich von einem Personaldienstleiter erhielt. Im Homeoffice könnte ich theoretisch länger als nur den Vormittag arbeiten, aber nein, ich sollte dann schon schön brav an meinem Schreibtisch sitzen und dürfte nicht nebenher dem Kind die Mathefrage beantworten.  Geht´s noch!?!

Warum ist es so schwierig geworden in unserer Gesellschaft als Mutter? Warum muss eine Mutter, die arbeiten will, ihr Kind immer in eine OGS oder zur Tagesmutter, in die U3 oder Kindergarten mit  35/45 Stunden im Kindergarten schicken? Als Alleinerziehende würde ich das verstehen, da wäre ich darauf angewiesen. Und dafür finde ich das auch okay. Aber als Frau in einer funktionierenden Ehe? Was, liebe Gesellschaft habe ich falsch gemacht? Bin ich nicht emanzipiert genug? Ist der Status "Hausfrau und Mutter" wirklich nichts mehr wert?

Wir hatten keine Probleme als die Schule zu war. Ich habe mich voller Elan und mit vollem Einsatz dem Kind und seinen Aufgaben gewidmet. Der Mann war arbeiten, weil er konnte und durfte.  Und wir waren zufrieden.
Die Corona Krise mit ihren immer neu aufkommenden Verfügungen und Einschränkungen sollte an allen Ecken, Kanten und Winkel unseres Lebens und Staates rütteln und neben den Verschärfungen, Maskenpflicht, Hygieneverordnungen und Teilschließungen auch die Bürger im Blick haben. Nicht nur ihre Gesundheit, sondern auch ihr Leben. Eine Mutter hat keinen Kinderkrankenschein, keinen Lohnausgleich. Eine Hausfrau kann sich nicht fünf bis sieben Tage in Quarantäne begeben, nur weil plötzlich die Nase juckt. Wir haben kein Homeoffice , aber wir haben Homeschooling gemacht, trotz Wäschebergen, Einkaufsproblemen und der Sorge, dass alle gesund bleiben. Und wurden wir entlohnt? Nein.

Liebe Gesellschaft, liebe Politiker, liebe Arbeitgeber. Wacht auf! Passt euch an. Passt eure Modelle an. Und blickt hinter den Standard ins wahre Leben. Beschränkungen, Verfügungen zum Schutz und Wohle aller ja, aber bitte nicht zu Lasten von Leuten, die trotz Corona Krise an ihrer Zukunft denken. Denn irgendwann ist Corona vielleicht vorbei oder halbwegs im Griff, aber dann ist keiner mehr da, der sich Mutter und Hausfrau nennt. Diese Spezie ist dann ausgestorben. Mutterliebe gibt es dann nur noch auf Rezept.

Autor:

Alexandra Roj aus Bochum

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