Interview mit Seuchenhistoriker Malte Thießen
Wann ist die Coronapandemie endlich vorbei?

Kranke unter freiem Himmel in der Walter Reed Klinik in Washington D.C., 1918. Foto: wikipedia
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Zur Frage, wann die Coronapandemie überstanden ist, gibt es verschiedene Szenarien: Prof. Dr. Malte Thießen, Medizinhistoriker und Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, gibt aus historischer Sicht Antworten.
Schon fast drei Jahre Pandemie. Ist das eigentlich noch normal?

Prof. Dr. Malte Thießen leitet das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und hat das Buch "Auf Abstand. Eine Gesellschaftsge¬schichte der Coronapandemie" geschrieben.
Foto: LWL/Nolte
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Prof. Dr. Malte Thießen: "Eine festgelegte Dauer von drei Jahren ist leider kein Naturgesetz. Die Pest wütete zum Beispiel 1346 über sieben Jahre und Cholera-Pandemien gibt es seit dem 19. Jahrhundert immer wieder. Die Spanische Grippe von 1918 bis 1920 wiederum war zwar nach zwei Jahren vorbei, allerdings haben wir seither immer wieder mit ihren Nachfolgerinnen, den Influenza-Wellen, zu tun. Die letzte Pocken-Epidemie von 1870 bis 1873 in Deutschland hatte tatsächlich drei Jahre Bestand. Nach NRW wurden sie noch in den 1960er-Jahren mehrfach wieder eingeschleppt. Die Pocken wurden schließlich 1979 von der Weltgesundheitsorganisation als ausgerottet erklärt. Es ist die einzige Seuche, die heute dank Impfungen als besiegt gilt."
Wagen Sie eine Voraussage, wann die Coronapandemie beendet ist?
Prof. Dr. Malte Thießen: "Im Moment werden zwei Szenarien diskutiert, wie Pandemien enden: Das eine ist das Pockenmodell, das andere ist das Influenza-Modell. Ich würde natürlich das Pockenmodell sehr bevorzugen, weil wir dann endlich endgültig Ruhe vor Covid-19 hätten. Wahrscheinlicher ist das Influenza-Modell. Das heißt, wir werden - genauso wie mit dem Grippe-Virus - wohl langfristig mit Corona leben müssen. Wir haben ja alle erlebt, dass Corona ein sehr flexibles Virus ist, das mit einer hohen Mutationsgeschwindigkeit immer wieder zurückkommt. Deswegen ist die Vorstellung, dass man dieses Virus ausrotten kann, erst einmal unrealistisch. Einen kleinen Trost bietet das Influenza-Modell aber doch: Weil immer mehr Menschen geimpft sind und eine Infektion überstanden haben, erhöht sich bei vielen die Grundimmunität, die selbst gegen die meisten Mutationen eine gewisse Grundlage bietet. Corona wird also erst einmal immer wieder zurückkommen, spätestens im kommenden Herbst, allerdings sehr wahrscheinlich weniger bedrohlich. Wir werden also nicht im ewigen Panikmodus verharren müssen, sollten aber wachsam bleiben."

Kinderimpfungen gegen Corona. Foto: Anja Jungvogel
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Man hat zur Zeit den Eindruck, dass Corona nur noch eine kleine Rolle spielt, oder?
Prof. Dr. Malte Thießen:  "Eine weitere historische Erkenntnis ist, dass Menschen sich an Pandemien gewöhnen. Man macht seinen Frieden mit ihr und lernt, mit den Toten zu leben. Das spiegelt sich auch in der Corona-Pandemie wider: Bis vor kurzem hatten wir immer noch hohe Infektionszahlen und schrecklich hohe Todeszahlen zu beklagen, aber sie spielten in der Öffentlichkeit im Gegensatz zum Anfang der Pandemie nur noch eine geringe Rolle. Viele Menschen stumpfen bei diesem Thema mehr und mehr ab."
Wenn man das Virus nicht ausrotten kann, wie sollte man damit nun umgehen?
Prof. Dr. Malte Thießen: "Corona sollte für uns eine Lehre sein: Seuchen sind eben nicht von gestern, so gerne ich das als Seuchenhistoriker behaupten würde. Seuchen sind vielmehr der Normalzustand und werden immer wieder kommen. Wir sollten daher aufmerksam bleiben. Dank Impfungen und Antibiotika lebten wir seit den 1970er-Jahren im Zeitalter der Immunität. Vor Corona waren Infektionskrankheiten für uns etwas Altertümliches oder etwas von fernen Kontinenten, aber nichts, was unser Problem sein könnte. Diese Vorstellung hat uns Anfang 2020 in falscher Sicherheit gewogen und den Beginn der Pandemie allzu sorglos angehen lassen. Der Blick zurück, in die Seuchengeschichte, ist also auch ein Appell für die Zukunft, dass wir unser Aufmerksamkeitsfenster für Pandemien zumindest ein Stück weit offen halten sollten."

Autor:

Anja Jungvogel aus Hagen

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