Barbara Honigmanns Band „Mischka“
Irrungen und Wirrungen

„Ortsnamen verbanden sich mit den Worten Gefängnis, Zuchthaus, Lager, Gulag, Einzelhaft, Folter, Verbannung und Zwangsarbeit in Sibirien, hinter dem Polarkreis. All das hörte ich und davon las ich, und all das hörte dann endlich auch die ganze Welt, und wer will jetzt sagen, was schlimmer war, Auschwitz oder Workuta, das Butyrka-Gefängnis oder das Zuchthaus Brandenburg?“ fragt die 77-jährige Barbara Honigmann in ihrem autobiografischen Band „Mischka, in dem sich die Autorin auf behutsame Weise mit realen Figuren auseinander setzt, die bei ihr nachhaltigen Eindruck hinterließen.

Die wichtigste Figur ist Mischka, die eigentlich Wilhelmine Hermannova Slawusdkaja hieß und aus einer jüdischen Familie in Riga stammte. Sie war einst glühende Kommunistin, fiel aber den stalinistischen Säuberungen zum Opfer und wurde für viele Jahre in ein Arbeitslager in Sibirien verbannt.
In den späten 1960 und frühen 1970er Jahren trafen sich in Mischkas Küche in ihrer kleinen Moskauer Wohnung Dissidenten. Dort begegneten sich Heinrich Böll, Lew Kopelew und Alexander Solschenizyn, erfährt die junge Ostberliner Studentin Barbara Honigmann aus Mischkas Berichten. Es ist von vergifteten Staatsfeinden die Rede, von Angst und Misstrauen gegenüber den Nachbarn und der Allgegenwart des KGB. Durch Mischka, die zur Freundin avanciert, erhielt die junge Barbara Honigmann ihre politische Sozialisation - mit all den Irrungen und Wirrungen, Verklärungen und falschen Fährten. Mischka, die 2005 im biblischen Alter von 100 Jahren verstorben ist, hat ihr „die schwarze Sphäre des kommunistischen Kosmos eröffnet“, wie es im Text heißt.
Honigmanns Alltag wurde in der DDR von jüdischen Kommunistinnen und Kommunisten geprägt, die das KZ oder das Exil überlebt hatten und hoch ambitioniert an den Sozialismus glaubten und ein besseres Deutschland aufbauen wollten. Wir durchleben als Leser noch einmal die Zeit des Kalten Krieges - eine Epoche, die wir für überstanden hielten, aber im heutigen russischen Alltag leider wieder gegenwärtig anmutet – mit Verfolgungen politisch Andersdenkender, mit gefälschten Biografien und Lebenswege, die Irrwegen gleichen.
Barbara Honigmann, die nach dem Studium als Dramaturgin an verschiedenen Ost-Berliner Bühnen gearbeitet hatte, schreibt über das Gefühl des Fremdseins und des Suchens am Rande der Gesellschaft, ums behutsame Aufbauen einer neuen jüdischen Identität. Es ist aber auch ein Buch der Vergänglichkeit geworden, der unpathetischen Beschreibung des unaufhaltsamen Alterungsprozesses, eines – das sich ganz stark mit dem Tod und daraus resultierend mit dem Verlust nahe stehender Personen beschäftigt.
„Mein Weg als Jüdin ist geprägt von Exil-Erzählungen und Überlebensgeschichten – und von dem tief in mich eingepflanzten und stets anwesenden Gefühl von einem 'Wir', die Juden, und 'die', die Deutschen, unter denen wir lebten“, erklärte Honigmann 2023 in ihrer Dankesrede für den Frankfurter Goethepreis. Seit 1984 lebt Honigmann als aktives Mitglied der jüdischen Gemeinde in Straßburg.
Ein schmales, selbstreflektierendes Buch voller menschlicher Wärme, das nur auf der Waage das Nachsehen gegenüber opulenten Wälzern hat. „Mischka“ sollte zur Pflichtlektüre im Schulunterricht werden.

Barbara Honigmann: Mischka. Carl Hanser Verlag, München 2026, 111 Seiten, 22 Euro

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Peter Mohr aus Wattenscheid

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