Corona-Tote, Trauernde und Infektionsschutz: Bestatter-Stadtverband Dortmund zum Pandemie-Betrieb
Bestatter als Superspreader?

Der Vorstand des Stadtverbands der Bestatter Dortmund macht auf die besondere Situation bei Beerdigungen in der Pandemie aufmerksam: Meik Hibbeln, Vorsitzender Reiner Drees, Carsten Strauß und Frank Hibbeln (von links).
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  • Der Vorstand des Stadtverbands der Bestatter Dortmund macht auf die besondere Situation bei Beerdigungen in der Pandemie aufmerksam: Meik Hibbeln, Vorsitzender Reiner Drees, Carsten Strauß und Frank Hibbeln (von links).
  • Foto: Stadtanzeiger Dortmund, Käfer
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Die Gewinner der Corona-Krise? Onlinehandel, Impfstoffhersteller - und das Bestattungswesen. So zumindest die landläufige Meinung. Schließlich sterben derzeit täglich mehr als 1000 Menschen in Deutschland am Virus Sars-CoV-2. Feiern Beerdigungsunternehmen also bereits mit Champagner die Umsätze ihres Lebens? Keineswegs, heißt es beim Dortmunder Stadtverband der Bestatter.

"Die Corona-Pandemie ist für alle eine Herausforderung. Für uns Bestatter auf ganz besondere Weise", erklärt Reiner Drees, Vorsitzender der Interessenvertretung mit derzeit 39 Mitgliedbetrieben in Dortmund.

Tagtäglich gehe es um den Schutz von Kunden, Mitarbeitern und besuchten Einrichtungen. Materialeinsatz und Organisationsaufwand seien immens, so Drees, der in Bodelschwingh ein Bestattungshaus führt. Bei jedem Arbeitsschritt bemühten sich er und seine Kollegen aus dem Bestatterverband darum, nicht zu Superspreadern zu werden. "Bei gleichzeitig bedauerlich wenig Rückendeckung von Ämtern und Gesetzgebern", betont Meik Hibbeln, Bestatter aus Eving und Beisitzer im Vorstand des Bestatter-Stadtverbands.

Bestatter-Alltag mit vielen Kontakten

Von Klinik zu Klinik, zum Altenheim, zum Hospiz und zwischendurch vielleicht ein Beratungsgespräche mit einer betagten Dortmunderin, die ihren Mann verloren hat: So sehe der Alltag eines Bestatters aus. Dies berge viele Gefahren. Es beinhalte viele Kontakte, die derzeit bekanntlich besser nicht stattfinden sollten. Zumal mit dem Tod eines Covid-Patienten das Virus in dessen Körper nicht inaktiv werde. "Sars-CoV-2 ist am Toten bis zu 20 Tage infektiös", schildert Reiner Drees. "Ein Verstorbener atmet zwar keine Aerosole mehr aus. Aber bei jeder Bewegung, jeder Lagerung tritt Luft und damit das gefährliche Virus aus", ergänzt Carsten Strauß von Bestattungen Rousseau aus Derne, Beisitzer im Stadtverbands-Vorstand.

Covid-Leichnam bis zu 20 Tage infektiös

"Wir sind systemrelevant. Doch wir werden nicht erwähnt", spricht Drees die Coronaschutzverordnung von Nordrhein-Westfalen an. Sein Kollege Frank Hibbeln vom "Haus des Abschieds" in Eving ärgert sich: "Wir sind der Gefahr direkt ausgesetzt, können aber nicht früher geimpft werden!" Kein Bestatter wolle Hochbetagten oder Pflegenden die Impfdosis streitig machen. Aber in einer Priorisierung mit Polizei und Feuerwehr, dort sähen sich die Bestatter gerne.
Um trotz der Umstände nicht zu Corona-Superspreadern zu werden, haben sich die Dortmunder Verbandsmitglieder auf folgende Vorgehensweise geeinigt: Den Krankenhäusern werden auf Kosten des Bestatterverbandes sogenannte Bergehüllen zur Verfügung gestellt, mannsgroße Hüllen aus fester Folie mit Reißverschluss und Tragelaschen. So können bereits Krankenschwestern und Pfleger in ihrer Schutzausrüstung den Verstorbenen dort hinein umbetten. Und: Der infektiöse Leichnam wird nicht offen durch die Klinikflure geschoben. "Für diese Absprache sind wir den Klinken sehr dankbar", so Carsten Strauß.

Zur Abholung kommen dann die Bestatter in die Klinik. Bei ihnen wird Fieber gemessen oder ein Schnelltest gemacht. Bis vor wenigen Wochen habe die Eintragung in eine Liste für den Zutritt durch den Dienstboteneingang gereicht.

Die Bestatter tragen zum Fremd- und Eigenschutz eine umfangreiche Schutzausrüstung: FFP2-Maske, Visier, Einwegkittel, Einwegschürze, Ärmelschoner, Überschuhe und bis zu drei Lagen Einweg-Handschuhe - nicht aus dem gängigen Latex, sondern aus weniger porösem Nitril.
Die Bergehülle werde nicht mehr geöffnet. Als Warnung wird ein Hinweis angebracht: "Infektiös, Risikogruppe 3 gemäß Biostoffverordnung". Dieser findet sich auch später auf dem Sarg.
Eine offene Abschiednahme ist bei Corona-Verstorbenen nicht möglich. "Die Gefahr ist einfach zu groß", sagt Frank Hibbeln. Den Wunsch der Angehörigen kann der Bestatter jedoch nachvollziehen: "Schließlich haben die den Verstorbenen oft wochenlang nicht mehr gesehen."

"Viele Corona-Infizierte zeigen ja keine Symptome. Es wäre fahrlässig, wenn wir als Bestatter uns anstecken und anschließend weiter in Krankenhäuser, Hospize und Seniorenheime gehen", so Meik Hibbeln. "Der Lockdown schränkt uns Bestatter privat ein, von Berufswegen kommen wir aber überall hin", ergänzt sein College Carsten Strauß. Auch deshalb würden die Bestatter gerne dem Krisenstab der Stadt vorsprechen, auch deshalb wünschen sie sich Unterstützung von beispielsweise dem Gesundheitsamt. "Bislang sind wir auf uns allein gestellt", fasst Carsten Strauß die Lage der Bestatter zusammen.

Von Pia Käfer

Info: Stadtverband der Bestatter

  • Dem Dortmunder Stadtverband der Bestatter gehören 39 Mitgliedbetriebe an.
  • Zum Vergleich: Insgesamt sind in Dortmund rund 60 Bestatter tätig.
  • Der Stadtverband gehört dem übergeordneten Bestatterverband Deutschland an und orientiert sich an dessen Empfehlungen - auch jetzt in der Pandemie.
  • Laut Statistik verstirbt pro Jahr etwa ein Prozent der Bevölkerung einer Stadt; in Dortmund liegt dieser Wert wegen zahlreiche Kliniken mit überregionaler Funktion etwas höher: So gab es in 2019 in Dortmund 7157 Verstorbene und im vergangenen Jahr 7354 Tote. 

Info: Ansteckungsgefahr

  • Mit dem Tod eines Covid-19-Patientin stirbt nicht schlagartig das Virus ab.
  • Das Virus Sars-CoV-2 ist am Verstorbenen bis zu 20 Tage infektiös.
  • Dies erfordert zahlreiche Schutzmaßnahmen beim weiteren Umgang mit dem Leichnam, zum Beispiel für Bestatter und Hinterbliebene.
  • Covid-19-Tote werden nicht gewaschen und angekleidet, sondern verbleiben in der dichten Bergehülle.
  • Sogenannte offene Abschiednahmen, also Aufbahrungen, sind bei Corona-Opfern nicht möglich.
  • Das erschwert die Trauerarbeit für Hinterbliebene.
Der Vorstand des Stadtverbands der Bestatter Dortmund macht auf die besondere Situation bei Beerdigungen in der Pandemie aufmerksam: Meik Hibbeln, Vorsitzender Reiner Drees, Carsten Strauß und Frank Hibbeln (von links).
"Warnhinweis: Infektiös, Risikogruppe 3 gemäß Biostoffverordnung" steht auf dem Zettel, der den Sarg eines Covid-19-Toten markiert - in diesem Beispiel den des fiktiven Max Mustermann.
Autor:

Lokalkompass Dortmund-Nord aus Dortmund-Nord

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