Katerina Poladjans Roman „Goldstrand“
Der Vergangenheit widmen

Die 1971 in Moskau geborene Schriftstellerin Katerina Poladjan, die in diesem Jahr mit dem Großen Preis des Deutschen Literaturfonds ausgezeichnet wurde, legt in ihrem neuen Roman eine komplizierte Familiengeschichte vor – mit all den historisch-politischen Wirrungen des 20. Jahrhunderts.

Der in die Jahre gekommene Ich-Erzähler, der Filmregisseur Eli erzählt vom Leben seines Großvaters Lew. In vierzig langen Sitzungen soll die Dottoressa, eine Psychotherapeutin Licht in das Dunkel seiner Seele bringen. Katerina Poladjan nimmt diese Sitzungen zum Ausgangspunkt für ein beschwingtes Springen zwischen Raum und Zeit – über mehrere Jahrzehnte hinweg mit unterschiedlichen Figuren aus der Familie.
Philosophieprofessor Lew (Elis Großvater) ist 1922 mit seinen beiden Kindern Felix und Vera an Bord eines Passagierdampfers auf dem Weg von Odessa nach Konstantinopel. Unterwegs springt die 22-jährige Vera über Bord – zumindest deuten viele Indizien darauf hin. Die Leiche wird nie gefunden.
Zwanzig Jahre später schließt Felix sein Studium mit Auszeichnung ab und findet einen Job im Architektur- und Stadtplanungsinstitut in Sofia. Er ist federführend an der Planung des „Goldstrand“ an der Schwarzmeerküste beteiligt. Im Buch heißt es „ein Musterbeispiel sozialistischer Erholungsarchitektur.“ Der nach dem Tod seiner Tochter verbitterte Lew erhält dort eine Anstellung als Hausmeister und Gärtner.
"Schreiben ist in erster Linie erzählen, und jedes Erzählen braucht seine eigene Ökonomie. Wenn ein Maler mit wenigen dunklen Linien Akzente und Schatten setzt, kann das Bild sehr viel Licht zeigen. Vielleicht versuche ich etwas Ähnliches beim Schreiben - mit den richtigen Konturen etwas plastisch werden lassen, was mit einem Übermaß an Details wieder verflachen würde“, hat Katerina Poladjan ihr eigenes dichterisches Credo beschrieben.
Der Roman erzählt von der unehelichen Schwangerschaft von Elis italienischer Mutter Francesa (Anhängerin der politischen Linken), von seinem bulgarischen Vater, der als Architekt realsozialistische Bauten an die Schwarzmeer-Küste gesetzt hat und von seinem Großvater Lew, der in der Trauer um seine verschollene Tochter fast vergeht.
Eli, der in der herunter gekommenen römischen Altbauwohnung seiner Großeltern (glühende Mussolini-Anhänger) lebt, wurde von seiner Frau Jenny und der gemeinsamen Tochter verlassen und lebt im Rhythmus seiner Therapiesitzungen. Aus der römischen Wohnung nehmen wir an der Rekonstruktion der Familiengeschichte und wechselnden politischen Mächten in Europa teil. Wir erleben einen vereinsamten, verbitterten, wurzel- und heimatlosen Protagonisten, der seine besten Jahre als Filmregisseur längst hinter sich hat.
Die Dialoge zwischen Eli und der Dottoressa lesen sich trotz ihrer gedanklichen Schwere erfrischend leicht. „Ich öffne jeden Morgen die Augen und frage die Gegenwart des neuen Tages, was sie mir zu erzählen hat. Doch die Gegenwart antwortet mir nicht. Ich wende mich also von der Gegenwart ab und widme mich der Vergangenheit“, erklärt Protagonist Eli.
„Danke, unsere Zeit ist um. Wir sehen uns am Donnerstag“, heißt es am Ende einer Therapiestunde.
Schade, dass die Zeit um ist, denn „Goldstrand“ war eine viel zu kurze literarische Sitzung. Man hätte gern noch mehr aus der Feder von Katerina Poladjan gelesen. Völlig zu recht stand dieser nur schmale, aber rundherum gelungene Roman auf Platz 1 der SWR- Bestenliste.

Katerina Poladjan: Goldstrand. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2025, 160 Seiten, 22 Euro

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Peter Mohr aus Wattenscheid

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